Toprak Razgatlioglu wagt ab 2026 das Abenteuer MotoGP mit dem Team von Pramac. Beraten wurde er bei diesem Schritt auch von einem, der bereits vor über einem Jahrzehnt aus der Superbike-WM in die Königsklasse ging. Ben Spies berichtet ausführlich über die Herausforderungen und Chancen für 'El Turco'.

Ex-Superbike-Champion Spies: Würde MotoGP-Wechsel wieder machen!

"Ich habe mit ihm und seinem Manager Kenan Sofuoglu schon seit ein paar Jahren viel darüber gesprochen. Ich bin auf ihrer Seite. Das Dilemma war natürlich, ob Toprak bleiben und der König der WSBK werden oder in die MotoGP gehen will. Toprak will es wirklich versuchen und wenn ich in seiner Position wäre und alles noch einmal machen könnte, würde ich wahrscheinlich dasselbe tun. Mit dem, was er bereits in der Superbike-WM erreicht hat, kann er nichts mehr falsch machen. Daran gibt es keinen Zweifel", berichtet der US-Amerikaner im Interview auf 'Superbikeplanet.com'. Zum ersten öffentlichen MotoGP-Test des Superbike-Stars informieren wir euch in unserem neuesten Video:

Starker Toprak Razgatlioglu: Zweitbeste Yamaha im MotoGP-Test (07:37 Min.)

Spies war 2010 als Weltmeister von den Superbikes in die Königsklasse gekommen und damit erfolgreich. Es gelangen Podestplätze und sogar ein Sieg, eher er seine Karriere verletzungsbedingt leider viel zu früh beenden musste. Den Motorradsport verfolgt er aber weiter eng. Razgatloglu bezeichnet der mittlerweile 40-Jährige als einen Freund und schwärmt von seinen Fähigkeiten: "Er gehört mit Sicherheit zu den fünf, wahrscheinlich zu den drei talentiertesten Fahrern der Welt."

Razgatlioglus Herausfoderung: Weniger Bremse, mehr Kurvenfahrt

Doch steht diesem Talent auch eine gewaltige Umstellung bevor. "Die MotoGP-Maschinen unterscheiden sich am meisten von allen anderen Motorrädern, die er gefahren ist. Toprak wird seinen Fahrstil anpassen müssen. Die Art und Weise, wie er auf dem Motorrad sitzt und wie er bremst - er ist ein Teufelskerl. Er wird seinen Fahrstil ändern müssen, damit es auf MotoGP-Bikes funktioniert", ist sich Spies sicher. Der Türke selbst durfte aus vertraglichen Gründen noch nicht selbst über die Umstellung sprechen. Sein Manager Kenan Sofuoglu ist aber nach den ersten Testfahrten bereits mehr als optimistisch:

Der Amerikaner Spies ging bemerkenswert ins Detail, was Razgatlioglu erwarten wird: "Das ist die Achillesferse der Superbike-Rennfahrer, sie wollen spät einlenken und das Motorrad drehen, den Scheitelpunkt erwischen, um das Motorrad zu drehen. Denn beim Superbike hat man nicht viel Flankengrip, das ist nun mal so. Man hat viel Vortrieb und eine gute Bremsstabilität, aber nicht so viel Flankengrip wie bei einem MotoGP-Bike. Also muss man lernen, wie man das ausnutzen kann."

Toprak Razgatlioglu beim Anbremsen
Razgatlioglu war als Spätbremser der Superbike-WM bekannt, Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Dabei ist 'Stoprak' genau für den Superbike-Stil bekannt. "Ich denke, dass er seine extreme Fahrweise ein wenig zurücknehmen muss. Die Kurvengeschwindigkeit ein wenig erhöhen und etwas früher von der Vorderbremse gehen, um das Motorrad Rollen zu lassen", meint Spies daher. Aber er betont auch: "Er wird immer noch weiter reinbremsen wollen als die anderen. Das ist seine Stärke."

Unsicherheitsfaktor Michelin: Kein Gefühl wie auf Pirellis

Nur dürfte die Umsetzung deutlich schwieriger werden, zumindest in Razgatlioglus erster Saison auf der Yamaha. Vor dem Wechsel zu Pirelli-Reifen und dem neuen Reglement von 2027 muss er noch ein Jahr mit den Michelins zurechtkommen. Diese gelten als tückisch: "Meiner Meinung nach besteht der Unterschied im Moment darin, dass der Pirelli durch die weichere Karkasse viel mehr Druck überträgt und ein viel besseres Gefühl hat. Sie haben nicht den Grip des Michelin. Bei Toprak kann man sehen, dass der Pirelli kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve um Gnade winselt. Beim Michelin ist das überhaupt nicht der Fall. Es ist viel mehr Grip und viel weniger Gefühl."

MotoGP-Bikes haben viel Grip auf der Flanke, Foto: Tobias Linke
MotoGP-Bikes haben viel Grip auf der Flanke, Foto: Tobias Linke

Spies warnt seinen Freund daher vor der Saison 2026: "Jeder, der Superbike fährt und dann die Chance bekommt, ein MotoGP-Motorrad zu fahren, kommt fast immer zurück und sagt, dass er mit dem Michelin nichts fühlen kann. Er ist steif und schwammig. Wenn die MotoGP auf Pirelli umsteigt, wird es für ihn sicher einfacher sein. Er wird viel mehr spüren und das Motorrad über die Renndistanz viel besser kontrollieren können."

Spies überzeugt: Toprak Razgatlioglu kann um MotoGP-Siege kämpfen!

Aufgrund dieser Herausforderungen ist der Respekt von Spies gegenüber 'El Turco' nur noch mehr gewachsen: "Er wird seinen Stil ein wenig ändern müssen. Das waren die Gespräche, die wir mit ihm führten, als er es in Erwägung zog. Ich rechne es ihm hoch an, dass er es versucht." Das Potential für große Erfolge sei definitiv vorhanden: "In meinen Augen hat er das Talent, um Siege und eine Meisterschaft zu kämpfen, wenn er das Beste aus dem Motorrad herausholen kann."

Nicht nur Ben Spies wagte in der Vergangenheit den Schritt von der Superbike-WM in die MotoGP. Da waren noch einige andere bekannte Namen dabei. Wir haben zurückgeblickt, wie es ihnen so erging: