Ducati? Weiterhin komfortabel auf WM-Kurs. Aprilia? Erster Sieg seit 13,5 Monaten. Honda? Nächstes Podium nach dem Sensationssieg in Le Mans. Yamaha? Dritte Pole Position in Serie und beinahe der erste Sieg seit 2022. Fast jeder MotoGP-Hersteller hatte nach dem Großbritannien-Grand-Prix in Silverstone Grund zur Freude. Einzig bei KTM, da kracht es gewaltig - und zwar seit Tagen.

Bereits nach dem Trainingsfreitag, als erstmals seit Herbst 2023 keine RC16 den direkten Einzug ins O2 geschafft hatte, schimpfte Pedro Acosta: "Es ist eindeutig, dass unser Motorrad nicht gut genug ist. Wir müssen jetzt dringend einen Schritt machen." Zumindest am Samstag blieb dieser jedoch aus, Acosta schaffte es im Sprint nur mit Ach und Krach noch in die Punkteränge. Daraufhin nahm der Youngster erneut kein Blatt vor den Mund. "Von Platz 14 zu starten und als Achter ins Ziel zu kommen, ist für mich nicht genug. Das ist nicht das, was ich mir von meiner Karriere erhoffe und nicht das, wofür ich arbeite", schäumte er. "Es braucht einen großen Fortschritt von uns allen und zwar schnell, sehr schnell!"

Pedro Acosta fordert KTM-Reaktion - Geduldsfaden vor dem Riss?

Die Wechselgerüchte waren damit natürlich befeuert, auch wenn Acosta im Anschluss einräumte, weiterhin vollstes Vertrauen in seinen Arbeitgeber zu haben. Denn auch nach dem Grand Prix wurde das Geburtstagskind - Acosta feierte am Sonntag seinen 21. Ehrentag - wieder deutlich. "Gelegenheiten kommen nur einmal im Leben und ich will nicht mein ganzes Leben benötigen, um in dieser Klasse Weltmeister zu werden. Dafür brauche ich jetzt Hilfe von der Fabrik", kommentierte er und meinte mit Blick auf sein immer noch sehr junges Alter vielsagend: "Du bist jung, bis du es nicht mehr bist. Manche Fahrer kommen sehr früh in diese Weltmeisterschaft und verschwinden genauso schnell wieder."

Steht ein KTM-Abgang also doch zur Debatte? "Ich habe noch ein Jahr Vertrag und glaube an den Hersteller, aber ich brauche Unterstützung. Ich will nicht hierherkommen, um ein bisschen rumzuschauen. Ich will mich mit den anderen messen", weicht Acosta aus. Der Geduldsfaden scheint langsam zu reißen. "Ich bin keine geduldige Person", meint er. Dass die schwierige Situation dem 'Hai von Mazarron' zusetzt, ist offensichtlich: "Es ist schon hart zu sehen, wenn du versuchst, perfekt zu fahren und dann alles beim Beschleunigen wieder verlierst. Egal was du versuchst, du kommst nie in Reichweite [für ein Überholmanöver, Anm.]."

Pedro Acosta tat sich in Silverstone schwer, seine Gegner zu überholen, Foto: IMAGO / Pro Sports Images
Pedro Acosta tat sich in Silverstone schwer, seine Gegner zu überholen, Foto: IMAGO / Pro Sports Images

Jede Runde ans Aufgeben gedacht! Enea Bastianini am Rande der Verzweiflung

Mit Platz sechs im Großbritannien-GP hatte es Acosta aber sogar noch am Besten getroffen, seine Kollegen in Orange erlebten nochmal ein deutlich schlimmeres Rennen. 2024 selbst noch Sieger, verlor Enea Bastianini als 17. etwa fast 40 Sekunden auf Gewinner Marco Bezzecchi - und das noch ohne die nachträgliche Reifendruckstrafe. "Ich habe jede Runde darüber nachgedacht, aufzugeben. Ich bin nur aus Respekt vor meinem Team weitergefahren, das war das schlimmste Rennen meines Lebens", ließ 'La Bestia' im Anschluss tief blicken. "Alles, was wir ausprobieren, funktioniert nicht. Es wird nur schlimmer. Wir wissen nicht mehr, was wir noch tun sollen."

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Ähnlich ratlos präsentierte sich auch Brad Binder. Die jahrelange Speerspitze KTMs schaffte in Silverstone nur Platz 14, verlor pro Runde fast eine Sekunde auf Rennsieger Bezzecchi. "Das war entsetzlich. Ich hatte wirklich große Probleme, war extrem langsam - und selbst dabei wäre ich mehrmals noch fast gestürzt", klagte er und meinte: "Wir müssen jetzt wirklich etwas finden. Wir versuchen viel, aber nichts macht einen Unterschied." Das große Problem: Es fehle schlicht an Grip. Eine Lösung ist jedoch nicht in Sicht, was den Südafrikaner so langsam zur Verzweiflung bringt: "Verdammte Scheiße, ich bin nicht hier um auf Platz 15 herumzufahren. Letztlich ist das momentan aber mein Niveau. Die letzten Runden bin ich nur noch rumgefahren und habe mir gedacht: 'Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?' Ich bin nur ins Ziel gefahren, weil ich nicht zum vierten Mal in Folge vorzeitig aussscheiden wollte."

Lediglich zwölf Punkte sammelte KTM in Silverstone in der Konstrukteurs-WM. Bei nur vier Zählern Vorsprung auf Yamaha droht somit schon beim kommenden Rennwochenende in Aragon (6. - 8. Juni) der Absturz auf den letzten Platz der Weltmeisterschaft. Ein alarmierender Trend für den Konstrukteur, der 2025 eigentlich Ducati angreifen wollte. "Wir brauchen jetzt Magie", antwortet Acosta schon mit Galgenhumor. Im Anschluss aber schnell wieder ernst werdend, fordert er nun weitreichende Anpassungen: "Wir sprechen seit dem Sepang-Test über diese Probleme [mit dem Grip], aber sie sind immer noch da. Vielleicht bedeutet das, das wir Dinge verändern müssen. Ich habe gelesen, dass Yamaha hier ein neues Chassis im Einsatz hatte. Sie haben die Pole Position geholt und hätten das Rennen gewonnen…"

Maverick Vinales warnt vor Kurzschlüssen: Nicht unser wahres Potenzial gezeigt!

Um seinen Forderungen nochmal Nachdruck zu verleihen, befindet sich Acosta in der laufenden Woche auch für einige Tage in Österreich, um in der KTM-Fabrik vor Ort vorbeizuschauen. Ob er dort einige neue Teile für den anstehenden Aragon-Test (9. Juni) zu sehen bekommen wird? Maverick Vinales hofft jedenfalls nicht, denn der Spanier hat die RC16 in ihrer aktuellen Version als einziger Fahrer noch nicht aufgegeben: "Ich glaube an dieses Motorrad, wir hatten dieses Wochenende nur viele technische Probleme. Ich hätte die Pace für die Top-Fünf gehabt, habe durch die ganzen Kämpfe in den ersten fünf Runden aber sieben Sekunden und damit auch das Rennen verloren."

Maverick Vinales musste sich im Großbritannien-GP von hinten nach vorne kämpfen, Foto: IMAGO / Graham Holt FocusXS
Maverick Vinales musste sich im Großbritannien-GP von hinten nach vorne kämpfen, Foto: IMAGO / Graham Holt FocusXS

Sieben Sekunden von seiner Rennzeit abgezogen, wäre Vinales tatsächlich in den Top-Fünf gelandet - und zwar direkt hinter Johann Zarco auf Platz drei sogar, um genau zu sein. Steht es also doch nicht so schlecht um KTM wie gedacht? "Du brauchst auf dieser Strecke viel Grip in Schräglage und das ist nicht unsere Stärke. Wir haben hier nicht unser wahres Potenzial gezeigt", ist sich die Startnummer 12 sicher und warnt aus diesem Grund auch vor panischen Reaktionen im Aragon-Test. "Wir sollten nichts überstürzen und clever agieren. Wenn wir einen Fehler machen, könnte das zu einem Desaster werden. Wir müssen Schritt für Schritt auf unserem Paket aufbauen", gibt er die Richtung vor.

Die große Frage lautet nun: Wie wird KTM reagieren? Folgen die Österreicher den Anweisungen Vinales' oder doch den Forderungen der restlichen Piloten um Acosta nach weitreichenden Veränderungen? Was meint ihr? Sagt uns eure Meinung zur Lage bei KTM in den Kommentaren!

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