Das hatte wohl niemand kommen sehen! Die MotoGP konnte am Sonntag entgegen der grundsätzlichen Erwartungshaltung von vor dem Rennwochenende ihre kuriose Silverstone-Serie mit nun elf verschiedenen Siegern in den letzten elf Großbritannien-GPs fortsetzen. Auf der obersten Stufe des Podiums stand aber nicht etwa derjenige, dem die große Mehrheit der MotoGP-Fans und -Experten einen Triumph noch am ehesten zugetraut hätte - Alex Marquez - sondern einer, der zuletzt in einer mittelgroßen Formkrise gesteckt hatte.
609 Tage lag der letzte MotoGP-Sieg von Marco Bezzecchi am Sonntag nämlich bereits zurück, er gewann letztmals beim Debüt des Indien-Grand-Prix im Herbst 2023. Lediglich ein GP-Podium (Jerez 2024) und eine Top-Drei-Platzierung im Sprint (Mandalika 2023) hatte er seither geholt, jeweils noch in Diensten des VR46-Teams. Und auch nach dem Wechsel zu Aprilia war es zuletzt nur sehr holprig gelaufen, ein achter Platz im Jerez-Sprint war das beste Resultat der letzten drei Rennwochenenden. Nun also endlich der Befreiungsschlag.
Marco Bezzecchi beendet Formkrise in Silverstone
"Ich habe harte Zeiten durchgemacht", gestand auch Bezzecchi selbst auf der offiziellen MotoGP-Pressekonferenz im Anschluss an die Feierlichkeiten auf dem Podium. "Ich hatte letzte Saison große Probleme und habe mich dann zu einer kompletten Veränderung mit dem Wechsel zu Aprilia entschieden. Auch da hatten wir zu Beginn des Jahres zu kämpfen, aber sie haben an mich geglaubt und gemeinsam haben wir sehr, sehr hart gearbeitet. Jetzt wieder zurück auf dem Podest zu sein, ist daher fantastisch - und dann direkt mit einem Sieg ist natürlich noch viel besser!"
Wirklich angedeutet hatte sich dieser Triumph nicht, zumindest nicht in den letzten Monaten. Nach der Neubesetzung im großen Stil und dem anhaltenden Verletzungsdrama um Weltmeister Jorge Martin war Aprilia nur sehr stotternd in die neue Saison hineingekommen, lag nach dem Frankreich-GP mit nur 62 Punkten etwa auf dem letzten Platz der Konstrukteurs-WM. Auch, weil Bezzecchi erstmal in die ungewohnte Rolle des Teamleaders hineinwachsen musste.
"Die Entwicklungsarbeit anzuführen, war für mich nicht einfach, weil ich das zum ersten Mal in meiner MotoGP-Karriere machen musste. Ich musste viele neue Teile testen und habe versucht, mit meinen Kommentaren so präzise wie möglich zu sein. Aber es war definitiv kein leichter Saisonstart", blickt der 26-Jährige aus Rimini zurück. Der Glaube an den Erfolg ging jedoch nie verloren: "Der Speed war vereinzelt immer wieder da. Jetzt haben wir unseren Weg gefunden."
MotoGP-Triumph lässt Selbstzweifel und Kritiker verstummen
Tatsächlich hatte Bezzecchi bereits im Sprint am Samstag aufhorchen lassen. Mit Platz vier erzielte er sein bis dato bestes Aprilia-Ergebnis. Deshalb besonders beeindruckend, weil er sich nach schwachem Start nach den ersten zwei Kurven rund um Platz 18 wiedergefunden hatte. Mit starker Pace kämpfte sich die Startnummer 72 jedoch zurück - ähnlich, wie im echten Leben. "Wir haben ein paar traurige Tage hinter uns. Ich habe einfach nur versucht, nicht aufzugeben, egal wie schlecht es zwischenzeitlich aussah. Natürlich fängst du aber auch mal an, dich selbst zu hinterfragen, wenn trotzdem nichts zusammenläuft", gestand Bezzecchi auch erste Selbstzweifel in den vergangenen anderthalb Jahren.
Mit seinem Sieg in Silverstone hat sich der Aprilia-Mann nun aber eindrucksvoll zurückgemeldet und nicht nur sich selbst bewiesen, dass er es noch kann, sondern auch sämtliche Kritiker verstummen lassen. "Wenn du schwere Zeiten durchmachst, gibt es immer viele Leute, die dich anzweifeln. Da brauchst du dein Umfeld, dass an dich glaubt", meinte er und sprach anschließend auch der VR46-Academy, zu der er weiterhin zählt, einen großen Dank aus: "Es war nicht einfach, aber glücklicherweise habe ich tolle Menschen um mich herum. Mein Team, die Akademie, Vale [Valentino Rossi, Anm.] und meine engsten Freunde, sie sind alle unglaublich. Vielen Dank an sie!"
Zur Wahrheit gehört am Sonntag aber auch: Erst ein Defekt bei Fabio Quartararo machte Bezzecchis Debütsieg auf der Aprilia möglich. Der Franzose war nach dem Rennen - völlig verständlich - am Boden zerstört:



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