Der Blick auf die offizielle Startliste der MotoGP ist wie ein Tor in eine Art Parallelwelt des Sponsoren-Geschäfts. Da steht nicht einfach Yamaha, sondern 'Monster Energy Yamaha MotoGP Team'. KTM ist als 'Red Bull KTM Factory Racing' eingetragen. Auf die Spitze treibt es VR46. Aus zwei Buchstaben und zwei Ziffern erwächst plötzlich 'Pertamina Enduro VR46 Racing Team'. Nur bei einer Mannschaft fehlt da der Schnickschnack: Aprilia Racing. Was sich leichter liest, stellt ein Problem dar: Noale hat schlichtweg keinen Titelsponsor für seinen Rennstall.

Aprilia sucht vergeblich: Einziges MotoGP-Team ohne Titelsponsor

Absicht steht definitiv nicht dahinter, dass auf der Seite des Motorrads statt des Namens eines Sponsors der Aprilia-Schriftzug samt Löwenkopf prankt. Rennsport-Boss Massimo Rivola betrachtet diesen Zustand als Makel seiner zuletzt so erfolgreichen Arbeit: "Ehrlicherweise bin ich überrascht und natürlich auch ein wenig enttäuscht, dass wir bis jetzt keinen Titel-Sponsor gefunden haben."

Die MotoGP-Teams und ihre Haupt-/Titelsponsoren in der Übersicht

TeamSponsorvollständiger Teamname
DucatiLenovoDucati Lenovo Team
GresiniBK8BK8 Gresini Racing MotoGP
VR46PertaminaPertamina Enduro VR46 Racing Team
KTMRed BullRed Bull KTM Factory Racing
Tech3Red BullRed Bull KTM Tech3
HondaCastrolHonda HRC Castrol
LCRCastrolCastrol Honda LCR
YamahaMonster EnergyMonster Energy Yamaha MotoGP Team
PramacPrimaPrima Pramac Yamaha MotoGP
TrackhouseGulf*Trackhouse MotoGP Team
Aprilia-Aprilia Racing

* Bei Trackhouse tritt Gulf nur bei ausgewählten Rennen als Hauptsponsor auf

Der Hersteller mit dem niedrigsten Budget im Feld hat ein Portfolio aus vielen kleineren Sponsoren, aber keinen größeren Geldgeber. "Zum Glück unterstützt uns die Piaggio-Gruppe (die Dachfirma von Aprilia, Anm. d. Red). Aber eines Tages würde ich liebend gern Herrn Colaninno (Matteo Colaninno, der Vorstandsvorsitzende der Piaggio-Gruppe, Anm. d. Red.) anrufen, um ihm zu sagen, dass wir jemand für etwas Hilfe beim Budget gefunden haben", hofft der Italiener auf Erfolg in der Zukunft.

Sportlicher Erfolg reicht nicht: Formel 1 baut Sportmarke auf

Sportlich gesehen gäbe es eigentlich im Jahr 2026 keinerlei Grundlage mehr für diesen Mangel. Aprilia hat die beste Saison seiner Königsklassen-Geschichte hinter sich und gilt mittlerweile als der Titelfavorit. Der Markenname ist sicherlich nicht so groß wie Ducati oder Honda, doch Rivola verortet das Problem eher im Gesamtbild der Königsklasse.

George Russell im W17
Die Formel-1-Autos ersticken förmlich unter Sponsoren-Logos, Foto: Mercedes-AMG/Steve Etherington

"Eigentlich müsste ich dafür eine sehr lange Antwort geben. Kurzgesagt: Die Marke MotoGP hat immer noch nicht den Schritt gemacht, den die Formel 1 geschafft hat. Die Investments dort sind gewaltig", antwortet er auf die Frage, warum Aprilia immer noch ohne Hauptsponsor dasteht. Tatsächlich rennen in der boomenden Formel 1 die Sponsoren selbst den Mittelfeld-Teams die Türen ein. Die Top-Teams kommen dort auf absurde Einnahmen durch Werbe-Verträge. Weltmeister McLaren schloss vor kurzem etwa einen dreistelligen Millionendeal pro Saison mit Mastercard ab.

Für die MotoGP sind solche Summen sicherlich utopisch, doch im Zuge der Übernahme durch F1-Rechteinhaber Liberty Media wird auch hier ein klares Wachstum angestrebt, von dem Aprilia seinen Teil des Kuchens erwerben möchte.

Sponsoren wollen Stars: MotoGP muss Fahrer in den Mittelpunkt stellen

Laut Massimo Rivola müssen für diese Entwicklung die Protagonisten des Sports in den Mittelpunkt gestellt werden: "Ich glaube nicht, dass wir eine exakte Kopie dessen umsetzen müssen, was in der F1 geschehen ist. Die MotoGP hat ihren eigenen Charakter und muss diesen auch behalten. Was den Markenwert angeht, müssen aber wir alle unser Niveau anheben. Die Fahrer müssen zum Botschafter für die Show werden, die wir bieten, denn diese ist immer noch die Beste auf der Welt."

Marco Bezzecchi hätte Starpotential, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
Marco Bezzecchi hätte Starpotential, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Die Formel 1 hat es geschafft, dass fast alle ihre Piloten als bekannte Stars gelten. In der MotoGP haben diesen Status jedoch nur ein paar Spitzenfahrer - allen voran natürlich Marc Marquez. Sponsoren wollen mit bekannten und vermarktungsfähigen Gesichtern werben. Mit Marco Bezzecchi hätte Aprilia eigentlich einen Mann mit solchem Potential in seinen Reihen. 'Bezz' fiel neben seinen sportlichen Erfolgen bereits mehrfach mit kuriosen und unterhaltsamen Aktionen auf. Im Rahmen seiner Vertragsverlängerung bis 2028 heiratete er etwa sein Motorrad. Massimo Rivola wird sich bemühen, auch bald mit einem Sponsor einen solchen Vertrag abzuschließen, wenn auch ohne Trauungszeremonie.

Ein weiterer Grund für den finanziellen Erfolg der Formel-1-Teams ist die Budgetobergrenze. Massimo Rivola ist auch in dieser Hinsicht eine laute Stimme für Veränderung in der MotoGP: