"Wir sind überglücklich über diesen Deal. In der ganzen Welt könnten wir uns keinen besseren Partner wünschen. Wir sind sehr gespannt darauf, mit ihnen zu arbeiten, denn der Weg durch die Anti-Kartellgesetze war ein langer", zeigte sich Dorna-Sportchef Carlos Ezpeleta gegenüber Motorsport-Magazin.com erleichtert über den Abschluss der Übernahme. Nachdem auch der Widerstand des EU-Kartellrechts überwunden wurde, gehören nun 84 Prozent des MotoGP-Vermarkters dem amerikanischen Medienkonzern Liberty Media, der seit 2017 die Formel 1 erfolgreich umkrempelte. Nun soll auch die Königsklasse auf zwei Rädern diesen Boom erzeugen. Zumindest ist das die große Hoffnung der Beteiligten.
"Ich glaube, vor uns liegt eine strahlende Zukunft, für die gesamte MotoGP. Der Job, den Carmelo [Ezpeleta] und die Dorna gemacht haben, war großartig, sonst hätte Liberty dafür ja nicht mehr als vier Milliarden bezahlt. Jetzt werden sie ihr Investment maximieren müssen. Das ist gut für uns, denn sie brauchen uns, um es besser zu machen", brachte Aprilia-Geschäftsführer Massimo Rivola die Stimmungslage im Paddock zum Ausdruck. Auch Pramac-Boss Paolo Campinoti ist euphorisch: "Der Sport wird davon im großen Stil profitieren. Wir haben gesehen, was in der Formel 1 passiert ist. Sie haben mehr als den Sport an sich erschaffen. Sie haben den Entertainment-Teil eingebracht, der fehlte. Und ich bin mir sicher, dass werden sie auch hier tun, wo der Sport meiner Meinung nach ohnehin schon besser ist. Was das angeht, wird es leichter für sie."
Liberty Media als Dirigent des neuen MotoGP-Marketing-Orchesters
Nun hört sich das alles so an, als wäre Liberty Media eine Art Marketing-Miraculix, in dessen Topf voller Zaubertrank der MotoGP-Obelix nur noch hineinfallen muss. Doch so einfach wird es wohl nicht. Die Teams wissen sehr wohl, dass auch sie nun gefragt sind. "Gerade neben der Strecke wird das mit Liberty Media riesig. Das Paddock wird sich verbessern. Jede einzelne Firma, jedes Team, wird konkurrenzfähiger in Sachen Marketing, Kommerz und Hospitality werden müssen. Wenn die Investoren an die Tür klopfen, dann wird das interessant und lässt dich von Großem träumen", betont der scheidende Tech3-Boss Herve Poncharal Herausforderung und Chance zugleich.
Ducatis Geschäftsführer Claudio Domenicali brachte ebenfalls klar zum Ausdruck, dass hier einiges zu tun ist und hofft auf Druck von Seiten Liberty Medias: "Ich möchte das [die Markentingaktivitäten, Anm. d. Red.] ausgeglichener zwischen den Teams und Herstellern sehen. Manche machen da sehr viel, andere weniger. Um auf das nächste Level zu kommen, muss es eine Art Kontrolle oder Richtungsweisung vom Team der Dorna, mit der Unterstützung durch Liberty Media geben." Damit trifft er auf volle Zustimmung von Yamahas Paolo Pavesio: "Ich erwarte mir von Liberty einen systematischeren Zugang. Heute macht jeder für sich die Sache, so gut er es eben kann. Ich hoffe auf eine neue Strategie, die sicherstellt, dass wir alle als Teil eines großen Orchesters singen. Alle auf ihre eigene Art, aber koordiniert, um aus unserer fantastischen Show das Beste herauszuholen." Liberty soll also der Dirigent sein, aber singen müssen Hersteller und Teams schon noch selbst.
Die Dorna wird dabei eine Art Schnittstelle darstellen. Carlos Ezepleta ist sich sicher, dass das spanische Unternehmen dazu bereit ist: "Wir sitzen im selben Boot. Natürlich haben wir uns schon in der Vergangenheit stark ausgetauscht und nun können wir eng mit Liberty Media für die MotoGP und das gesamte System der Dorna zusammenarbeiten. Sie stimmen mit unserer Strategie überein und wollen, dass wir so weitermachen." Tatsächlich wurde dort bereits einiges in die Wege geleitet. Mit Dan Rossomondo kam beispielsweise schon 2023 ein Mann mit Erfahrung aus dem Marketing der NBA. Für Ezpeleta gibt es in den nächsten Jahren nur ein Ziel: "In dieser neuen Ära liegt unser Fokus darauf, neue Fans zu gewinnen. Daran werden wir alles messen, was wir machen. Wie können wir dort auftauchen, wo uns die Leute nicht erwarten? Wie kann die MotoGP kulturell relevanter werden? Darauf liegt der Fokus."
Von Spanien in die Welt: Der MotoGP-Globus soll erweitert werden
Doch wo findet die Königsklasse die neuen Fans? Am besten überall. "Als globaler Hersteller sehen wir die Leidenschaft in Südamerika und die Möglichkeiten dort. Wir sehen auch Südostasien, Indien und China. Ich hoffe, wir können die Show auf ein höheres Level bringen, aber vor allem zu einem breiteren Publikum", meint Pavesio. Ducatis Domenicali blickt auch in westliche Regionen. Wenig überraschend denkt er dabei an das Mutterland von Liberty: "Es gibt auch in den konventionelleren Märken wie den USA oder Großbritannien noch Wachstumspotential. Da können wir ein noch viel größeres Publikum ansprechen. In den USA haben wir nur ein Rennen. Da kann viel getan werden. Wir müssen das nicht genauso wie die Formel 1 machen, aber wenn man sich ansieht, wie sich die Fanbasis der Formel 1 in den USA über die letzten Jahre entwickelt hat, dann war das Wachstum beispiellos."
Um sich in Wachstumsmärkten besser zu präsentieren, braucht es nicht nur neue Rennen wie die Rückkehr nach Brasilien ab 2026. Es wird auch neues Personal benötigt. Obwohl sie einen weltweiten Sport betreibt, ist die Dorna sehr spanisch geprägt. Das wird mit Libertys Einfluss internationaler werden. "Es laufen bereits einige Änderungen. Das betrifft das Team bei der Dorna. Da gibt es einen Übergang zu einem globaleren Team. Es wird in das Marketing investiert. Die Leute werden neue Inhalte sehen, die neue Fans und neue Länder adressieren", kündigt Carlos Ezpeleta an.
Harley Davidson und TikTok: Der breite Weg zum MotoGP-Profitgeschäft
Als Beispiel hierfür nennt der Spanier eine neue Partnerschaft, die den zuvor festgelegten Kriterien entspricht. Ab 2026 wird es bei sechs ausgewählten Grand Prix im Rahmenprogramm Rennen mit Motorrädern von Harley Davidson geben. Was sich erst einmal verrückt anhört, bietet genau das Gesuchte: Es könnte bei einem neuen Publikum Interesse wecken. Was sich Dorna und Liberty sonst noch alles einfallen lassen, wird bald zu beobachten sein. Ein Ausbau der Aktivitäten in den sozialen Netzwerken und Medien erscheint sicher. In der Formel 1 feierte zuletzt sogar der serieneigene Kinofilm mit Hollywoodstar Brad Pitt Premiere.
Die Stars des Sports sind trotz prominenter Fans wie etwa Keanu Reeves aber natürlich die Fahrer selbst. Auch ihnen wird Neues bevorstehen. F1-Weltmeister Max Verstappen war nicht immer begeistert, wenn bei 'Drive to Survive' Drama herbeigedichtet wurde, das eigentlich nur in den Köpfen der Macher dieser 'Dokumentation' existierte. Eines ist aber klar: Die Serie hat geholfen, dass aus vielen Fahrern nicht nur mehr Sportler, sondern bekannte Stars wurden. In der MotoGP gilt das aktuell nur für einen, und genau der hat 2025 die Möglichkeiten aufgezeigt. Am Sachsenring dominierte Marc Marquez wieder einmal sein Lieblingsrennen. Die Aufmerksamkeit zog er allerdings mit dem Siegertänzchen bei der Zieldurchfahrt auf sich. Er ahmte dabei einen damaligen Trend auf TikTok nach. Allein auf Instagram erhielt der Clip fast fünf Millionen Likes. Zum Vergleich: Normale MotoGP-Inhalte auf dieser Plattform bewegen sich zwischen 50.000 und 200.000 der begehrten Daumen nach oben. Es zeigt das enorme Potential, welches dort schlummert.
Falls dieses mit Hilfe von Liberty Media ausgeschöpft werden kann, dann ist die Zielvorstellung für die Beteiligten klar. Egal, warum ein Hersteller Motorsport betrieb - aus Tradition, Werbung oder Zurschaustellung der eigenen Technik - eines war immer gleich: Es handelte sich um ein Minusgeschäft, das durch die beteiligten Firmen subventioniert wurde. Die Formel 1 hat dies erstmals geändert. Teams sind profitabel und ein Investment, denn ihr Wert steigt und steigt. "Das wird eine sehr spannende Ära für die MotoGP. Wir wollen daran arbeiten, Schritt für Schritt aus dem alleinigen Aufwand eines Herstellers ein Geschäftsmodell für die Zukunft zu machen. Das wäre neu für uns, aber sehr positiv und sehr willkommen für das gesamte Paddock", hofft KTMs Pit Beirer. Gerade der Hersteller aus Österreich könnte so sein Motorsport-Engagement nach der überstandenen Insolvenz in Zukunft viel besser rechtfertigen. "Für uns, die wir so unter Druck waren diesen Winter, war es sehr aufregend zu sehen, dass wir attraktiv sind, dass Investoren aus der Finanzwelt und der Industrie kommen und sehen, ob sie Anteile von MotoGP-Teams erwerben können. Das ist sehr positiv für uns alle, wenn wir die Belastung für die Hersteller reduzieren können", berichtet Beirer, dass nicht nur er den 'Liberty Effekt' erwartet. Es wird also mit Spannung zu sehen sein, wer auf den Zug aufspringt. Es herrscht Goldgräberstimmung in der MotoGP, doch erfolgreiche Funde sind nicht garantiert.
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