Davide Brivio ist ein absolutes Urgestein der MotoGP. Doch auch der Italiener lernt in der Königklasse immer wieder neues dazu. Besonders die Einführung der Sprints im Jahre 2023 hat für ihn die Weltmeisterschaft entscheidend verändert. Während Marc Marquez 2025 sowohl samstags als auch sonntags dominierte, so war der Titelkampf 2024 durch die Kurzrennen geprägt.

Brivio beim ersten Sprint-Rennen zu Gast: 12 Punkte sind eine Menge!

Beim ersten Sprint-Rennen in Portimao konnte sich der heute 60-Jährige die Sache noch als Fan ansehen. Schon damals wagte er aber eine Prognose: "Als die Sprint-Rennen 2023 begannen, da war ich nicht in der MotoGP involviert. Ich kam zu Besuch zum ersten Rennen und wurde danach gefragt. Ich sagte damals voraus, dass die Sprintrennen das Spiel verändern werden. Denn ich denke, dass zwölf Punkte für ein Sprint-Rennen eine Menge Punkte sind."

Bagnaia und Martin kämpften hart um den WM-Titel 2024, Foto: MotoGP Press
Bagnaia und Martin kämpften hart um den WM-Titel 2024, Foto: MotoGP Press

Damals war er noch in der Formel 1 unterwegs gewesen, doch kehrte er 2024 als Teamchef von Trackhouse Racing zurück. Die Saison entwickelte sich zum spannenden Kampf zwischen Titelverteidiger Francesco Bagnaia und Herausforderer Jorge Martin, der letztlich siegreich daraus hervorging.

Sprint entscheidet WM 2024: Seriensieger Bagnaia geht leer aus

Der Sprint war für den Ausgang essentiell. "22-mal zwölf Punkte auf dem Tisch zu haben, das kann den Unterschied machen. Genau das ist letztes Jahr passiert. Es ist ein bisschen merkwürdig, dass [Francesco] Bagnaia elf Rennen gewonnen hat und Jorge [Martin] nur drei, aber er wurde Weltmeister. Das passierte, weil Bagnaia mehr Fehler im Sprint unterliefen", blickte der Italiener zurück. Die alte Sichtweise des Rennsonntags als entscheidendem Tag gelte nicht mehr: "Zwölf Punkte sind wirklich eine Menge. Ich sage nicht, dass es falsch ist, aber es ist viel. Für die Meisterschaft musst du nun beides [Sprint und Grand Prix, Anm. d. Red.] als gleichermaßen wichtig ansehen."

Das gilt aber nicht für alle im Feld. Sein eigenes Team musste sich darüber trotz der ersten Sprint-Podien von Raul Fernandez noch nicht allzu oft Gedanken machen. "Meine persönliche Meinung ist, dass die Sprints dann wichtig sind, wenn du um die ersten drei Plätze kämpfen kannst. Es ist nicht wichtig, wenn du um Platz sechs bis acht fährst, das sind dann drei oder zwei Punkte. Das macht keinen echten Unterschied", meint Brivio.

Tatsächlich deckt sich dies fast komplett mit unserer Punkteauswertung der Saison 2024. Ist der Anteil der Gesamtpunkte aus dem Sprint in der Tabellenspitze etwa bei 30%, so wird er bei den hinteren Platzierungen immer geringer. Zwar gibt es in dieser Hinsicht auch Ausnahmen wie Franco Morbidelli, Aleix Espargaro und Jack Miller, doch eine andere Sichtweise unterstreicht Brivios Aussagen umso mehr.

MotoGP-Gesamtwertung 2024: Punkte in Sprint und Grand Prix

PositionFahrerPunkteSprint-PunktePunkte ohne SprintAnteil SprintpunkteAnteil Rennpunkte
1Jorge Martin50817133734%66%
2Francesco Bagnaia49812837026%74%
3Marc Marquez39212227031%69%
4Enea Bastianini38612226432%68%
5Brad Binder2174417320%80%
6Pedro Acosta2156415130%70%
7Maverick Vinales1905513529%71%
8Alex Marquez1733713621%79%
9Franco Morbidelli1735711633%67%
10Fabio di Giannantonio1652613916%84%
11Aleix Espargaro1635410933%67%
12Marco Bezzecchi1531613710%90%
13Fabio Quartararo113209318%82%
14Jack Miller87276031%69%
15Miguel Oliveira75165921%79%
16Raul Fernandez666609%91%
17Johann Zarco552534%96%
18Alex Rins310310%100%
19Takaaki Nakagami310310%100%
20Augusto Fernandez2742315%85%
21Joan Mir211205%95%
22Luca Marini140140%100%

Achten wir nur auf die reinen Punktzahlen aus dem Sprint, so wird eine eklatante Dominanz der vier Ducati-Fahrer an der Spitze deutlich. Jorge Martin ragt aus dem Quartett sogar noch einmal heraus. Ohne die Punktzahlen aus den Spitzenpositionen des Sprints wäre ein Angriff auf den WM-Titel wohl gar nicht möglich. In den 20 Grand Prix des Jahres 2024 gab es 500 Zähler zu holen. Francesco Bagnaia sicherte sich fantastische 370 (74%) von diesen und wurde dennoch nicht Weltmeister. Die Sprints machten den Unterschied.

Die Rennpunktzahl 2024: Der WM-Stand ohne Sprints

PositionFahrerRennpunkteVergleich zum Gesamtstand
1Francesco Bagnaia3701
2Jorge Martin337-1
3Marc Marquez2700
4Enea Bastianini2640
5Brad Binder1730
6Pedro Acosta1510
7Fabio di Giannantonio1393
8Marco Bezzecchi1374
9Alex Marquez136-1
10Maverick Vinales135-3
11Franco Morbidelli116-2
12Aleix Espargaro109-1
13Fabio Quartararo930
14Jack Miller600
15Raul Fernandez601
16Miguel Oliveira59-1
17Johann Zarco530
18Alex Rins310
19Takaaki Nakagami310
20Augusto Fernandez230
21Joan Mir200
22Luca Marini140

Auch auf den weiteren Positionen der ersten zwölf der WM-Wertung hat der Einfluss der Kurzrennen einige Verschiebungen erzeugt. Blicken wir hingegen auf die unteren Platzierungen der WM-Tabelle, so hätte es ohne Sprints nur einen Platztausch zwischen Raul Fernandez und Miguel Oliveira gegeben. Alle anderen Platzierungen ab WM-Rang 13 blieben durch die Sprintpunkte unverändert.

Raul Fernandez (Trackhouse MotoGP Team)
Für Trackhouse Racing hatten die Sprints 2024 (noch) keinen großen Einfluss, Foto: IMAGO / PsnewZ

Für Brivio und sein Team hat sich aus dieser Betrachtung also nur verändert, dass seine beiden Piloten den Platz getauscht hätten. Wirklich mitfahren hätten sie also nicht müssen, gibt es doch für 13 von 22 Fahrern nichts zu holen. Und dennoch outet sich der Italiener als Fan des neuen Formats: "2024 war mein erstes Jahr in der MotoGP mit Sprints und ehrlicherweise hat es mir gefallen. Es wurde normal, am Samstag und am Sonntag ein Rennen zu haben. Es war aufregend und schön anzusehen."

Was meint ihr? Werdet ihr mittlerweile mit den Sprints warm und ist es in Ordnung, dass sie mitentscheidend für den WM-Titel sein können? Sagt es uns in den Kommentaren.