"Sie bringen große Vorteile, aber wenn wir sie alle ausbauen, dann wäre das gut." Ein Satz, der Fabio Quartararo nach seinem bitteren Ausfall in Silverstone noch relativ leicht über die Lippen kam. Danach brach der Franzose aber emotional zusammen, konnte erst nach dem aufmunternden Applaus der anwesenden Journalisten wieder sprechen. "Das ist einfach so scheiße, was heute passiert ist", ließ er seinem Frust freien Lauf. Auf dem Weg zum ersten Sieg seit drei Jahren versagte das wohl meistdiskutierte Bauteil der aktuellen MotoGP-Motorräder: Das sogenannte Ride-Height-Device. Eine halbautomatische hydraulische Vorrichtung, die das Motorrad in der Beschleunigungsphase absenkt. So soll einem Wheelie entgegengewirkt werden. Diesen musste Quartararo tatsächlich aber nicht mehr fürchten, als seine Yamaha einfach abgesenkt blieb und damit unfahrbar wurde. Er konnte nichts mehr machen, als in Tränen aufgelöst abzustellen. Am Ende des Rennens erwischte es dann sogar noch Teamkollege Alex Rins, der allerdings nurmehr drei Kurven absolvieren musste. Er schleppte sich noch zu ein paar Punkten ins Ziel. "Es war das erste Mal dieses Jahr und es ist schon sehr merkwürdig, dass es bei beiden Fahrern passierte", kommentierte der Spanier. Team-Manager Massimo Meregalli spielte die Sache zwei Wochen später herunter: "Das ist kein großes Problem. Momentan werden wir mit dem klarkommen, was wir haben. Eine Lösung wird dann bald folgen."
Die Anfälligkeit des Systems ist allerdings nicht Neues und bei weitem nicht auf Yamaha beschränkt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich seit Jahren eine Gegnerschaft formiert. Diese hat seit dem Rennen in Silverstone frischen Wind in den Segeln. Vor allem bei den Fans gibt es durch die Bank Ablehnung zu verzeichnen. Sie wollen Fahrkunst und keine technisch dominierte MotoGP sehen. Aber auch bei einigen Beteiligten herrscht Unmut. "Ich habe das schon vor drei Jahren gesagt und ich verstehe es einfach nicht. Die Vorrichtungen an der Front und am Heck werden wir nie an einem Straßenmotorrad sehen", argumentiert Honda-Testpilot Aleix Espargaro. Doch muss er auch zugeben: "Fairerweise muss man sagen, es stand nichts dagegen im Regelwerk. Jemand Intelligentes hat es im Motorrad-Design eingebracht. Das ist ja nicht seine Schuld. Das ist nicht kontrovers." Der Angesprochene ist natürlich Gigi Dall'Igna. Ducatis Technik-Genie brachte die Systeme auf den Weg, mittlerweile haben sie alle Hersteller.

Ride-Height-Devices in der MotoGP: Verbot noch vor 2027 nötig?
2027 werden sie auch wieder ausgebaut, das ist im neuen Regelwerk bereits beschlossene Sache. Längst tobt aber die Diskussion, ob dies nicht zu spät ist. "Es ist an manchen Stellen gefährlich und es ist auch nicht gut für die Show", meint Espargaro. Ein plötzlich unfahrbares Motorrad birgt natürlich ein großes Risiko in sich. Quartararo hatte dahingehend noch Glück, dass er weit in Führung lag und per Handzeichen die nachfolgenden Piloten warnen konnte. Man stelle sich einmal vor, das Ride-Height-Device streikt inmitten einer Kampfgruppe. Ein Fahrer könnte zum rollenden Hindernis für die anderen werden.
Während der Widerstand von Fans und Medien laut wird, scheint das im Feld aber nur einige wenige zu interessieren. "Die Devices waren in Sachen Weiterentwicklung sehr interessant. Ich fände es gut, wenn wir sie beibehalten. Man lernt dabei so viel, wie man noch etwas aus dem Motorrad herausholen kann", ist etwa Johann Zarco von der Technik fasziniert. Auch Marc Marquez spricht sich dafür aus. Er sieht sogar einen Sicherheitsvorteil: "Die Devices machen die MotoGP einfacher zu fahren. Ohne sie wäre es deutlich schwieriger. Heute [am Sonntag in Silverstone, d. Red.] war es sehr windig und mit dem Device am Heck wurde das Motorrad etwas stabiler." Selbst Quartararos Markenkollege Miguel Oliveira kommentiert dessen Ausfall einfach nur mit: "Das ist der Rennsport. Diese Dinge können passieren."
Nach dem Willen zum vorzeitigem Verbot hört sich das nicht gerade an. "Für mich sind die Devices cool", meint auch Marco Bezzecchi, der in Silverstone den Sieg abstaubte. Dabei sollte gerade er es aber besser wissen. Denn in einer bestimmten Situation sind die Devices nachweislich brandgefährlich: Beim Start. Am Tag vor seinem überraschenden Triumph beim Großbritannien Grand Prix war 'Bezz' im Sprint selbst noch Opfer geworden. Das sogenannte Holeshot-Device senkt das Bike für das Wegfahren ab und wird dann mit dem ersten harten Bremsmanöver wieder deaktiviert - wenn es funktioniert. An Bezzecchis Aprilia streikte die Hydraulik aber - mal wieder. Erst in Kurve sechs konnte der Italiener sein Motorrad aus dem Tiefflug wieder aufrichten. Bis dahin war er auf Rang 19 zurückgefallen und zur fahrenden Schikane für seine Kollegen geworden.
Doch manchmal geht es auch gar nicht um einen Defekt des Systems. Es liegt in der Natur des Gewusels eines Starts, dass nicht jeder Pilot mit voller Kraft an der Bremse zieht. Das können die Fahrer an der Spitze, aber dahinter muss Umsicht herrschen. Es gibt längere, aber leichtere Bremsmanöver, um sich an die Bewegung des Feldes durch die ersten Kurven anzupassen. Dabei bleibt das Motorrad natürlich abgesenkt und ist damit schwieriger zu manövrieren. Bezzecchi sollte das wissen. Schon 2023 wurde er beim Start des Sprints in Indien von seinem eigenen Teamkollegen Luca Marini bei einem solchen Vorfall abgeschossen. Es war Teil einer ganzen Reihe von Startvorfällen in jenem Jahr. Marini brach sich dabei das Schlüsselbein. Ironischerweise gewann Bezzecchi dann den Grand Prix am Folgetag. Vielleicht sieht er solche Vorfälle also nach dem erneuten Sieg in Silverstone als gutes Omen. Andere Fahrer haben aber sehr wohl Bedenken.
MotoGP-Verzicht auf Holeshot-Devices auf ausgewählten Rennstrecken?
So zum Beispiel Alex Marquez. Der Aufsteiger der Saison 2025 schoss beim ersten Start vor dem Abbruch in Silverstone in Führung, aber nur für ein paar Meter. Dann ging es beim Einlenken mit Karacho auf den Asphalt. Der Gresini-Pilot attackierte hart auf der Bremse, um das Device auch in der schnellen ersten Kurve deaktivieren zu können. Ein heftiger Sturz war die Folge. Der Spanier kam nur wenige Meter vor der Mauer zum Liegen. "Wir müssen uns das ansehen und dann als Fahrer realistisch einschätzen, wo wir es verbieten sollten", schlägt der Mann mit der Nummer 73 vor. Die Fahrer sollen also auf kritischen Kursen selbst auf die Startvorrichtungen verzichten. "In Le Mans gehört es auf jeden Fall verboten", reicht er dann noch nach. Auch dort gibt es eine schnelle erste Kurve und hart gebremst wird dann erst vor der Dunlop-Schikane.

Tatsächlich trifft Alex Marquez in dieser spezifischeren Angelegenheit auf breitere Zustimmung. "Bei manchen Starts, wie in Le Mans oder Silverstone in der ersten Kurve, ist es ein bisschen unsicher. Wir Fahrer müssen auf merkwürdige Art anbremsen", gibt auch Bruder Marc zu, dass es sich beim Start um ein besonderes Problem handelt. "Du musst wirklich sehr hart Bremsen, um es wieder freizugeben. Der Sturz von Alex hatte damit zu tun, weil er so hart bremsen wollte. Das war kritisch auf dem Medium-Reifen. Das wurde gefährlich", meint Quartararo. Gleichzeitig seufzt der Franzose aber auch: "Ich bin nicht derjenige, der die Regeln macht. Wir sind damit schneller. Wir werden es also nicht ausbauen, solange die anderen es weiterhin benutzen."
Damit bleibt aktuell nur der freiwillige Verzicht aller Fahrer, zumindest am gefährlichen Start. Es wäre ein wichtiger Präzedenzfall. Eine Fahrergewerkschaft wie die GPDA in der Formel 1 existiert nicht. Lediglich eine WhatsApp-Gruppe zur Besprechung von Themen wie der Sicherheit wurde gegründet. Mit einem freiwilligen Verzicht auf die Holeshot-Devices könnten die Piloten ein Zeichen setzen, dass sie nicht nur ein Spielball des Systems MotoGP sind. Und daraus könnten sich dann weitere Initiativen entwickeln. Ansonsten bleibt aktuell wohl nur eines übrig: Hoffen, dass in den verbleibenden zwölf Monaten bis 2027 nichts Dramatisches passiert.
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