Dass Pierre Gasly das morgige Formel-1-Rennen in Monza vom ersten Startplatz aus eröffnet, hatte vor dem Qualifying wohl keiner erwartet – auch der Alpine-Pilot selbst nicht. "Das hat all unsere Erwartungen übertroffen. Ich bin gerade sehr emotional und einfach extrem glücklich mit unserer Performance", freute sich der frischgebackene Pole-Setter in der Top-3-Pressekonferenz, die er zum ersten Mal als Nummer eins besucht.

"Darauf habe ich neun Jahre gewartet!", jubelte er am Funk, als ihn sein Renningenieur John Peckett über seine erste Karriere-Pole informierte. Mit 0,060 Sekunden Vorsprung schob sich Gasly in der letzten Minute gerade noch vor Mercedes-Favorit George Russell, der sich auf seiner letzten Runde nicht genügend verbessern konnte. Er und Toto Wolff machten dafür eine mögliche Sabotage durch Max Verstappen verantwortlich.

Für den Mittelfeld-Piloten, der 2017 sein Debüt mit Toro Rosso gab, ist die Pole Position eine Bestätigung seines Könnens: "Seit ich in der Formel 1 bin, versuche ich jedes Wochenende mein Bestes zu geben. Nicht immer habe ich ein Auto bekommen, mit dem ich um die Pole kämpfen konnte. Aber heute war es das. Ich bin stolz, dass ich meine Chance genutzt habe." Besonders süß dürfte das Ergebnis schmecken, nachdem Gasly gestern sein Monaco-Podium nach mehreren Kontroversen von einem Gericht aberkannt wurde.

Russell sieht keine Meter gegen Gasly – weder im Qualifying noch im Schach

Der eigentliche Favorit auf die Pole Position war Russell. Doch seine Niederlage auf der Strecke hatte sich schon angekündigt. Nicht nur, weil sich Gasly über die Sessions verbesserte und im Q1 schon die schnellste Zeit fuhr, sondern auch, weil Russell am Samstag bereits eine Niederlage gegen Gasly einsteckte – im Schach.

"Wir haben 15 Minuten vor dem Qualifying ein Schachspiel beendet, da hat er mich geschlagen. Ich habe mir gedacht: Naja, ich werde dich im Qualifying schlagen. Jetzt sind wir hier und er ist wieder vor mir", erzählte der Mercedes-Fahrer. Ähnliche Szenen ereigneten sich in der Alpine-Garage: "Ich habe seine Figuren Stück für Stück abgeräumt. Aber Ben [Mallock, Leiter Aerodynamik, Anm. d. Red.] hat zu mir gemeint: Du besiegst George jetzt, aber in ein paar Minuten kriegt er dich. Es hat gut für mich geendet", lacht Gasly.

Seine letzte Pole Position ist schon etwas her: Beim GP2-Saisonfinale in Abu Dhabi 2016 startete der Franzose das letzte Mal von ganz vorne. Seither gelangen ihm bei 189 Rennstarts in der Formel 1 fünf Podien, drei schnellste Runden, 493 WM-Punkte und ein Sieg, ausgerechnet auch in Monza.

Damals konnte Gasly seinen Sieg gar nicht glauben, Foto: Red Bull Content Pool
Damals konnte Gasly seinen Sieg gar nicht glauben, Foto: Red Bull Content Pool
Pierre Gasly feiert seine erste Pole Position
Heute feiert er seine Pole Position, Foto: IMAGO / ANP

Wie holte Gasly die Monza-Pole? Die Faktoren hinter der Quali-Sensation

Aber wie gelang Gasly diese Sensation, mit der nicht nur das eigene Motorenwerksteam, sondern auch die restlichen Top-Teams vorführte? Erstens war seine letzte Qualifying-Runde praktisch fehlerfrei. In der Ascari-Schikane und der Parabolica musste leicht korrigieren, ließ aber nicht viel liegen. "Es war eine unglaubliche Runde. Als ich die Ziellinie überquerte, wusste ich, dass es eine dieser Runden war, die belohnt werden würde. Es war definitiv eine meiner besten Runden", beschreibt es Gasly selbst.

Zweite Zutat für die erste Alpine-Pole seit 2009, als das Team noch unter dem Renault-Mantel fuhr, war eine gute Abstimmung. Im ersten Training übernahm Paul Aron Gaslys A526, im FP2 schaffte er nur einen anonymen 14. Platz. Am Samstagvormittag ließ ein P9 Besserung und ein Top-10-Ergebnis vermuten. Bis zum Qualifying machte das Team dann den entscheidenden Schritt.

"Wir haben uns etwas mehr verbessert als die Teams um uns herum. Wir waren direkt dabei, von der ersten Runde in Q1. Das hat uns selbst überrascht, dass wir da oben waren", ist Gasly ehrlich. Das Ziel sei lediglich ein Q3-Einzug gewesen, doch als er seine Leistungen in den ersten zwei Segmenten sah, kam Vorfreude auf. "Ich wollte mich nicht zu früh freuen, aber dann habe ich gedacht, dass ich wirklich eine Chance habe. Ich habe alles gegeben", meint der Pole-Setter.

"Perfekte Exekution" und Update führten zum Erfolg

Der dritte Faktor war der Windschatten. Gasly fuhr für die letzte Runde hinter dem Top-Team-Gespann auf die Strecke, nur sein Teamkollege war noch hinter ihm. Dadurch entstand ein regelrechter Sog, der auf dem Highspeed-Autodrom bis zu zwei Zehntel an Rundenzeit bringen kann. Das hatte Alpine im Training aber nie ausprobiert. Dennoch erwischte man mit Lewis Hamilton den perfekten Abstand von etwa 2,5 Sekunden.

"Das war eine perfekte Umsetzung vom Team", lobte Gasly. "Ich hatte eine Spitzenposition, wir haben die Lücke gut gemanagt. Die Balance des Autos war eine der besten, die ich je hatte. Das hat mir das Vertrauen gegeben, um die Kurven zu attackieren, herumzuschlittern und mit dem Auto zu spielen."

Und dann war da natürlich noch das Update-Paket, das bereits in Zandvoort kam. Dort stellte das Team praktisch einen neuen A526 auf die Dünenachterbahn, unter anderem mit einem neuen Unterboden und neuen Seitenkästen für Gasly. Dass die Teile zündeten, beweist die Monza-Leistung: "Ohne das Paket von Zandvoort wäre das hier nicht möglich gewesen", ist der Franzose überzeugt. "Das hat uns mehr Performance gebracht und kommt meinem Fahrstil entgegen."

Zweiter Formel-1-Sieg winkt: Kann Gasly in Monza gewinnen?

Die wichtigste Frage ist nun aber: Kann Gasly die Position im Rennen auch behalten und einen zweiten Sieg in seiner Wahlheimat Italien holen? Es wird schwer. Schließlich starten neben ihm ein WM-Kandidat im überlegenen Mercedes und hinter ihm die beiden Ferraris, die in Monza alles zu verlieren haben. "Mein Plan ist, so lange wie möglich vorne zu bleiben", ist Gasly realistisch. Er weiß selbst um seine Unterlegenheit: "Wie lange das sein wird? Keine Ahnung."

"Ich werde mich auf mein Fahren konzentrieren, keine Fehler machen und das Beste aus dem machen, was ich habe", bleibt der Pole-Setter mit Erwartungen und Vorhersagen am Boden der Tatsachen. "Ich hoffe wirklich, dass ich meine Position halten kann, aber wir wissen alle: Das ist Racing. Und das ist ein Problem für morgen."

Ferrari verhindert beim Formel-1-Qualifying in Monza ein Q2-Desaster, ist im Kampf um die Pole aber doch chancenlos gegen die Mercedes-Motoren. Charles Leclerc sieht noch eine kleine Chance.