Mercedes und George Russell waren eigentlich schon mit einer Hand an der Pole ins Monza-Wochenende der Formel 1 gestartet, und Russell war als haushoher Favorit ins Qualifying gegangen. Dann die Pole um 6 Hundertstel gegen Pierre Gasly zu verlieren, ist schon ein ziemlicher Schock. Er und das Team haben danach schnell den Grund gefunden: Max Verstappen.

"Am Ende des Tages hat Max das clever gemacht, hat stark verzögert und dem George die Runde zusammengehauen", ärgert sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff direkt nach dem Qualifying im ServusTV-Interview. Verstappen, Russell und der zweite Mercedes von Kimi Antonelli waren bei einer Windschatten-Warterei vor dem letzten Q3-Versuch nämlich über sich selbst gestolpert.

Antonelli, der bereits seit Wochen weiß, dass er wegen einer Motorstrafe aus der letzten Reihe starten muss, fuhr das Monza-Qualifying exklusiv als Windschatten-Edelhelfer für Russell. Das war auch in Q3 so der Plan. Im ersten Versuch funktionierte es wie beabsichtigt. Antonelli zog Russell hin zur ersten Kurve und fuhr dann beiseite.

Max Verstappen sorgt für Chaos mit dem Mercedes-Duo

Im zweiten Versuch wollte Mercedes eine ähnliche Taktik angehen. Doch vor Antonelli bahnte sich ein Drama an. Windschatten war grundsätzlich essenziell für alle, gutes Timing konnte im Qualifying locker zwei Zehntel bringen. Für den letzten Q3-Versuch fuhren nun die beiden McLaren an der Spitze des Feldes los, dann Verstappen, dann Antonelli, dann Russell.

Bei Verstappen ging einiges schief. Er verbremste sich direkt beim Verlassen der Box in der ersten Kurve, meldete aus irgendeinem Grund extrem kalte Reifen, verlor den Anschluss zu den McLarens, und in der Ascari-Schikane realisierte er, dass er so keinen Windschatten bekommen würde. Also ging er erst vom Gas, stieg dann auf die Bremse. Um die Mercedes vorbeizulassen.

"Alles sah gut aus, dann stieg Max vor der Parabolica auf die Bremse", ärgert sich Russell, als er von Motorsport-Magazin.com darauf angesprochen wird. "Er wollte nicht das Führungsauto sein. Eines dieser Dinge. Du kannst nicht kontrollieren, was andere machen. Kimi war da, um mir einen Windschatten zu geben. Im ersten Versuch war der perfekt, aber mit Max hat es das auch für Kimi schwierig gemacht."

Toto Wolff sicher: Verstappen hat Russell die Pole gekostet

"Mir war sehr deutlich gesagt worden, dass ich nicht überholen sollte", erklärt Antonelli nach dem Qualifying. Das Team hatte gewollt, dass er drei Sekunden Abstand zu Verstappen einhielt. "Das war dann schwierig, ich war in der Mitte und wusste nicht, was ich machen soll." Verstappen rollte mit nur mehr 100 km/h in die Parabolica. Jetzt ging alles schief. Antonelli klebte beim Rausbeschleunigen im Heck des Red Bull, und Russell hatte ebenfalls viel zu knapp aufgeschlossen.

Und dann beschleunigte er auch einfach viel zu langsam. Antonelli musste viel zu früh vor der ersten Kurve ausweichen, um Russell nicht im Weg zu stehen. "Ich wollte beschleunigen, der Motor hat ausgesetzt, da war viel los, richtig kompliziert", mag Verstappen die ganze Situation im Nachgang nicht groß kommentieren. Für ihn spielte es kaum eine Rolle. Er hatte das ganze Qualifying mit einem mechanischen Problem gehadert, das ihm das Vertrauen in die Hinterachse genommen hatte. Mehr als P6 war ohnehin nie realistisch.

Russell aber musste nach alldem den Rest der Runde zu dicht an Verstappen absolvieren: "Ich bin die Runde eineinhalb Sekunden hinter Max gefahren. Das war nicht ideal." In der verwirbelten Luft des Red Bulls rutschte er in den Kurven viel zu viel. "Vor allem am Ende in Parabolica, null Anpressdruck", ist sich Toto Wolff sicher. "Das hat die Pole gekostet."

George Russell trotz schwierigem Qualifying sicher: Form ist wieder da

Am Ende konnte Russell seine Zeit lediglich um 83 Sekunden verbessern. Das reichte nur für P2 hinter Gasly. Vor der Parabolica war er noch minimal vor dem Alpine gewesen, dann verlor er hinter Verstappen die letzten Hundertstel durch die Kurve. "Rückblickend hätten wir es vielleicht nicht versuchen sollen", fürchtet Russell, dass man sich mit einem eigentlich guten Auto das Leben mit den Windschatten-Spielchen unnötig verkompliziert hatte.

Auch wenn Russell in Sachen Performance kein wirklich gutes Qualifying hatte: "Das Auto fühlte sich nicht so gut an wie in FP3, ich hatte Probleme mit Verbremsern." Das machte es eben erst so eng. Im größeren Kontext ist Russell aber zufrieden. Nur Gaslys Alpine steht vor ihm, die vermutlich härtere Konkurrenz im Renntrimm, Ferrari, kommt erst in Reihe zwei.

"Es wird interessant sein, gegen Pierre zu kämpfen. Sie haben ein Auto, das schnell auf der Geraden ist", meint Russell. "Ich weiß nicht ganz, mit wem wir kämpfen werden, aber ich bin zuversichtlich, dass ich die Pace habe."

Nach den letzten Wochen vor der Sommerpause erst recht eine Erleichterung: "Seither war ich auf jeder Runde und in jeder Session wieder im Kampf um die Top-3, ähnlich wie zu Saisonbeginn, bevor diese schwierige Serie vor der Pause kam, wo ich kaum eine Runde unter den Top-5 fuhr. Ich freue mich, das Gefühl wiederzuhaben. Aber der Sieg wird natürlich sehr wichtig sein."