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Formel 1 Monza, Gasly erklärt Sieg-Wunder: Aus Pech wird Glück

Pierre Gasly gelingt beim Italien GP binnen eines Jahres die zweite Sensation. Was AlphaTauri den Monza-Sieg brachte, ärgerte den Franzosen zunächst massiv.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - History repeated beim Großen Preis von Italien 2020 der Formel 1 in Monza: Zwölf Jahre nach dem Underdog-Sieg für Toro Rosso durch Sebastian Vettel im Königlichen Park hat Pierre Gasly die Geschichte für die kleine Scuderia aus Faenza statt Maranello wiederholt. Für das inzwischen AlphaTauri genannte Team erzielte der Franzose in einem völlig verrückten Rennen den zweiten Sieg in der F1 überhaupt - erneut in Monza.

Gasly konnte das Glück über seinen ersten Formel-1-Sieg kaum fassen, kam nach dem Rennen aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus. Erst völlige Ekstase am Boxenfunk, dann ein Sprung in die Mechaniker-Masse des Teams, trommelnde Schläge auf die Brust, Sprünge, Szenenapplaus der Fahrerkollegen im TV-Pen und nicht zuletzt ein denkwürdiges Podium, das Gasly gar nicht mehr verlassen wollte und nach Pokalübergabe und Champagner noch eine Weile sitzen blieb.

Pierre Gasly wie Vettel mit Toro Rosso: Sieg in Monza

„Ich hätte das nie erwartet nach meinem Comeback bei Toro Rosso im vergangenen Jahr. Schon das Podium in Brasilien im vergangenen Jahr war unerwartet. Und das hier [der Sieg] ist in der ganzen Geschichte Toro Rossos ja nur ein einziges Mal passiert. „Franz [Tost, Teamchef] hat mir gesagt, dass es damals im Nassen war. Ich bin happy, dass wir es jetzt auch im Trockenen geschafft haben“, jubelte Gasly.

Toro Rossos erster Sieg: Vor zwölf Jahren, auch in Monza - Foto: Sutton

"Es ist unglaublich. Ich realisiere nicht, was gerade passiert! So ein verrücktes Rennen. Wir haben die rote Flagge ausgenutzt. Das Auto war schnell, wir hatten ein schnelles Auto hinter uns. Ich habe in den letzten Monaten so viel durchgemacht, das Podium im letzten Jahr war schon, wow, und jetzt mein erster Sieg in Monza, ich kann das kaum realisieren.“

Gasly hält inne: Moment genießen

Auch deshalb blieb der Franzose so lang auf dem Podium für sich. Erst einmal sortieren. „Ich wollte den Moment für mich nutzen, habe mich hingesetzt und bin die Gedanken, die mir in den Kopf kamen, durchgegangen“, berichtete Gasly. „Ich wollte nicht gehen, denn du weißt nie, wie oft du solche Momente noch genießen darfst. Ich hätte mir gewünscht, dass die ganzen Ränge voller Tifosi gewesen wären. Denn das ist hier eigentlich der beste Ort, um da oben auf dem Podium zu stehen. 2020 ist es eben etwas anders. Ich habe trotzdem einfach den Moment genossen.“

Pierre Gasly kostete den Moment auf dem Podium voll aus - Foto: LAT Images

Kein Wunder nach einer alles andere als kometenhaft gestarteten Formel-1-Karriere. Erst die Degradierung bei Red Bull zur Mitte der Vorsaison, dann der Tod seines guten Freundes Anthoine Hubert durch einen furchtbaren Unfall im Formel-2-Rennen 2019 in Spa-Francorchamps. Jetzt gibt das Leben Gasly nach dem Podium von Brasilien wieder etwas zurück.

Gaslys Hardcore-Finish: Nur noch Quersteher

Teamchef Tost freute sich über den verdienten Lohn für seinen Fahrer. „Gasly ist sehr motiviert. Er hat seine Performance von Spa an [2019 das erste Rennen nach dem Red-Bull-Aus] immer wieder bewiesen und ist heute ein brillantes Rennen gefahren. Er hat es kontrolliert. Als Carlos näher kam, hat er auch seinen Speed verbessert. Das war echt gut.“

Eng war es auch. Mit einem Vorsprung von nur 0,415 Sekunden auf den Spanier im McLaren sah Gasly die Zielflagge als Erster. Vor allem die Schlussphase sei ein unfassbar hartes Stück Arbeit gewesen, so Gasly. „Die letzten fünf Runden waren richtig hart, denn meine Reifen waren echt hinüber. Ich hatte Quersteher in fast allen Kurven und konnte Carlos die Lücke langsam schließen sehen“, schilderte der Franzose.

Safety Car wird von Fluch zu Segen

Gasly weiter: „Ich wäre so angepisst von mir selbst gewesen, wenn ich diesen Sieg in den letzten Runden noch verloren hätte. Deshalb habe ich alles gegeben, was ich hatte, um meinen ersten Sieg in der Formel 1 zu bekommen.“ Mit Erfolg.

Mit nur vier Zehntel Vorsprung auf Sainz gewann Gasly das Rennen - Foto: LAT Images

Den Grundstein für seinen Sieg hatte Gasly durch eine glückliche Fügung allerdings zu einem ganz anderen Zeitpunkt gelegt. Unmittelbar vor dem Safety Car, ausgelöst durch einen ausgerollten Haas von Kevin Magnussen. Genau eine Runde zuvor hatte AlphaTauri den Franzosen zum Wechsel von Soft auf Hard an die Box zitiert. Eigentlich das Todesurteil für seine Chancen im Rennen.

Gasly: Hielt es für einen Witz

„Als wir an der Box waren und ich wieder herauskam, habe ich gleich das Safety Car gesehen und gefunkt, das sei doch ein Witz. Denn so war es die schlechteste Zeit für einen Stopp gewesen“, erinnerte sich Gasly. „Aber dann haben sie gesagt, dass der Boxeneingang geschlossen ist und so hat es sich plötzlich als guter Move herausgestellt.“

Den Grundstein legte Gasly durch Pech beim Stopp, das zu Glück wurde - Foto: LAT Images

So überholte Gasly nämlich fast den gesamten Zug, als die Boxengasse endlich freigegeben war. Einzig hinter Lewis Hamilton und dem Stopp-losen Lance Stroll lag der Franzose noch zurück. Hamilton wurde Gasly durch eine Strafe los. Der Brite war illegal in die geschlossene Boxengasse gefahren. Doch Stroll war ein Problem. Nach einen Crash Charles Leclercs wurde das Rennen pausiert. Unter Rot durfte der Kanadier die Reifen wechseln und verlor nicht eine Sekunde. Gasly allerdings machte kurzen Prozess mit dem Kanadier.

Gasly überholt Stroll und fährt zum Sieg

„Ich habe es geschafft, Lance in Kurve eins zu überholen. Das hat mir echt für das restliche Rennen geholfen“, so Gasly über den zweiten stehenden Start des Tages. „Lewis hat dann nach einer Runde gestoppt und ab diesem Moment war ich allein.“ Eine Erfahrung, die Gasly so seit Jahren nicht mehr kannte. „Es hat mich an meine Tage in der Formel 2 erinnert, als du einfach das Rennen angeführt hast und dich Kurve für Kurve nur auf dich selbst fokussiert hast. Ich habe zuerst so stark gepusht, weil ich den Autos hinter mir den Windschatten nehmen wollte. Ich hatte niemanden vor mir, deshalb musste ich meine Zeit in den Kurven holen“, schilderte Gasly.

Das strapazierte allerdings die Reifen über Gebühr. Deshalb brachen sie gegen Rennende ein, Sainz flog heran. „Ich hatte am Ende echt keinen Gummi mehr drauf. Das Rennen war genau rechtzeitig vorbei“, sagte Gasly erleichtert. Gegen Sainz musste der Franzose in den letzten Runden alle Register seines Könnens aufbieten, genau taktieren.

Sainz macht Druck: So wehrte Gasly ab

„Ich wusste, dass Carlos immer mehr Windschatten haben würde, je näher er kam. Bei vier Sekunden fing das an. Bei drei sind es dann ein idealer Abstand und dann kam er näher und näher. Ich habe deshalb in den Kurven noch mehr gepusht, nur da konnte ich noch Zeit holen - auch wenn das den Abbau erhöht hat“, sagte Gasly. „Irgendwann hatte ich dann in der Lesmo einen großen Moment und habe ihn groß im Spiegel gesehen. Aber für die letzte Runde habe ich mir dann etwas elektrische Energie gespart, falls er etwas versucht hätte.“

Dank ging deshalb auch raus an Honda. „Das Team hat so viel für mich getan, mir die erste Gelegenheit gegeben, das erste Podium und jetzt den ersten Sieg. Es ist verrückt. Ich kann ihnen gar nicht genug danken - allen von AlphaTauri und auch Honda. Es ist eine Strecke, auf der die Leistung zählt und wir haben es vor Mercedes- und Renault-Power gewonnen“, sagte der erste französische F1-Sieger seit 24 Jahren.

Auch diesen Fakt kennt Gasly: „Stimmt, Olivier Panis war der letzte! Ich habe immer gesagt, dass wir das ändern müssen. Ich hätte nie gedacht, dass es mit AlphaTauri möglich wäre. Verrückt.“


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