Ferrari hat in Monza alles zu verlieren. Vor der geballten Ansammlung der Tifosi versucht die Scuderia jedes Jahr, ihre Bestleistung zu bringen. Das ist auch 2026 nicht anders: Ein geupdateter Formel-1-Motor soll Abhilfe beim Power-Defizit auf der Geraden verschaffen. Doch hat das funktioniert? Lewis Hamilton lässt nach dem Trainingsfreitag keine Hoffnung aufkommen.
"Straight-Line-Speed ist etwas, über das wir uns beträchtliche Sorgen machen müssen", bilanziert der siebenfache Weltmeister nach dem zweiten Freien Training, das er auf Platz fünf beendete. "Wenn du dir den Zeitunterschied ansiehst, verliere ich auf der Geraden etwa sechs Zehntel auf George [Russell, Anm. d. Red.]. Das müssen wir uns anschauen."
Das ist tatsächlich ein starker Anstieg an Rückstand. In Zandvoort sprach Hamilton noch von vier Zehntel, die Ferrari auf Mercedes verlieren würde. Dabei zog die Scuderia ihren zweiten Motoren-Joker, der ihnen im Rahmen der ADUO-Regelung in dieser Saison zusteht. Das neue Aggregat soll laut manchen Gerüchten 15 PS bringen. Auch Gerüchte über einen größeren Turbo hat es gegeben.
Ferrari-Motor am Rückstand schuld? Hamilton und Vasseur überzeugt
Dass das aber nicht für einen Anschluss an die oder gar ein Überholen der Konkurrenz reicht, war von Anfang an klar. Während die Roten das FP1 in Italien noch mit drei Zehnteln Vorsprung auf Russell anführten, fehlte Hamilton am Nachmittag plötzlich fast eine halbe Sekunde auf die Bestzeit des Mercedes. Die meiste Zeit ließ er in Sektor zwei durch die zwei Lesmo-Kurven und die Gerade liegen.
Dafür macht Hamilton aber nicht nur den Motor verantwortlich: "Der Motor ist eine Verbesserung. Ich bin dem Team in der Fabrik echt dankbar. Er ist in den langsameren Kurven angenehm zu fahren. Davon gibt es hier einige, also das war nicht das Problem. Dort sind wir gut." Außerdem verpatzte er bei seiner finalen Qualifying-Simulation den Ausgang von Kurve sieben, was seine Rundenzeit verschlechterte. Sein Teamkollege Charles Leclerc kam auf Platz zwei schon auf 0,120 Sekunden an Russell heran.
Ferrari-Teamchef Fred Vasseur sieht den Motor ebenfalls nicht als Reinfall. "Wir leiden immer noch etwas darunter [Straight-Line-Defizit], aber wir haben die Power Unit nicht umsonst gebracht", versichert der Franzose. Er schreibt den Rückstand auf die Konkurrenz etwas anderem zu: "Wir alle verwenden von Session zu Session andere Tankfüllungen, Motoren-Modi. Es ist schwer für uns, das einzuschätzen, sodass wir uns lieber auf uns selbst konzentrieren. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Lücke zu Mercedes im Vergleich zum Saisonstart Schritt für Schritt verkleinern."
Was ist Ferraris wirkliches Problem in Monza?
Außerdem weist der Teamchef darauf hin, dass nicht nur die Motorleistung die Geschwindigkeit auf der Geraden bestimmt: "Es ist der Abtrieb, es ist das Gewicht des Autos. Es ist alles." Dass Ferrari etwas mehr Abtrieb generiert als die Konkurrenz, fiel auch Hamilton auf. Anders als die anderen Teams baute die Scuderia am Freitag noch mit zwei dreieckigen Zusatzteilen am Heckflügel.
Dazu kommt, dass das Energiemanagement auf dem energiehungrigen Autodromo Nazionale Monza eine enorm große Rolle spielt. "Unsere Konkurrenz scheint woanders ihre Energie einzusetzen als wir", stellt Hamilton fest. Auch hier geht Ferrari seinen eigenen Weg: Im Gegensatz zu Mercedes, McLaren und Co. setzen sie die Energie raus aus der Ascari-Schikane ein, weshalb sowohl Hamilton als auch Leclerc im dritten Sektor auf Russell aufholen.
Das dritte Problem war die Balance. "Ich war im FP1 ziemlich zufrieden mit dem Auto. In FP2 war es nicht spektakulär", klagt Hamilton. "Es war echt schwer, eine Runde aufzustellen. Wir hatten einige Änderungen vorgenommen, aber eigentlich nichts, was es so schlecht machen sollte. Das müssen wir jetzt rückgängig machen." Sowohl der fünffache Italien-Sieger als auch sein Teamkollege hatten mit einem nervösen Auto zu kämpfen. Bei Leclerc endete das damit, dass er kurz vor Schluss einen Dreher im Ausgang der zweiten Schikane hinlegte.
Kann Ferrari die Pole holen? Hamilton: "Das wäre der ultimative Traum"
Was bleibt jetzt zu Ferraris Chancen für Samstag zu sagen? Die Pole Position dürfte ein schwieriges Unterfangen sein. "Das wäre der ultimative Traum. Ob wir es schaffen oder nicht, ist die große Frage. Es wird viel Arbeit heute Nacht brauchen. Wir müssen schauen, wo wir uns noch verbessern können – und das sind viele Bereiche. Aber zum richtigen Zeitpunkt auf der richtigen Stelle auf der Strecke zu sein, sollte viel helfen", prognostiziert Hamilton.
Damit stellt er klar die Forderung an Ferrari, Windschattenspielchen mit ihm und Leclerc zu betreiben. Dass Hamilton hier der präferierte Fahrer sein wird, hatte sein Teamkollege schon am Donnerstag vermutet. Im Training verzichtete die Scuderia auf eine Simulation, was Hamilton nicht gut aufnahm: "Der Windschatten ist hier alles. Ich werde morgen danach suchen. Heute war ich da draußen ziemlich allein.
Mercedes wird Kimi Antonelli, der wegen einer Motorstrafe von ganz hinten starten wird, dafür nutzen, um Russell den ersten Startplatz zu sichern. Auf diese Taktik wird Hamilton jedoch vergeblich hoffen. Vasseur will nämlich nichts davon wissen, das Resultat eines Fahrers für das des anderen zu opfern: "Es ist ein Vorteil, dass wir zwei Autos haben. Ich will beide Autos nutzen und beide Autos in der ersten Reihe haben. Wir sind nicht in der Situation, dass einer eine Strafe hat. Wir werden pushen."
Auf dem überholfreundlichen Autodrom ist die Pole Position in Anbetracht der Windschatten-Stärke ohnehin vielleicht nicht der beste Startplatz. Zumindest redet sich das der Ferrari-Teamchef ein: "Es scheint, als würde es im Rennen viele verschiedene Möglichkeiten geben in Sachen Energiemanagement und Überholen. Vor Sonntagabend ist nichts entschieden."
Die Formel-1-Spitze wagt sich in den Trainings in Monza noch nicht an Windschatten-Experimente, aber muss sie das? George Russells Taktik-Vorteil gegen Ferrari & McLaren im Check.



diese Formel 1 Nachricht