Seit Monaten testete McLaren an seiner eigenen Version eines Macarena-Flügels. In Monza fand der H-Wing, wie er in Woking getauft wurde, nun endgültig seinen Weg ans Auto. Dort wird er auch das restliche Wochenende bleiben, denn die letzten Probeläufe bei den Freitagstrainings liefen nach Plan und man zeigt sich zufrieden mit dem neuen Heckflügel. "Mechanisch sieht er in Ordnung aus, um damit zu fahren, und aus einer Aero-Perspektive tut er exakt das, was wir erwartet haben", so McLarens Engineering-Technikdirektor Neil Houldey.

Trotzdem erlebte das noch amtierende Weltmeister-Team rund um den Mann der Stunde einen Dämpfer am Monza-Freitag. Denn Lando Norris verlor im zweiten Training fast vier Zehntelsekunden auf die Bestzeit von George Russell. Entsprechend fiel auch die Bilanz des Siegers der letzten beiden Grands Prix aus. "Es war viel schwieriger als an den letzten paar Freitagen", bilanzierte Norris. "Es fehlt uns sehr an Pace, alles ist viel kniffliger." Nach Zandvoort hatte er Monza zum Schicksalsrennen erklärt: Wenn er hier siegfähig wäre, könne er alle noch ausstehenden Rennen gewinnen, gab sich der Titelträger überzeugt.

McLaren legt 180-Grad-Wende hin: Plötzlich in schnellen Kurven langsam

Am Heckflügel liegt es also nicht, dass McLaren abreißen lassen musste. Doch überraschenderweise liegt es auch nicht an den gewöhnlichen Schwachstellen des MCL40. Dieser schwächelte in den letzten Wochen vor allem in den unrhythmischen langsamen Kurven, weshalb man schon damit rechnete, dass es auf dem schikanenreichen Autodrom nahe Mailand nicht so gut laufen würde wie in Ungarn oder Zandvoort. Noch am Donnerstag hatte Norris diese Schwachstelle betont.

Doch entgegen diesen Prognosen machte Norris in der Prima Variante und der Variante della Roccia jeweils Zeit auf Russell und Co. gut - also in den engen Ecken der Powerstrecke. Den Preis dafür bezahlte er dafür in den Lesmos, in der Ascari-Schikane und in der Parabolica. Allesamt schnellere Kurven. Ein Kurventyp, der dem McLaren zuletzt wie auf den Leib geschneidert zu sein schien. "Komischerweise müssen wir Performance in jenen Kurven finden, in denen wir erwarteten, schnell zu sein, während wir ein bisschen besser in jenen sind, in denen wir Schwierigkeiten erwarteten", stellte auch Norris fest.

Der Schluss liegt nahe, dass das Formel-1-Weltmeisterteam bei der Abstimmung für den Italien-GP sich etwas zu sehr auf seine Schwachstellen konzentriert hat und so die Charakteristiken ihres Autos ungewollt um 180 Grad drehte. Houldey sagte nach dem Trainingsfreitag: "Wir haben ein bisschen mit der Fahrzeughöhe herumgespielt, um die Performance zwischen Highspeed- und Lowspeed-Kurven anzupassen."

Er gab zu, dass man wohl am Setup noch ein bisschen Zeit herausholen könnte, auch wenn der Ingenieur betonte: "Wir haben im Moment eine ordentliche Balance im Auto." Er sieht zusätzliche Verbesserungspotenziale an anderer Stelle: "Von der Energie-Perspektive her haben wir noch etwas Arbeit vor uns, da liegt sicher Rundenzeit versteckt." Das Elektro-Deployment und die Rekuperationsstrategien waren schon die ganze Saison eine Baustelle des MCL40.

Die Telemetriedaten vom Freitag lassen darauf schließen, dass McLaren auf der Geraden vor den Ascaris und auch auf dem Weg zur Parabolica weniger einspeist als die direkten Konkurrenten. Auf Start-Ziel machte Norris auf seiner schnellsten Runde dafür sogar Zeit zur Tagesbestzeit von Russell gut, aber verhältnismäßig wenig. Es gilt schon länger als gesichert, dass die Getriebeübersetzung bei McLaren nicht ganz so optimiert ist wie jene beim Mercedes-Werksteam. An diesem Aspekt geht möglicherweise etwas Effizienz verloren.

Lando Norris und McLaren schreiben Pole ab

Auch auf Fahrerseite glaubt Houldey, dass möglicherweise noch eine Zehntelsekunde versteckt liegt, dennoch fällt seine Prognose für das Qualifying am Samstag eher pessimistisch aus. "Realistisch gesehen wird es schwierig werden, auf Pole zu fahren, aber wir werden versuchen, so nahe wie möglich heranzukommen", sagte Houldey. Dem pflichtet auch Norris bei: "Ich denke nicht, dass wir uns im Moment im Kampf um die Pole befinden."