Der erste Tag der Formel 1 in Monza endet mit George Russell an der Spitze vor Ferrari, und mit einem sehr großen Fragezeichen namens Windschatten in der Taktik-Analyse, besonders im Hinblick auf das Qualifying. Ein erster Blick suggeriert hier womöglich riesiges Potenzial - ist das nur ein weiterer Vorteil für Russell?
Dass der Mercedes-Pilot als Favorit ins Bett geht, steht einmal außer Frage. Russell beendete das 2. Training 0,120 Sekunden vor dem Ferrari von Charles Leclerc und war auch im Renn-Trimm vorn dabei. Da Kimi Antonelli wegen einer Motorstrafe von ganz hinten starten muss, ist die Tür für Russell nicht nur offen - Antonelli kann sie ihm im Qualifying aufhalten. Denn seine Strafe erzeugt einen Vorteil in einem Kampf um den Windschatten, dessen Wert der Freitag zu unterstreichen scheint.
Formel-1-Spitze spart in Trainings Windschatten - ein taktischer Fehler?
"Wenn es irgendwen gibt, von dem ich Windschatten holen kann - das ist das eine Ding, das ich diese Session lernen wollte, das wurde nicht erreicht", beklagte sich etwa Oscar Piastri am Funk nach seiner Qualifying-Simulation. Die Top-Teams hatten sich am Freitag nicht groß bemüht, Windschatten-Experimente zu fahren. Obwohl man vor dem Wochenende davon ausging, dass der Windschatten 2026 aufgrund der fehlenden Batterieleistung noch stärker sein könnte als in den letzten Jahren.
Während man vorn das im 2. Training nicht validierte, gab es dahinter die ersten, die es dringend wissen wollten. Oliver Bearman im Haas kristallisiert sich nach starkem achten Platz als Anschauungsobjekt heraus. Bearman war zuerst auf neuen Soft-Reifen eine Runde ohne Windschatten gefahren. 1:23,690 war solide, aber nicht weltbewegend und P12 gewesen.
Dann ging Bearman für einen zweiten Versuch auf Windschatten-Suche. Ein erster Versuch, sich hinter dem bereits einen Longrun fahrenden Liam Lawson einzunisten, ging schief, die beiden stolperten in der Parabolica geradezu übereinander. Bearman brach ab, rollte weiter suchend herum, dann fand er Gold, genauer gesagt den aus der Box kommend noch eine schnelle Runde eröffnenden Gabriel Bortoleto.
Bearman hängte sich aggressiv gut zwei Sekunden hinter dem Audi ein. Resultat: Er gewann nicht weniger als vier Zehntel relativ zu seinem ersten Versuch auf der Geraden. Das bezahlte er mit einer Zehntel Verlust in der Ascari-Schikane, wo der Haas in der Dirty Air des Audi stärker rutschte. Macht unter dem Strich also einen Nettogewinn von 0,320 Sekunden. Das kommt den Prognosen vor dem Wochenende nahe, und wird der Spitze zu denken geben.
Mercedes plant mit Windschatten - Ferrari nicht?
Drei Zehntel ist im aktuell zu erwartenden Pole-Duell Russell gegen Ferrari eine Welt. Charles Leclerc fehlten im 2. Training nur 0,120 Sekunden auf den Mercedes. Hier kommt Antonelli ins Spiel. Mit seiner Motorstrafe kann Mercedes sein Qualifying allein darauf ausrichten, Russell zu ziehen. Man kann alles genau planen, die Lücke präzise managen.
"Wir haben es in FP1 versucht, ich habe ihn gezogen, nur um eine Referenz zu haben, und es schien ganz gut zu funktionieren", berichtete Antonelli nach dem 2. Training. Den Rest seines Tages verbrachte er exklusiv mit Rennvorbereitungen, fuhr andere Setups und so weiter. Mercedes glaubt nicht, dass ein Sieg für Antonelli vom Ende des Feldes kommend möglich ist, auch wenn er die Hard-Longrun-Tabelle mit bestechend konstanten Zeiten selbst auf 23 Runden alten Reifen anführte. Auch ein Podium traut man sich nicht als Ziel auszugeben.
Ferrari hat beim Thema Windschatten jetzt ein Problem. Anders als Mercedes hat man keinen Fahrer, den man einfach so opfern kann. Lewis Hamilton hat an diesem Wochenende die Positionswahl und wird damit wohl Charles Leclerc zwingen, vor ihm zu fahren. Aber das ist etwas anderes, als bewusst zu taktieren. Wie Bearman zeigte und andere Fahrer schon vorab prognostizierten: Mit den neuen Autos macht es tatsächlich Sinn, bis auf zwei Sekunden ranzufahren.
Das ist so eng, dass man es eigentlich abstimmen muss. Und das sabotiert dann zwangsweise den Vordermann. So weit will Ferrari nicht gehen. "Wir haben zwei Autos, das ist ein Vorteil, und ich will, dass beide Autos um die erste Reihe kämpfen", stellt Teamchef Fred Vasseur am Freitagabend klar. Dann darf sich Leclerc vorneweg selbst einen anderen Windschattengeber suchen, und Hamilton muss dahinter mit dem leben, was er von Leclerc ungeplant bekommt.
Fährt Ferrari in Monza mit zu viel Abtrieb?
Ferrari hat auch in Sachen Setup in Monza Hausaufgaben zu machen. Es überrascht nicht, dass der SF-26 selbst mit Motor-Update auf den Geraden hinterherhinkt. Leclerc verliert drei Zehntel auf Russell nur auf den Geraden. Bei Hamilton ist es noch eine mehr, nachdem er den Exit der zweiten Lesmo auf seiner Qualifying-Runde ruinierte.
Einige Setup-Fragen gilt es zu klären. Zuerst einmal scheint die Energie-Abgabe nicht optimal gelöst. Die Ferrari-Lösung mit mehr Power raus aus der Ascari-Schikane teilt die Konkurrenz nicht. Es wäre nicht überraschend, wenn die Scuderia am Samstag auf mehr Power raus aus der zweiten Lesmo umschwenkt.
Dann ist da die Frage des Abtriebs-Niveaus. Grundsätzlich gibt es keine klassischen Monza-Pakete mit Mini-Heckflügeln mehr, weil die neuen Autos bekanntlich sowieso auf den Geraden Front- und Heckflügel immer flachstellen dürfen. Trotzdem haben zumindest Mercedes und Red Bull aus dem Spitzenfeld ihre Zusatz-Gurney-Aufbauten an der Oberkante des Heckflügels hier abmontiert.

Ferrari fährt immer noch mit diesen dreieckigen Zusatzteilen. Da die Strecke am Freitag mit überraschend viel Grip aufwartete, mag es gut sein, dass Ferrari aktuell mit zu viel Abtrieb fährt. Wie viel davon kann man loswerden? "Das müssen wir uns anschauen", meint Hamilton nach dem Training nur. Er haderte in FP2 zusätzlich mit der Balance, das Heck war zu nervös. Daher lag er so weit hinter Leclerc auf P5.
McLaren in Monza weit weg, Red Bull noch weiter
So weit war Hamilton weg, dass sich sogar Lando Norris vor ihn schummelte. Die McLaren-Version des invertierten Heckflügel-Mechanismus hält laut Team zwar, was sie versprochen hat, doch das Paket ist insgesamt einfach zu langsam. Fast vier Zehntel fehlen Norris, der überrascht feststellt, dass viel davon in schnellen Kurven kommt - zwei Zehntel nur durch die Lesmos und Ascari. Eigentlich Kurven, die dem MCL40 basierend auf den letzten Wochenenden liegen sollten.
"Mal schauen, was wir über Nacht ändern können, aber wir sind in keiner so guten Position wie an den letzten Wochenenden", meint Norris, der seine Siegesserie schon reißen sieht. Immerhin geht es ihm besser als Red Bull. Max Verstappen fuhr in FP1 nicht, weil Ayumu Iwasa eines der verpflichtenden Rookie-Trainings ableistete. Da es für Liam Lawson erst das zweite Wochenende im RB22 ist, ist das Team im Setupfindungsprozess jetzt mangels Erfahrung und Input hintendran.
Verstappen hatte in FP2 ein Auto vorgefunden, dessen Balance sich durch den Kurvenverlauf immer weiter verschlechterte und am Ausgang dann permanent beim Gasgeben massives Übersteuern provozierte. "Wir haben eindeutig ein Balance-Problem im Auto, ein bisschen wie Zandvoort", meint Cheftechniker Pierre Wache. Red Bull ist sich beim Setup unsicher, beim Deployment, und bei den Monza-spezifischen Flügel-Komponenten.
So sieht es aktuell unweigerlich sehr gut aus für George Russell. Die Trainings bestätigen nur, dass Ferrari Perfektion braucht, und vielleicht auch noch Mercedes-Pech, um ihn ernsthaft zu fordern. McLaren müht sich um Anschluss, Red Bull nicht einmal um das. Und Kimi Antonelli wird wohl von ganz hinten eine große Show abziehen.
Große Updates hat an der Spitze in Monza niemand am Auto. Dafür gehen die Sticheleien zwischen Mercedes auf der einen und Ferrari und McLaren auf der anderen Seite bezüglich verfügbarem Budget immer weiter. Da heißt es alle gegen Toto Wolff. Mehr dazu hier:



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