Die Auferstehung von Lewis Hamilton und Ferraris Rolle als erster und auch ernster Herausforderer von Mercedes nach einem aggressiven Update-Programm war die große Story in der ersten Saisonhälfte der Formel 1, und zugleich die große Hoffnung auf Spannung im WM-Kampf. In Wahrheit sieht der Sommer unter der Lupe aber immer schlechter aus, je länger man ihn sich ansieht. Servieren Ferrari und Hamilton Mercedes die WM gerade auf dem Silbertablett?

Die sechs Rennen vor der Sommerpause waren grundsätzlich nämlich eine gigantische Chance für Ferrari. Ihre aggressiv-vorlastige Update-Strategie mit zwei großen Paketen in Miami und Barcelona hatte die im ersten Saisonviertel noch viel zu große Lücke zu Mercedes erst einmal substanziell verkürzt, als man in das zweite Saisonviertel und in die Europa-Saison startete.

Ferrari wird zum echten Mercedes-Herausforderer - vorerst

Mercedes hatte viel in den Saisonbeginn investiert und dann nur ein großes Update gebracht. Damit, so die Vermutung, ist Ferrari den WM-Führenden im Update-Rennen aktuell einen halben Schritt voraus. Ein halber Schritt, den Mercedes potenziell mit mehr Updates im Herbst schließen könnte. Wenn das geschehen sollte, dann wird jeder Punkt zählen, den Ferrari jetzt holen kann.

Dazu kommt, dass die Europa-Saison mit Monaco, Ungarn, den Niederlanden und bis zu einem gewissen Grad Barcelona eine Serie an Strecken bietet, die dem Ferrari ohnehin entgegenkommen. Besonders in langgezogenen Kurven ist der SF-26 auf Chassisseite besser als der Mercedes. Das Defizit kommt primär von fehlender Motorleistung. Alles in allem war es also angerichtet für Ferrari, den Druck auf Mercedes richtig zu erhöhen.

Dass das alles realistisch war, zeigte Hamiltons Sieg in Barcelona unmissverständlich. Im Qualifying holte er beinahe die Pole. Im Rennen wagte Ferrari eine aggressive Strategie, hatte dann zwar Glück mit einer kurzen Neutralisierung, aber auch danach war Hamilton in freier Fahrt schnellster Mann. Kurzum, Ferrari konnte aus eigener Kraft Mercedes fordern.

Antonelli-Hype, Hamilton-Comeback! Unsere F1-Zwischenzeugnisse 2026 (39:03 Min.)

Doch der Sommer weitete sich für Ferrari zu einer Litanei an Fehlern aus. Hamilton reiste mit 41 Punkten Rückstand auf Kimi Antonelli aus Barcelona ab. Und obwohl der Ferrari auf dem Papier in den folgenden Rennen gute Pace zeigte und Mercedes immer neue Zuverlässigkeitsprobleme am W17 entdeckte, beträgt die Lücke in der Sommerpause nun 50 Punkte. Hier ist einiges schiefgelaufen.

Ferraris technische Fehler: Wohin verschwindet die Trainings-Performance?

Es beginnt auf technischer Seite. Der Ferrari war an mehreren Wochenenden in der Theorie schnell. Nicht aber in der Praxis. Konkret war er freitags schnell, nur um dann im Qualifying auszulassen. Das lag dabei aber nicht daran, dass Ferrari freitags etwa den Motor stärker aufdrehte als Mercedes, keineswegs.

Sowohl in Monaco also auch in Ungarn war Ferrari eigentlich als Favorit gestartet. Das waren die ultimativen SF-26-Strecken. Der Freitag unterstrich das in beiden Fällen mit nicht bloß knappen, sondern dominanten Doppelführungen und einem mit der Balance sehr zufriedenen Hamilton. Doch in beiden Fällen verschwand die Pace, weil dem Team im Verlauf des Wochenendes die Auto-Balance entglitt.

Die Red Bulls, die McLarens und Lewis Hamilton in Kurve eins in Ungarn
Immer wieder landete der Ferrari weiter hinten als erwartet, Foto: IMAGO / PsnewZ

In Monaco rührte man das Setup für das Qualifying fast nicht mehr an. Aber plötzlich lenkte es viel zu aggressiv ein. Hamilton und seine Ingenieure verbrachten das ganze Qualifying damit, die Balance mit Frontflügel-Änderungen wiederzufinden. Hamilton fand den Rhythmus nie wieder, die Pole war am Ende mit 0,228 Sekunden Rückstand plötzlich nicht mehr greifbar.

In Ungarn schaffte man es erneut nicht, das Auto zu maximieren. Diesmal entglitt bei schwierigen Gripverhältnissen die Balance erst in Q3. Davor, so berichtete Hamilton, habe sich alles gut angefühlt. Dann plötzlich nicht mehr. 12 Tausendstel landete er hinter dem späteren Rennsieger Lando Norris. Auf zwei überholfeindlichen Strecken hatte Ferrari zweimal die Streckenentwicklung bis ins Qualifying nicht richtig antizipiert und potenzielle Pole-und-Sieg-Chancen verpasst.

Strafmagnet Lewis Hamilton und operatives Chaos bei Ferrari

In Ungarn wäre eine Pole für Hamilton jedoch sowieso irrelevant gewesen. Weil er sich kurz nach dem Überfahren der Ziellinie eine Strafe einhandelte, da er ein herannahendes Auto im Rückspiegel übersehen hatte und seine Ingenieure es verschlafen hatten, ihn am Funk davor zu warnen, was in drei Strafplätzen resultierte. Leider Teil einer viel zu langen Fehlerliste von Fahrer und Team.

In Ungarn ergänzte Hamilton das im Rennen um eine Tempo-Übertretung in der Boxengasse. Davor hatte Ferrari ihn unter einem Virtuellen Safety Car gestoppt und ihm zwei Plätze gekostet, die er auf der überholfeindlichen Strecke nicht mit neuen Reifen zurückholen konnte. Mit der Strafe obendrauf verwandelte man innerhalb weniger Runden ein immer noch solides Comeback von P2 in einen fünften Platz, sogar hinter Teamkollege Charles Leclerc. Das war der jüngste Eintrag einer langen Fehlerserie, die unter anderem drei Zeitstrafen in vier Rennen beinhaltete.

In Silverstone hatte Hamilton noch die Sprint-Pole geholt, sich aber im Qualifying in die falsche Setup-Richtung bewegt und im Rennen eine Strafe für einen Frühstart kassiert. Während Leclerc so das Rennen von P2 startete, lange führte, am Ende von einem weiteren Mercedes-Defekt profitieren und den Sieg abstauben konnte, musste sich Hamilton mühsam zurückkämpfen. Dann verwandelte Ferrari den zweiten Trost-Platz noch in P3, weil man ihn unter einem Safety Car zum Stopp holte und einen Platz kostete. Das Rennen wurde nicht mehr freigegeben, die frischen Reifen waren wertlos.

Ein Rennen später crashte Hamilton in Spa ohne Not in FP3. Die hastig reparierte Aufhängung hatte nicht mehr das gewünschte Setup, er unterlag Leclerc im Qualifying. Am Start drehte er George Russell um, beschädigte sich das Auto leicht und bekam eine Zeitstrafe. Die warf den Boxenstopp-Ablauf durcheinander. Ein Mechaniker vergas eine Frontflügel-Balanceanpassung, Hamilton erhielt zu früh grünes Licht und fuhr den Mechaniker an. Das kostete ihm nicht nur Zeit, er musste auch mit der schlechten Schadensbalance weiterfahren. Ein abgeschlagener vierter Platz wurde es, während Leclerc Zweiter wurde.

ProblemVerantwortlich
MonacoBalance-Rückschritt im QualifyingTeam & Hamilton
Österreichschlechte StrategieTeam
GroßbritannienFehlstartHamilton
Großbritannienunnötiger Reifenwechsel kurz vor SchlussTeam
BelgienFP3-CrashHamilton
BelgienKollision mit Russell am StartHamilton
BelgienMechaniker beim Boxenstopp angefahrenTeam
UngarnBalance-Rückschritt in Q3Team & Hamilton
UngarnTempolimit im Rennen übertretenHamilton

Wie viel näher könnte Lewis Hamilton dran sein an Kimi Antonelli?

Und dann gab es mittendrin hier auch noch Österreich, wo Ferrari selbst nach dem Rennen gestand, sich trotz eines hier nicht siegfähigen Autos strategisch zu sehr auf Mercedes konzentriert zu haben. Hamilton wurde auf einen Dreistopp-Irrweg geschickt, der ihn von Startplatz 3 auf P5 zurückwarf. Realistisch hätte er zumindest den McLaren von Oscar Piastri im Kampf um P4 schlagen können.

Wie teuer war das alles? Nun, tatsächlich hat Hamilton den WM-Leader Kimi Antonelli in der Europa-Saison selbst mit dieser Unserie 97 zu 88 ausperformt, vor allem dank Antonellis zwei defektbedingten Nullern. Was würde ein vollends perfekter Hamilton-Sommer bringen? Einer, in dem er das Potenzial des Autos in Monaco und Ungarn in Poles und Siege umsetzen kann, und in dem er statt Leclerc in Silverstone und Spa der glückliche Profiteur der Renn-Umstände ist?

Die Rechnung wird Ferrari-Fans nicht freuen. Aufgedröselt lässt sich von bis zu 40 versäumten Punkten sprechen. Kombiniert man das mit der Tatsache, dass Antonelli in Monaco und Ungarn Punkte verlieren würde, kommt man auf einen 50-Punkte-Umschwung. Ja, ein maximal ausgereizter perfekter Ferrari-Sommer hätte bedeutet, dass Hamilton und Antonelli punktegleich mit 209 Zählern in die Sommerpause gegangen wären.

Klar, Perfektion ist in der Formel 1 letztendlich irgendwo eine Utopie, und diese Rechnung sehr optimistisch. Fakt ist aber, dass es absolut fair ist, von bis zu 40 versäumten Punkten zu sprechen. Man hätte ja nicht alle davon holen müssen. Aber alle 40 liegenzulassen sollte nicht passieren. Schon die Hälfte davon wäre eine große Hilfe in einem WM-Kampf, in dem man nicht jedes Wochenende das beste Auto hat und in dem jeder Punkt zählen könnte.

Zandvoort könnte dem Ferrari auf dem Papier erneut liegen. Können Hamilton und sein Team die Negativ-Serie endlich beenden? Hier gibt es den Zeitplan: