Zwei Jahre ist es her, dass uns McLaren an gleicher Stelle hier im königlichen Park von Monza die Tagline "Papaya Rules" gegen unseren Willen aufgenötigt hat. Aber eines muss man McLaren lassen: Sie haben seither drei von vier möglichen WM-Titeln geholt, und ihre Fahrer kommen immer noch gut miteinander aus. Ferrari hat nichts davon. Keine Regeln, die Titelchancen schwinden, und jetzt kriegen sich die Fahrer in die Haare.
Bevor wir uns das Fiasko von Monza vorknöpfen, müssen wir kurz die Vorgeschichte anreißen. Am Ende der Sommerpause rechnete ich einmal für einen Artikel kurz aus, wie viele Punkte Lewis Hamilton und Ferrari seit Beginn der Europa-Saison liegengelassen haben. Ich kam auf 40 - eine perfekte Scuderia wäre meiner Meinung nach punktegleich mit Kimi Antonelli in die Sommerpause gegangen.
Wurde sich bei Ferrari irgendwer den operativen Defiziten bewusst, die dazu geführt hatten? Diese Frage können wir nach Zandvoort und Monza getrost mit "Nein" beantworten, fürchte ich. Ferrari kam wie ein Team auf einer Mission aus der Sommerpause. Die Mission: So schnell wie möglich die letzten WM-Chancen loswerden.
Wilder Teamorder-Westen bei Ferrari: Auf Lewis Hamilton hören wäre gut
"Hier gibt es keine Regeln", stellte Hamilton am Sonntag fest, nachdem er in der ersten Schikane schon von Charles Leclerc robust ins Kies gedrängt wurde. Hamilton hat vom Wilden Teamorder-Westen inzwischen merklich die Schnauze voll. Er ist ein siebenfacher Weltmeister. Er kann eine WM-Tabelle lesen.
Dabei geht es nicht einmal darum, ihn zu bevorteilen. Es wäre schon einmal ein guter Anfang, wenn Ferrari sich bemühen würde, ihn nicht zu benachteiligen. Die verpfuschte Zandvoort-Situation hätte die letzte Warnung sein sollen. Zwei Fahrer auf unterschiedlichen Strategien, aber das Team erfasst die Konfrontation nicht und tritt über zwei Sekunden Hamilton-Rennzeit achtlos in die Tonne.
Niemand sah die Signale, oder womöglich noch schlimmer, niemand hörte auf Hamilton. Seine Worte vom Samstag in Monza klingen nun prophetisch: "Wir müssen als Team arbeiten." Ohne Regeln klappte das nicht. Charles Leclerc sah keinen Grund, Hamilton in der ersten Kurve anders zu behandeln einen dahergelaufenen Mercedes oder McLaren oder Red Bull, und kostete seinem Team - und dem in der WM deutlich besser platzierten Fahrer - massiv.
Hat Ferrari Angst vor seinen Formel-1-Fahrern?
Wie es nach der Vorgeschichte dazu kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Hat Ferrari Angst vor dem Format ihrer Fahrer? Angst davor, einen Charles Leclerc an die Leine zu nehmen? Nun, das wird jetzt richtig teuer bezahlt. Zum einen mit dem völligen Zerfall der WM-Chancen. Hamilton liegt jetzt schon 76 Punkte zurück.
Zum anderen schadet das Zuwarten dem Teamgefüge. Jetzt kommen die provokanten Fragen. Leclerc, auf die Szene angesprochen, meinte nach dem Rennen, "wir" hätten es übertrieben, nahm Hamilton für sein spätes Ausbremsmanöver in Kurve 1 in die Pflicht. Hamiltons Reaktion auf das "wir" war deutlich: "Ich war vorn. Da gab es kein 'wir'." Das Team ist auf Kurs, sich mit einem Teamorder-Murks nach dem anderen langsam, aber sicher bis zum Stallkrieg zu hangeln.
Hamilton spricht nun das zweite Wochenende in Serie davon, wie viel besser Mercedes es macht: "Da hatten wir schriftliche 'Rules of Engagement'. Es wurde nie zu schlimm." Ferrari mag von außen betrachtet gerade am gleichen Scheideweg stehen wie McLaren 2024 in Monza, als Oscar Piastri ohne Rücksicht auf Lando Norris' WM-Außenseiterstatus ihn überholte. Aber McLaren hatte da schon Regeln. "Papaya Rules". Piastri verstand das, ließ Norris eine Fahrzeugbreite Platz. Und er hatte kurz darauf kein Problem damit, Nummer-2-Status für den Rest des Jahres zu akzeptieren.
Ferraris operativer Albtraum geht in Monza weiter
Ferrari fehlt offensichtlich sogar der Grundstock. Oder wenn es ihn gibt, dann fehlt den Fahrern das Verständnis dafür. Vielleicht brauchen sie einen dummen Namen, damit sie sich dran erinnern. Da können wir noch ein paar Worte über die restliche operative Umsetzung von Ferrari verlieren. Vielleicht wird es dann klarer, warum sie es nicht schaffen, eine Stallorder-Plattform auf die Beine zu stellen.
Warum bekam Hamilton beim Restart nach der roten Flagge etwa keine harten Reifen, wenn jeder zu wissen schien, dass die das ganze Rennen halten würden? Damit wurde er gegen beide McLaren über die Distanz ans Messer geliefert. Zum Glück holte man ihn dann unter dem VSC nicht zum Boxenstopp, weil man Angst davor hatte, dass er trotz viel neuerer Reifen hinter Pierre Gasly stecken bleiben würde...
Das waren bloß die jüngsten Fehltritte in der geradezu exzessiv langen Liste. Ich verweise an dieser Stelle noch einmal auf den anfangs erwähnten Artikel für Details. Auch Hamilton ist dabei nicht frei von Schuld, übrigens. Diese kollektive Pfuscherei erinnert wieder an die alten Vettel-Jahre. Monza 2018? Sebastian Vettel als Windschatten-Helfer für seine effektive Nummer 2 Kimi Räikkönen? Seitdem wurde das Team-Management zweimal getauscht. Vielleicht hat man deshalb nichts gelernt.



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