Formel 1

Formel 1 Monza Analyse: Hat Ferrari Vettel die Pole geklaut?

Sebastian Vettel war nach dem Qualifying zum Italien GP 2018 stinksauer - auf sein eigenes Team. Hat Ferrari Vettel tatsächlich die Pole gekostet?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Eigentlich hätte Sebastian Vettel mit Startplatz zwei zufrieden sein können. Bei Ferraris Heimrennen in Monza geht nämlich lediglich Teamkollege Kimi Räikkönen vor Vettel ins Rennen. Titelrivale Lewis Hamilton startet hinter Vettel auf Rang drei. Also alles gut? Keineswegs. Vettel war nach dem Qualifying zum Italien GP 2018 stinksauer.

Stinksauer auf sein eigenes Team. Nach dem Überfahren der Ziellinie freute er sich zunächst über Pole, eher von Kimi Räikkönen wieder verdrängt wurde. "Darüber sprechen wir später", funkte Vettel anschließend an sein Team. In der Pressekonferenz wollte er den Funkspruch nicht erklären. Aber er war selbsterklärend.

Vettel musste Teamkollege Kimi Räikkönen im finalen Qualifikationssegment Windschatten geben. "Die Reihenfolge, wer zuerst fährt, wechselt jedes Wochenende", war Vettel immerhin zu entlocken.

Verlangt Vettel Nummer-Eins-Status bei Ferrari?

Aber Vettel selbst hat dafür offenbar wenig Verständnis. Vettel liegt in der Fahrerweltmeisterschaft nur 17 Punkte hinter dem Führenden Hamilton. Die WM steht Spitz auf Knopf. Räikkönen hingegen hat bereits 85 Punkte Rückstand. Reelle WM-Chancen hat der Iceman nicht mehr.

Und deshalb hatte Vettel wohl erwartet, dass es auch Ausnahmen von der Wechsel-Regel gibt und er im Qualifying von Räikkönen Windschatten erhält. Die gab es offensichtlich nicht. Besonders sauer machte den Deutschen wahrscheinlich die Tatsache, dass er das gesamte Wochenende dominierte. Räikkönen hatte bis zum Qualifying schlichtweg keine Chance.

Doch wie viel hat Vettel dadurch wirklich verloren? Hätte Vettel auf Pole stehen müssen? Um diese Frage beantworten zu können, hörte sich Motorsport-Magazin.com im Fahrerlager um und deklinierte Geschwindigkeitswerte und Sektorzeiten hoch und runter.

Lange stand der Windschatten nicht mehr so im Fokus wie an diesem Wochenende. Das hat mehrere Gründe. Auf normalen Strecken bringt die geplante Windschattenfahrt nur auf einer Geraden etwas. In Monza ist es anders: Durch die spezielle Streckencharakteristik können die Autos eine ganze Runde hintereinander herfahren und vom Windschatten profitieren. Dabei wird das vorausfahrende Auto nicht einmal geopfert. Es muss sogar so schnell wie möglich fahren - nur eben ohne eigenen Windschatten.

Hinterherfahren in Monza: Mehr Vorteil als Nachteil

Der Windschatten an sich bringt in Monza gar nicht so viel wie auf anderen Strecken. Ganz einfach weil die Flügel flacher sind. Somit wird der Schatten kleiner und der Effekt ist ohnehin geringer, weil die Autos weniger Luftwiderstand als auf anderen Strecken haben.

Dafür sind die Geraden besonders lange. Der Effekt hält also lange an. Dadurch, dass die Autos verhältnismäßig wenig Abtrieb erzeugen, ist der Verlust an Abtrieb in Dirty Air nicht so groß wie normalerweise. Dazu kommen nur wenige schnelle Kurven, in denen sich das bemerkbar macht.

Trotzdem verlieren die Autos in den Kurven etwas. Rund drei Zehntel im Verkehr, rechnen Ingenieure vor. Auf den Geraden steht hingegen ein Gewinn von rund sieben Zehntel. Ergibt sich also ein Gesamtgewinn von rund vier Zehntelsekunden. Je nach Team variiert dieser Wert. Der Abstand ist entscheidend, aber auch die Motorleistung und die aerodynamische Effizienz.

Vettel verliert im ersten Versuch ernom

Wurde Vettel also um vier Zehntelsekunden betrogen, die Räikkönen erhielt? Ganz so einfach ist es nicht. Im ersten Versuch im Q3 fuhr Vettel tatsächlich komplett ohne Vordermann. Er musste Räikkönen die ganze Runde lang ziehen.

Die Geschwindigkeitsdifferenzen sind enorm: 337 zu 333 am Ende von Start und Ziel, 324 zu 320 auf der Zufahrt auf die zweite Schikane, 336 zu 333 vor Ascari und 313 zu 307 auf der Zielgeraden. Jedes Mal war Kimi Räikkönen schneller. Und trotzdem war Vettels Rundenzeit extrem konkurrenzfähig.

Geschwindigkeiten 1. Run im Q3

S1* S2** S3*** Topspeed****
Räikkönen 324 km/h 336 km/h 313 km/h 337 km/h
Vettel 320 km/h 333 km/h 307 km/h 333 km/h
Differenz 4 km/h 3 km/h 6 km/h 4 km/h

* 233 Meter vor T4 (zweite Schikane)
** 215 Meter vor T8 (Ascari)
*** Ziellinie
**** 212 Meter vor T1 (erste Schikane)

Lange war der Windschatten in Monza nicht mehr so effektiv. Die Formel-1-Autos der Generation 2018 sind die Autos, die am meisten Abtrieb generieren, aber auch die Autos, die am meisten Luftwiderstand haben. Die Breite von 2,00 Meter und die breiten Reifen kosten hier. Deshalb sind die Topspeed-Werte auch verhältnismäßig gering.

Geschwindigkeiten 2. Run im Q3

S1* S2** S3*** Topspeed****
Räikkönen 326 km/h 340 km/h 316 km/h 342 km/h
Vettel 325 km/h 339 km/h 312 km/h 341 km/h
Differenz 1 km/h 1 km/h 4 km/h 1 km/h

* 233 Meter vor T4 (zweite Schikane)
** 215 Meter vor T8 (Ascari)
*** Ziellinie
**** 212 Meter vor T1 (erste Schikane)

Im zweiten Versuch war zwar Vettel wieder vor Räikkönen, allerdings fuhr Vettel nicht allzu weit hinter Lewis Hamilton. Deshalb profitierte auch Vettel vom Windschatten. Räikkönen war zwar noch immer an jeder Messstelle schneller, bei weitem aber nicht mehr so drastisch. 342 zu 341 vor der ersten Schikane, 326 zu 325 vor der zweiten Schikane, 340 zu 339 vor Ascari und 316 zu 312 auf der Zielgeraden.

Vettel verbesserte sich zwar im letzten Umlauf, nicht so stark aber wie Teamkollege Räikkönen. Dabei hatte er fast den gleichen Windschatten. Entsprechend sprach aus Vettel auch eine gehörige Portion Frust über sich selbst. "Es war einfach keine saubere Runde, die anderen Runden waren ein bisschen besser", gab er selbst gegenüber Motorsport-Magazin.com zu.

Mercedes managt Problem besser als Ferrari

Dass Ferrari Vettel die Pole kostete, lässt sich deshalb nicht sagen. Im letzten Versuch hatte Vettel ähnliche Möglichkeiten wie Räikkönen. Doch optimal war die Vorbereitung natürlich nicht.

Bei Mercedes hat man die Situation übrigens besser gelöst: Dort wechselten sich Valtteri Bottas und Lewis Hamilton im Q3 ab. Hamilton musste zuerst Windschatten geben, profitierte dabei aber selbst von anderen Autos. Im letzten Versuch wurde Hamilton dann von Bottas gezogen, der ganz am Ende auf sich allein gestellt war. Somit wurde dem Titelanwärter ein Vorteil gewährt, allerdings ging es teamintern dennoch einigermaßen fair zu.


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