Viel Aufmerksamkeit wurde an den ersten beiden Tagen und vor allem in den beiden Qualifyings der Formel 1 in Silverstone Mercedes zuteil. Das Vom-Gas-Gehen kurz vor der Ziellinie sorgt bei Motorkunde McLaren für Stirnrunzeln. Nicht, weil man ihn grundsätzlich nicht versteht. Sondern weil man sich nicht sicher ist, ob die eigenen Power Units es können.
Technisch gesehen ist klar, was Mercedes macht, und völlig legal. Die Fahrer gehen wenige Meter vor der Ziellinie vom Gas, um zu vermeiden, dass der Motor davor in den schrittweisen Rücknahme-Modus der Elektro-Energie kommt, wo man bei Vollgas 50 kW pro Sekunde reduzieren muss, um plötzliches Verlangsamen vorzubeugen. Stattdessen komplett vom Gas zu gehen erlaubt es, aus der Batterie bis kurz vor der Ziellinie bis zu 350 kW einzuspeisen und dann sofort auf 0 zu schalten. Die Details gibt es hier:
Man wäre versucht, auf den ersten Blick zu sagen, dass dieser Trick nicht so schwer für die Konkurrenz umzusetzen wäre. Aber auch wenn er schon am Freitag im Sprint-Qualifying beobachtet wurde, so gab es am Sonntag im regulären Qualifying erneut niemanden außer Kimi Antonelli und George Russell, der ihn nutzte.
Fragezeichen bei McLaren: Müssen wir unsere Mercedes-Leute fragen
McLaren-Teamchef Andrea Stella räumt am Samstagabend dann ein: "Es hat uns etwas überrascht. Das ist nämlich nichts, was wir davor diskutiert hätten, und ich bin mir gar nicht sicher, ob das uns zur Verfügung steht. Vermutlich verlangt das nach, sagen wir, weiteren Elementen, um die Power Unit so zu nutzen."
Grundsätzlich hat McLaren wie jedes Kundenteam zahlreiche Ingenieure von der Mercedes-Motorenschmiede HPP im Werk und in der Garage. Das finale Setup, die Installation oder die Konfiguration des Energie-Managements an jedem Wochenende legt das Team fest. Die Mercedes-Ingenieure sollten dabei im ständigen Austausch alle Möglichkeiten mit dem Motor offenlegen.
"Es gibt definitiv anhaltende Konversationen mit HPP auf einem technischen Level, um sicherzustellen, dass wir nutzen, was in der Power Unit drinsteckt", schafft es Stella nicht ganz, gewisse Zweifel zu verbergen. Ganz zu Saisonbeginn hatte er diese einmal schon sehr explizit zum Ausdruck gebracht. Eigentlich sind Motorenhersteller vom Reglement dazu verpflichtet, den Kunden alle prinzipiellen technischen Möglichkeiten, Settings, neue Spezifikationen und so weiter zur Verfügung zu stellen.
Die Kritik zu Saisonbeginn hatte damals für einigen Wirbel gesorgt und Stella kurz darauf dazu gebracht, sie mit der Klarstellung zu entschärfen, HPP würde "keine Informationen zurückhalten". In Silverstone will er den Motorpartner daher auch nicht erneut direkt angehen. Der Motor sei "brillant, ein tolles Stück Ingenieurskunst. Da steckt viel Performance drin, auch in den Details der Nutzung, und wir warten jetzt, ob wir unsere Spezifikation upgraden können, und ob das der Nutzung hilft."
Warum fährt McLaren in Silverstone noch mit der alten Mercedes-Version?
Auch dieser Schwenk mitten im Lob ist wiederum ungewöhnlich. Eine Woche zuvor hatte Mercedes wegen wiederholter Batterie-Defekte eine neue Power-Unit-Spezifikation mit Zuverlässigkeitsupdate eingeführt. Silverstone ist nun schon das zweite Wochenende, an dem McLaren diese neue Spezifikation allerdings nicht fährt.
Motorsportchef Zak Brown hatte am Freitag in der Pressekonferenz das Thema zwar angesprochen, dann aber kleingeredet. Es liege daran, dass auf den aktuellen Motoren noch nicht genügend Laufleistung drauf sei. Es wäre nicht effizient, jetzt schon zu wechseln.
Bei Stella klingt das verklausulierter: "Wir haben die Gründe mit HPP diskutiert, warum wir diese Spezifikation noch nicht haben. Wir verstehen die Gründe. Wir hatten in den letzten Jahren eine tolle Kollaboration, und sie waren ein Schlüssel in den zwei WM-Titeln von McLaren. Das ändert die Basis unserer Beziehung nicht."
"Sie laufen schnell, und so wie wir schnell laufen, um unser Auto zu entwickeln, laufen sie schnell, um vier Teams auszurüsten. Also gab es Bedingungen, nach denen es nicht möglich war, die Power Unit an McLaren zu liefern", sagt Stella und blickt nach vorn in Richtung Spa in zwei Wochen: "Hoffentlich passiert es beim nächsten Event."
Unabhängig davon laufen die Konversationen seit Wochen. Immer wieder bringt Stella seine Überraschung über defizitäre Performance relativ zum Werksteam zum Ausdruck. Der aerodynamisch zu ineffiziente McLaren wird eine Rolle spielen, aber kann das alles sein? "Definitiv gibt es weitere Faktoren mit HPP zu diskutieren. Wenn wir die Performance auf den Geraden ansehen, selbst unter dem Gesichtspunkt, dass sie weniger Luftwiderstand haben, gibt es immer noch Fragezeichen."



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