Die letzten zwei Formel-1-Rennen von Ferrari waren zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen mit einem Sieg und einem Grand Prix im Nirgendwo. Welche Ferrari-Version tritt heute in Silverstone auf den Plan? Der Samstag hat leider keine gute Richtung vorgezeichnet für die Scuderia, der selbst die seltsamsten aller Silverstone-Eigenheiten von 2026 nicht mehr helfen dürfte.
Am Freitag hatte Lewis Hamilton noch alle mit einer Sprint-Pole überrascht. Die hatte die 17 Runden des verkürzten Rennens am Samstag aber schon nicht gehalten, obwohl Hamilton sich am Start behaupten hatte können. Acht Runden hatte Kimi Antonelli gebraucht, ehe er Hamilton abserviert hatte.
Danach fuhr Antonelli davon. Nicht schnell, aber er fuhr davon, bis um 2,7 Sekunden. Und heute steht Antonelli jetzt schon auf der Pole, hatte im Qualifying noch einmal deutlich nachgelegt. Es war das, was sich am Freitag schon irgendwo abgezeichnet hatte. Der Mercedes hatte in seinen Händen mehr Luft nach oben, während Hamilton und Ferrari am Freitag schon den Idealzustand erreicht hatten.
Ferrari stagniert in Silverstone, Mercedes maximiert
"Nichts hat zwischen jetzt und heute Vormittag sich geändert, und nichts wird sich zwischen heute und morgen ändern", sprach Hamilton nach dem Qualifying daraufhin Klartext zu den erwarteten Chancen. "Wir werden unser Bestes geben, um mitzuhalten, aber wenn er letztendlich sauber wegkommt, ist er dahin."
Unsauber wäre, am Start Plätze zu verlieren. Dass die Lage in Silverstone sehr instabil ist, hat prinzipiell der Sprint gezeigt. Dort trat auf den ersten Runden gerade in der Gruppe hinter Antonelli und Hamilton das berühmt-berüchtigte "Jo-Jo-Racing" ein. Ein Auto verheizt im direkten Duell mittels Boost-Knopf zu viel Energie und wird eine Gerade später von zwei oder drei anderen sofort aufgefressen.
Die ersten Runden des Sprints zeigten anschaulich das mögliche unberechenbare Chaos, dass entstehen kann, wenn dieser Effekt erst einmal in Gang gesetzt wird. Sie zeichneten dabei aber auch kein besonders positives Bild von der Fähigkeit des Ferrari, schnellstmöglich die Batterie aufzuladen und sich für einen Angriff in Position zu bringen.
Charles Leclerc hatte auf der ersten Runde direkt drei Plätze verloren und war danach am hinteren Ende der Gruppe einzementiert. Während es vor ihm zur Sache ging, gewann Leclerc hinten nur einen Platz nach vier Runden zurück.
Auch Hamilton präsentierte sich vorne im Duell mit Antonelli kurze Zeit später nicht gerade so, als ob der Ferrari den Mercedes in ein Duell verstricken könnte. Er musste bei Antonellis erstem Angriff bereits viel zu viel Energie aufbrauchen, um vorn zu bleiben, und geriet in ein gigantisches Defizit. Die entstehenden 40 km/h Unterschied machte sich Antonelli eine halbe Runde später für ein simples Vorbeifahren zunutze.
Zwei Ferrari vs. ein Mercedes? In Silverstone keine große Hilfe
Fundamental fehlt dem Ferrari in Silverstone das letzte Etwas, um ernsthaft mit Antonelli um den Sieg zu kämpfen. Selbst wenn die von den Plätzen zwei und drei losfahrenden Leclerc und Hamilton den Mercedes also auf den ersten Kilometern stören, gibt es bisweilen keinen Grund anzunehmen, dass Antonelli sich nicht einfach zurücklehnen und warten kann, bis das Rennen zu ihm kommt, denn wie er nach dem Sprint festhielt: "Wir schienen etwas besser mit den Reifen."
Silverstone wird mit der härtesten Reifenpalette von Pirelli wie so oft ein Einstopper. Die harte Palette ist vor allem wegen der strukturellen Belastungen durch die Highspeed-Kurven am Start. Nicht wegen hohem Abbau. So konnte Antonelli im Sprint auch am Schluss noch problemlos die schnellste Runde fahren.
Bei einer klaren Einstopp-Strategie mit Medium-Hard und einem Wechsel irgendwann gegen Rennhalbzeit hilft es Ferrari nur wenig, wenn man zwei Autos gegen einen Antonelli ins Feld führen kann. Es gibt keine wirkliche Alternativ-Strategie, mit der man eine Zwei-gegen-Eins-Zange aufgehen lassen kann, und die Wetterprognose ist vollkommen unauffällig. Dann bleibt erneut nur die Realität, dass die Ferraris überall etwas schlechter sind als Antonelli. Und ihn über die Distanz kaum halten können.
Was wird in Silverstone heute aus George Russell?
Ist es hier unfair, George Russell nicht zu thematisieren? Immerhin gewann er in Österreich, doch Silverstone ist bisweilen zum Vergessen. Mehrere Zehntel Rückstand im Qualifying, und im Sprint schaffte es Russell nicht einmal an einem vermeintlich unterlegenen McLaren vorbei auf das Podium.
Russell selbst sprach am Samstagabend von einem unerklärlichen Topspeed-Nachteil an seinem Auto gegenüber dem seines Teamkollegen. Bislang wurde kein Grund gefunden. Kein gutes Vorzeichen für das Rennen. In Sachen Rennpace fährt er Antonelli seit Wochen ohnehin hinterher. Für ihn zeichnet sich da eher ein Kampf mit den Ferraris um den letzten Podiumsplatz ab.
Den Erwartungen nach sollten diese vier über eine komplette GP-Distanz den anderen vier Top-Autos von Red Bull und McLaren doch etwas im Vorteil sein. Der dritte Platz von Lando Norris im Sprint wirkt wie eine glückliche Fügung. Ein guter Start, dann keine Zweikämpfe, während sie sich hinter ihm beharkten. "Ein bisschen über Gebühr abgeliefert", meint Teamchef Andrea Stella.
Außerdem wird der McLaren schlechter, je böiger der Wind wird. Daher waren Norris und Oscar Piastri im Qualifying auch plötzlich nur mehr auf den Plätzen 6 und 8. Sie rechnen für das Rennen mit einem Kampf mit Red Bull in der zweiten Klasse der Spitzengruppe. Isack Hadjar auf P5 führt dieses Feld an.
Sein Teamkollege Max Verstappen stellte nach einem augenscheinlichen Motorproblem nach dem Qualifying in den Raum, aus der Box zu starten, um das zu reparieren. Den ohnehin nicht mit dem besten Energie-Management gesegneten Red Bull mit einem zusätzlichen Leistungs-Defizit zu bewegen, motiviert ihn absolut nicht.



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