Bislang hat Ferrari mit einem schwächelnden Formel-1-Motor überhaupt nicht gut ausgesehen, wenn Rennstrecken nach ordentlich Leistung und Topspeed verlangten. Entsprechend erwartungsarm waren Lewis Hamilton und Co. ins Silverstone-Wochenende gestartet. Eine Sprint-Pole mit einer dem besten Mercedes ebenbürtigen Runde sorgt da bei allen sofort für Fragezeichen. Denn plötzlich ist Power für den Ferrari kein Problem?
"Wir hatten angenommen, auf der Geraden bis zu sechs Zehntel zu verlieren. In Österreich waren es vier Zehntel", hatte Hamilton nach dem Sprint-Qualifying festgehalten. In der Realität war davon nichts zu sehen. Stattdessen schien der Ferrari-Motor in Silverstone plötzlich richtig starkes Energie-Management auszupacken und fuhr um 11 Tausendstel auf Pole.
Vor Copse erreichte Hamilton auf seiner Sprint-Pole-Runde bis 322 km/h, das sind in der Spitze 10 mehr als Kimi Antonelli. Auch durch die berühmte Kurve hindurch ist Hamilton an die 10 km/h schneller. Da das zu Beginn eines ewig langen Streckenteils ohne effizienter Lademöglichkeit ist, möchte man hier vielleicht noch glauben, dass Ferrari eineinhalb Kilometer später auf der Hangar-Geraden die Rechnung dafür bezahlt. Doch dem ist nicht so.
Auf der Hangar-Geraden war Hamilton zwar langsamer als Antonelli, aber nicht massiv. Raus aus Stowe hingegen sprang der Ferrari auf der kurzen letzten Geraden bis zur Vail-Schikane plötzlich wieder auf bis zu 271 km/h - wieder 10 mehr als Antonelli an gleicher Stelle. Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin spricht danach von einem "Geschwindigkeitsunterschied, den wir erst noch verstehen müssen und der uns auf den Geraden viel Zeit gekostet hat."
"Sie waren mit der Power Unit und Energiemanagement im Hintertreffen, und hier scheinen sie aktuell die besten", gibt sich auch George Russell überrascht. "Ich denke, ein paar Dinge machen nicht wirklich Sinn. Wenn ich eine Voraussage getroffen hätte, dann hätte ich gesagt, dass Ferrari letztes Wochenende schnell sein würde und wir dieses Wochenende."
Dass es vor einer Woche in Österreich trotz des dort eingeführten ersten Motor-Joker-Updates so schlecht gelaufen war, verstärkt die Verunsicherung in Silverstone jetzt nur. Völlig mysteriös ist die Lage trotzdem nicht. Es gibt sehr wohl eine Reihe an Erklärungen, was hier gerade passiert ist.
Hat Mercedes sich im Sprint-Qualifying beim Energie-Management vertan?
Aus den Geschwindigkeitsdaten der kompletten Runde lässt sich zuerst einmal klar sagen, dass Mercedes andere Einspeisungs-Strategien für das Sprint-Qualifying gewählt hat. Ferrari schien sich ihrer Sache am Freitag bereits recht sicher. Bei Mercedes sah SQ2 noch komplett anders aus als SQ3. Im mittleren Qualifying-Segment war Antonelli viel schneller hin zu Maggots gewesen, dafür viel langsamer auf der Hangar-Geraden.
In SQ3 setzte der Mercedes mehr im ersten Sektor ein. Auffällig auch ein richtiger kleiner Sprung bei der Beschleunigung von Brooklands nach Luffield - in dieser Mini-Beschleunigungszone zwischen den Kurven 6 und 7 ist Antonelli in SQ3 schnell. In SQ3 ist der Mercedes auch immer noch durch Maggots und Becketts teils schneller, und kommt auch schneller raus auf die Hangar-Geraden.
Das zwingt die Ferrari-Konkurrenz dort zu deutlich größeren Lupfern. Womöglich eine ineffiziente Nutzung dieser Highspeed-Kurven. Mercedes zeigt dafür am Ende der Runde eine Kuriosität: Antonelli und Russell gehen auf jeder Runde direkt vor der Ziellinie vom Gas. Eine Erklärung dafür kann sein, dass die Elektro-Einspeisung dann schneller zurückfährt. Das heißt im Umkehrschluss, dass man raus aus der letzten Kurve davor mehr einspeisen kann.
Mercedes in Silverstone im Sprint-Qualifying noch mit Setup-Problemen
Die Rundenzeiten von Mercedes, und seine Energieeffizienz, dürften darüber hinaus unter einem schwierigen Setup gelitten haben. Die Vorderachse war zu bissig, das Auto für beide Fahrer instabil, und das kostet zum einen in den Kurven Zeit, und zum anderen belohnt das Energie-Management saubere Fahrweise und ein ruhigeres Auto mit effizienterem Einsatz des stark beschränkten Elektro-Guts.
"Im Laufe der Session haben wir Änderungen vorgenommen, um dem Auto mehr Stabilität zu verleihen", sagt Mercedes-Ingenieur Shovlin. "Selbst im SQ3 hatten wir jedoch noch das Gefühl, dass die Front zu stark war. Das ist bei so böigem Wind nicht ideal." Der Ferrari mit seinem Top-Chassis und mit seiner Liebe für langgezogene Kurven ließ sich im Gegenzug davon überhaupt nicht aus der Ruhe bringen.
Außerdem ist Ferrari schon seit Ewigkeiten für hervorragende Basis-Setups an Sprint-Wochenenden bekannt. Das alles würde die Ferrari-Euphorie vom Freitag dann doch etwas dämpfen, wenn es um den echten Grand Prix geht. Viel davon kann Mercedes am Samstagmittag zwischen Sprint und Qualifying ändern, wenn sich Parc ferme öffnet.
Schlagen die letzten Ferrari-Updates erst in Silverstone voll ein?
Aber ist wirklich alles davon nur Einstellungssache? Es mehren sich im Fahrerlager nun doch die Meinungen, dass Österreich ein den Umwelteinflüssen geschuldeter negativer Ausreißer für Ferrari gewesen sein könnte. Ein temperaturanfälliger Ferrari-Motor mit kleinem Turbo hatte auf dem hoch gelegenen Red Bull Ring mit der besonders Kühlung gelitten.
Silverstone ist bei weniger als 25 Grad Lufttemperatur und nur 133 Metern Seehöhe diesbezüglich kein Problem mehr. Ob das jetzt heißt, dass die Aero-Updates von Barcelona und das Motor-Update von Spielberg in Kombination den SF-26 zu einem wirklichen Mercedes-Herausforderer gemacht haben, wird sich aber erst am Ende des Wochenendes wirklich sagen lassen.



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