Mit dem Stammcockpit bei Red Bull wurde Isack Hadjar an der Seite von Max Verstappen eine Mammutaufgabe zugemutet, an der vor ihm schon so einige hochgehandelte Piloten scheiterten. Pierre Gasly, Alex Albon und Sergio Perez sind nur drei prominente Beispiele für Fahrer, die sich an der Seite des Niederländers nicht dauerhaft behaupten konnten. Selbst ein erprobter Grand-Prix-Sieger wie Daniel Ricciardo ergriff vor dem Niederländer die Flucht.

Auch in dieser Saison bleibt Max Verstappen die klare Referenz bei Red Bull - doch Hadjar macht im Vergleich zu vielen seiner Vorgänger eine bemerkenswert gute Figur. Aber wie gut ist er wirklich? Motorsport-Magazin.com wirft einen Blick auf Zahlen, Leistungen und Schwachstellen des Franzosen.

Wo andere vor ihm scheiterten, brilliert Hadjar

Sergio Perez war bislang der Einzige, der seinen Sitz neben Max Verstappen länger als zwei Saisonen halten konnte. In seinen vier Jahren bei Red Bull erlebte er seinen sportlichen Höhepunkt im Jahr 2022. Doch auch in seiner stärksten Saison kam er im Qualifying im Schnitt nie näher als vier Zehntel an Verstappen heran.

Das Kernproblem, wie Red Bull später feststellte, lag dabei nicht ausschließlich am Fahrer. Als in Barcelona im Jahr 2023 das große Update eingeführt wurde, verschlechterten sich Perez' Zeiten gravierend. Der Mexikaner fand mit seinen Beschwerden über das schwierige Fahrverhalten des Boliden jedoch nur selten Gehör. Erst als Verstappen eineinhalb Jahre später dieselben Bedenken äußerte, wurden Änderungen in Gang gesetzt. Perez war damals im Vergleich zu seinem Teamkollegen sportlich aber schon weit abgeschlagen.

Auch Liam Lawson, der 2025 nach bereits zwei Rennen wieder ins Schwesterteam versetzt wurde, und anschließend Yuki Tsunoda hatten große Schwierigkeiten, das Potenzial des Autos abzurufen.

Verstappen vs. Hadjar: Der Vergleich

Umso bemerkenswerter ist Hadjars bisherige Bilanz. Daniel Ricciardo bleibt zwar weiterhin der Fahrer, der Verstappen im Qualifying am meisten unter Druck setzen konnte, Hadjar ist dem Australier aber dicht auf den Fersen. Nach nur elf Grands Prix beträgt Hadjars durchschnittlicher Qualifying-Rückstand auf Verstappen lediglich 0,21 Prozent. Damit hat Red Bull erstmals seit sieben Jahren wieder einen zweiten Fahrer, der zumindest über eine schnelle Runde regelmäßig mit Verstappen mithalten kann.

Ein wesentlicher Faktor, der hier aber nicht vergessen werden darf, ist, dass Red Bull immer noch eines der Top-Teams ist, laut offizieller Untersuchung sogar den stärksten (Verbrennungs-)Motor im Feld besitzt und der Abstand durch den Cost-Cap sowie das neue Reglement zum Mittelfeld wieder angewachsen ist. Zeitrückstände wiegen heute also weniger schwer als noch zu Zeiten von Pierre Gasly oder Alex Albon.

Dreimal platzierte Hadjar seinen RB22 bereits vor Verstappen in der Startaufstellung. Zum Vergleich: Sergio Perez gelang das im gesamten Jahr 2024 nur ein einziges Mal. In der Fahrerwertung liegt der Franzose zur Sommerpause aber lediglich auf dem achten Platz, mit einem Respektabstand von 41 Punkten auf den viermaligen F1-Weltmeister.

So beeindruckend Hadjars Zeit über eine Runde auch sein mag - im Rennen klafft eine größere Lücke zwischen ihm und Verstappen. In 95,6 Prozent aller gefahrenen Rennrunden lag Hadjar hinter seinem Teamkollegen und in 85,7 Prozent aller Fälle fuhr er hinter ihm ins Ziel.

Bei den absoluten Spitzenergebnissen ist die Rollenverteilung noch eindeutiger. Während Verstappen bereits Podestplätze gesammelt hat, wartet Hadjar noch auf seinen ersten Top-3-Erfolg für Red Bull - sofern er den dritten Platz aus Monaco nicht doch noch zurückerhält.

Hadjars größte Baustellen

Das bedeutet im Umkehrschluss: Hadjar konnte seine starke Pace im Qualifying im Grand Prix oft nicht umsetzen. Dafür gibt es mehrere Erklärungen.

Ein wiederkehrendes Problem waren zunächst seine schwachen Starts. Mehrfach verlor Hadjar schon auf den ersten Metern Positionen und geriet dadurch früh in Verkehr. Zum Teil hingen diese Platzverluste auch mit den teaminternen Problemen des schmalen Drehzahlfensters der Red-Bull-Power-Unit zusammen.

"Mittlerweile haben wir die Probleme aber in den Griff bekommen und schaffen gute Starts", trifft Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies voll ins Schwarze. Beim Österreich GP scheint bei Hadjar der Knoten geplatzt zu sein, denn seither gelangen ihm deutlich stabilere Starts. Große Positionsverluste wie in Barcelona blieben aus.

Der zweite Punkt ist Hadjars Fehlerquote. Fahrfehler, Zwischenfälle und Strafen kosteten ihn in der ersten Saisonhälfte mehrfach Punkte. Dazu zählen etwa sein Ausfall in Miami, als er den Scheitelpunkt zu eng nahm und in die Wand einschlug und seine 40-Sekunden-Strafe in Kanada.

Hinzu kommt die schwankende Performance des RB22. Mekies räumte in Belgien ein, dass es dem Team bisher nicht wirklich gelungen sei, Verstappen und Hadjar ein Auto zu bieten, mit dem sie uneingeschränkt pushen können.

"Wir sind aktuell sehr an der Grenze der Balance, der Leistung oder der Nicht-Leistung. Es ist harte Arbeit für alle, das Auto in dem funktionierenden Fenster zu halten, weil es sehr empfindlich gegenüber einer Reihe kleiner Faktoren ist", erklärt Mekies. "Aber weil es Max und Isack sind, haben sie es sehr oft geschafft, die Leistung irgendwie herauszuholen."

Sommerpause soll Verbesserungen bringen

Wie viel Potenzial in Hadjar steckt, zeigte er spätestens mit seiner Aufholjagd in Belgien. Nach seiner Gridstrafe arbeitete er sich von Startplatz 21 auf Position 6 vor und konnte sich in der Schlussphase sogar gegen den amtierenden Weltmeister Lando Norris im McLaren behaupten.

Und genau daran will Hadjar über die Sommerpause anknüpfen. Ein großes Ziel für den Franzosen sei es, über den Sommer an seiner Rennpace zu arbeiten, um in der zweiten Saisonhälfte auch um Podien kämpfen zu können. Mit acht Top-10-Ergebnisse und 68 Punkten in seinem ersten Red-Bull-Jahr dürfte Hadjar aber in der ersten Saisonhälfte bereits eine gute Empfehlung für sich abgegeben und bewiesen haben, dass er Verstappen zumindest manchmal gefährlich werden kann.

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