Der Teamchef-Tausch bei Cadillac kam fast komplett aus dem Nichts. Nachdem Graeme Lowdon fast vier Jahre erst beim Formel-1-Projekt von Michael Andretti und dann beim finalen Cadillac F1 Team die Aufbauarbeit verrichtet hatte, muss er nach nur elf Rennen seinen Platz räumen. Die Entscheidung kommt von seinen Chefs, und ist keine einfache.
Geplant war es in Grundzügen immer, Lowdon nicht dauerhaft als Teamchef zu beschäftigen, stellt Dan Towriss am Tag der Verkündung in einer kurzfristig einberufenen Presserunde klar. Towriss ist der CEO von TWG Motorsports, jener Gruppe, die hinter Cadillacs F1-Team steht und durch die Mittel und Ressourcen des General-Motors-Konzerns und der riesigen Investmentfirma TWG gestützt wird.
"Es war meine Entscheidung, keine einvernehmliche Entscheidung", beantwortet Towriss aber schließlich eindeutig die Frage, ob Lowdon denn gefeuert worden sei. Das kommunizierte er Lowdon schließlich erst final am gleichen Tag, an dem es auch veröffentlicht wurde. Und er gesteht auch, dass es früher kam als erwartet: "Es war eine Funktion der Leistung. Wie sich die Dinge entwickelt haben. Die genauen Diskussionen bleiben zwischen mir und Graeme. Wo wir übereinstimmten, wo nicht."
Lowdon baut Cadillac auf - ist aber keine gute Dauerlösung?
"Basierend auf den Umständen im Team und im Sport war es der richtige Moment", findet Towriss. Den Evaluierungsprozess begann er bereits vor ein paar Monaten. Mit den aktuellen Schwierigkeiten auf der Strecke soll es hierbei nichts zu tun haben, wo das Team gerade im Sommer mit permanenten operativen Schwierigkeiten auffiel, etwa mit einer Unfähigkeit, ein Problem mit überhitzenden Bremsen in den Griff zu bekommen.
Das ist aber Kleinkram für ein Team, welches sich als Werksteam eines gigantischen Automobil-Konzerns sehen will. "Es ist ein sehr enges Fenster, wenn man sich ansieht, was wir aufbauen, und das soll etwas Neues und Innovatives sein", meint Towriss. "Ich wollte nichts bauen, was alt ist, und dann versuchen, es zu verbessern. Die Zeit für eine Veränderung kam dann früher als erwartet. Da ging es nicht um die Anlaufschwierigkeiten der letzten Wochen. Viel eher um eine klare Vision für die Zukunft, die Fortschrittsrate, und um sicherzustellen, dass wir den Ambitionen der Eigentümer entsprechen."
Je mehr Towriss spricht, desto mehr erweckt er hier den Eindruck, dass es darum geht, dem Team ein stärkeres Werksteam-Mindset einzupflanzen. Lowdon war eine gute Wahl, um bei null zu beginnen und ein Team aus dem Boden zu stampfen. Diesbezüglich streut Towriss Lowdon nach vier Jahren Zusammenarbeit auch Rosen: "Ein großes Danke an Graeme für seine Freundschaft, seine Führungsqualitäten, besonders während des Einstiegs, der ja ein langer, harter Prozess war. Für sein Wissen über die Formel 1 und diesen Prozess, seine Fähigkeit, Leute für ein Team anzuwerben, das noch nicht einmal eine Starterlaubnis hatte."
Damit hatte Lowdon schließlich Erfahrung gehabt, war er doch eng in den Aufbau des einstigen Virgin/Marussia/Manor-Teams in der Formel 1 verstrickt gewesen. Aber das Manor-Konstrukt war eben nie auch nur ansatzweise ein Team mit großen Ressourcen. Erfahrungen mit solchen bringt wiederum Nachfolger Marcin Budkowski zuhauf mit.
Budkowski verbrachte einen Großteil seiner Karriere bei den Werksteams von Ferrari, McLaren und Renault-Alpine. Towriss und Budkowski tauschten sich schon länger aus, und je länger es ging, desto klarer wurde ein Ändern der Cadillac-Marschrichtung mit Budkowski am Steuer.
Towriss & Budkowski einig: Cadillac muss mehr Werksteam werden
"Marcins Background passt, auch für starke technische Führung bei 24 harten Rennen, da ist diese Führung wichtig für unsere Richtung und die Siegermentalität, um eine Basis von Garage bis Fabrik zu schaffen", so Towriss. "Auch um zu schauen, welche Ressourcen GM, TWG haben, und was eine Vision eines F1-Teams der Zukunft sein kann, mit der Rolle von KI und dergleichen. Wir haben gerade einmal an der Oberfläche des Werkzeugkastens gekratzt, den GM für Cadillac F1 bieten kann."
Genau das verspricht auch Budkowski: "Ich werde mir die Tiefe der Organisation anschauen, die Prozesse, die Werkzeuge, was wir bauen, was wir brauchen, was uns GM bieten kann. Dort gibt es denke ich eine immense Tiefe an technischer Expertise und an Werkzeugen, die, so scheint mir, noch nicht verwendet wurden. Was auch verständlich ist, wir sprechen von einem Team, das ein paar Monate alt ist, und von Grund auf neu aufgebaut wurde."
"Das wird nicht unmittelbar passieren, das wird Zeit brauchen", mahnt Budkowski, "aber es wäre dumm, nicht auf die Expertise auf der anderen Seite des Teichs zu schauen." Abgesehen davon gibt es wohl aber auch kurzfristige Felder, die man sich anschauen muss. Denn es scheint sich tatsächlich nach dem Saisonstart zwischen einzelnen Abteilungen des Teams erster Frust anzustauen, potenziell ein Bruch zwischen Einsatzteam und Fabrik. Sergio Perez hatte erst vor wenigen Wochen festgehalten, das Team läge seiner Meinung nach etwas hinter dem erhofften Zeitplan.
Stimmungs-Krise bei Cadillac nach Problemen?
"Viele dieser Schwierigkeiten, ich nannte sie vorhin Anlaufschwierigkeiten, existieren", räumt Towriss ein, will sie aber nicht überbewerten: "Ich habe über die Jahre viele Projekte aufgebaut. Die Formel 1 mag ein spezieller Fall sein, aber es gibt Gemeinsamkeiten. Kommunikation ist immer ein Schlüssel. Die verbessern, sicherstellen, dass Dinge organisiert und korrekt aufgestellt sind, und die Moral in der Aufbauphase muss stabil gehalten werden."
"Solche Probleme sind zu erwarten", meint Towriss. "Marcins Background gibt uns hier eine tolle Perspektive. Abgesehen davon, dass er ein guter Kommunikator und starker Anführer ist. Er wird ein tolles Asset sein, wenn wir uns daran machen, unsere Evolution aus diesen Startschwierigkeiten heraus auf die nächste Stufe zu schaffen, und die Fabrik ist da definitiv ein Fokuspunkt. Nicht weil sie unterperformt, aber das ist in einer neuen Organisation zu erwarten."
Für Budkowski geht es am Montag vor Zandvoort erst los. Da wird er erst zum ersten Mal die Fabrik besuchen, dann direkt zum Rennen weiterreisen. Seine erste Priorität ist also eine Bestandsaufnahme: "Auch weiß ich mit meiner F1-Erfahrung, dass bei solchen Zuverlässigkeitsproblemen, die Cadillac hatte, ein großes Risiko eines Bruchs zwischen Strecke und Fabrik besteht. Dieser Bund muss aber sehr stark sein."
Mit Budkowskis Verpflichtung hofft Towriss seinerseits, dem Projekt jetzt neuen Schwung und Motivation zu verleihen, wenn es aus der Sommerpause kommt: "Es wird um die Kultur gehen. Führungsstärke, Verantwortung, die Chance, alles zusammenzubringen, Schwung durch die zweite Hälfte mitzunehmen und das als Sprungbrett für 2027 zu nutzen."



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