Das Samstagsrennen der DTM auf dem Nürburgring war beim Start-Ziel-Sieg von Matteo Cairoli (Emil-Frey-Ferrari) nicht die spannendste Angelegenheit, doch eines fiel Fans und Experten sofort ins Auge: die vielen vorzeitigen Ausfälle. Nach nur 15 Minuten Renndauer fehlten bereits sechs Fahrzeuge auf der Strecke, am Ende sahen neun Fahrer nicht die Zielflagge - eine ziemlich hohe Ausfall-Quote bei einem Starterfeld von 21 Autos.
Mirko Bortolotti (GRT-Lamborghini), Arjun Maini, Finn Wiebelhaus (beide HRT-Ford), Marco Mapelli (Abt-Lamborghini), Tom Kalender (Landgraf-Mercedes) und Timo Glock (Dörr-McLaren) hatten ihre Autos bis zur 8. von 39 Runden bereits in der Garage abgestellt.
HRT-Ford nach Strafe auf Reifenspar-Kurs am Nürburgring
Bei den Ford Mustang GT3 Evo der HRT-Piloten Wiebelhaus und Maini war die Sache offensichtlich: Das Duo hatte schon im Qualifying am Morgen auf schnelle Rundenzeiten verzichtet und im nachfolgenden Rennen frühzeitig aufgegeben, weil beide Fahrer im Vorfeld wegen eines Verstoßes gegen das Test-Reglement Durchfahrtstrafen kassiert hatten. Damit war das Samstags-Rennen für sie praktisch gelaufen, noch bevor sich ein Rad in der Eifel gedreht hatte.
Der stets höfliche Inder Maini sprach nach seinem Ausfall zwar von Vibrationen und davon, für den Sonntag bei der Technik auf Nummer sicher gehen zu wollen. Faktisch ging es für HRT-Ford aber darum, sich für den zweiten Renntag in eine gute Ausgangslage zu versetzen und möglichst viele Reifensätze einzusparen. Dazu muss man wissen: Laut Sportlichem Reglement standen jedem Auto für beide Qualifyings und die zwei Rennen nur drei frische Reifensätze zur Verfügung.
HRT-CEO Uli Fritz fand die Strafe für den Verstoß gegen das Test-Reglement "unverhältnismäßig hart, weil unsere Fahrer nachweislich keinen Vorteil davon hatten", und fügte an: "Ich bin nicht stolz darauf, dass wir den operativen Fehler gemacht haben und nicht glücklich mit der Entscheidung, aber für uns als Team war sie wohl alternativlos. Die ganze Thematik hat dem Sport sicher keinen Gefallen getan."
Frühes Aus am Samstag - Vorteil am Sonntag
Bei den weiteren frühzeitig ausgefallenen Autos lässt sich kaum nachprüfen, ob eine Weiterfahrt - wenn auch ohne aussichtsreiches Ergebnis - nicht doch möglich gewesen wäre. Fakt ist aber, dass diese Kandidaten davon beim Sonntagsrennen profitierten und mehr frische Reifen zur Verfügung hatten als ihre Konkurrenten. Fünf der sechs Fahrer, die am Samstag frühzeitig ausgefallen waren, landeten am Sonntag in den Top-9. Nur Wiebelhaus ging - ironischerweise - wegen eines Reifenschadens leer aus.
Der von P11 gestartete Tom Kalender (Landgraf-Mercedes) stellte den Reifen-Vorteil mit seiner späten Aufholjagd bis auf den zweiten Platz am eindrucksvollsten unter Beweis. Der 18-jährige Mercedes-Youngster flog in der Schlussphase förmlich an Nicki Thiim und Thomas Preining vorbei, die ihren Schluss-Stint auf gebrauchten Reifensätzen vom Vortag absolvierten. Kalenders Pirellis hatten zu diesem Zeitpunkt 11 Runden weniger drauf als die von Thiim sowie 9 weniger als bei Preining. Rennsieger Marco Wittmann (Schubert-BMW) rettete sich gegen den heraneilenden Kalender gerade so ins Ziel.
Preining: "Das ist nicht gut für die Fans und den Sport"
Vorzeitig aufzugeben und Reifen zu sparen, wenn kein gutes Ergebnis mehr in Sicht ist, wird seit längerer Zeit in der DTM praktiziert. Auf dem Nürburgring erreichte dieses diskutable Prozedere jedoch seinen vorläufigen Höhepunkt. "Es war schon immer so, aber gerade in dieser Saison mit den neuen Reifen besteht ein riesengroßer Unterschied zwischen einem guten und einem stark genutzten Reifen", sagte Thomas Preining. "Das ist vor allem an einem Wochenende mit drei verfügbaren Reifensätzen relevant."
Dazu sei angemerkt: Für die DTM-Events auf dem Lausitzring, Norisring, Oschersleben und Nürburgring gilt die 3-Reifensätze-Regel, während die Fahrer bei den vier anderen Rennwochenenden vier Sätze verwenden dürfen. Mit dem Sachsenring und dem Hockenheim-Saisonfinale stehen noch zwei Veranstaltungen bevor, wo vier Sätze genutzt werden dürfen - da hält sich der 'Vorteil' eines frühen Ausfalls samt gesparten Reifen zumindest etwas in Grenzen.
Preining weiter zur frühen Ausfall-Orgie am Samstag auf dem Nürburgring: "Es hat mir nicht gefallen, zu sehen, dass so viele Leute einfach aufgegeben haben, weil sie chancenlos waren, eine Strafe hatten oder was auch immer. Das ist vor allem für die Fans nicht gut, die Eintritt zahlen, und auch generell nicht für den Sport. Darüber sollten wir für die Zukunft sprechen. Uns betrifft das nicht, aber ich habe dazu eine klare Meinung."
Gounon genervt: "Dann stellst du einfach das Auto ab..."
Motorsport-Magazin.com weiß, dass das Reifen-Thema schon länger hinter den Kulissen brodelt. Einige Teams wünschen sich eine möglichst baldige Reaktion vom DTM-Veranstalter ADAC, "weil das sonst auch mal die Meisterschaft entscheiden kann", wie uns ein Teamchef sagte, der namentlich nicht genannt werden wollte.
Jules Gounon (Winward-Mercedes) hatte unterdessen keine Probleme damit, seinem Ärger freien Lauf zu lassen. Zum einen war der Sonntags-Polesetter genervt von der aus seiner Sicht unfairen Penalty-Lap wegen Speeding in der Boxengasse, die ihn womöglich den Sieg kostete. Zum anderen, weil er anschließend von Gegnern mit frischeren Reifen vom sechsten bis auf den 14. Platz durchgereicht wurde.
"Das sehen wir häufiger in der DTM", schimpfte Gounon. "Wenn du im ersten Rennen keine Chance mehr hast, stellst du einfach das Auto ab. Du sagst einfach, dass du ein Problem hattest, und dann hast du frische Reifen für den zweiten Tag. Wenn es dann ein Safety Car gibt, kommen die Jungs mit den frischen Reifen immer nach vorne. Ich bin noch enttäuschter, weil das nicht fair ist!"
Nach unserem Verständnis ist es nicht verboten, sein Auto frühzeitig abzustellen - dadurch bleibt der betroffene Fahrer allerdings auch ohne Punktgewinn im Samstagsrennen. Eine Möglichkeit, sich effektiv dagegen zu wehren, gibt es nicht. "Nicht wirklich", sagte Wittmann. "Wenn du die Chance auf Punkte im ersten Rennen hast, dann betreibst du kein Reifen-Management. Ein paar Fahrer hatten am Sonntag neue Reifen, aber dagegen kannst du nichts ausrichten. Ich wusste, dass wir im Vergleich zu anderen Autos einen Nachteil hatten, aber das verleiht den Sonntagen eine zusätzliche Würze."
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