Mit großem Getöse wurde im Februar diesen Jahres die vermeintliche neue Heimat der MotoGP in Australien präsentiert: Ein neuer Stadtkurs im Zentrum von Adelaide soll 2027 die Traditionsrennstrecke auf Phillip Island ablösen. Doch das Projekt sieht sich seither mit jeder Menge Gegenwind konfrontiert.
Für MotoGP-Strecke müssen 400 Bäume weichen
Grund dafür sind Umweltbedenken zahlreicher Anwohner. Rund 400 Bäume müssten in den seit fast 200 Jahren bestehenden 'Adelaide Parklands' für das MotoGP-Rennen gefällt werden. Hier existiert auch bereits eine Rennstrecke, auf der von 1985 bis 1995 die Formel 1 gefahren war und auf der noch heute Automobilrennen veranstaltet werden. Diese ist für die MotoGP aufgrund beschränkter Auslaufzonen aber nur in Abschnitten geeignet.
Für die verbleibenden Bereiche wären eben Rodungen nötig. Die Gegner der Strecke sehen neben dem Verlust der Bäume auch zahlreiche seltene Säugetier-, Vogel- und Schmetterlingsarten bedroht. Der Protest hat sich mittlerweile professionalisiert und organisiert: Fast 30.000 Unterschriften wurden auf Papier gesammelt, was das Parlament des Bundesstaats South Australia zu einer Untersuchung zwingt. Eine Online-Petition fand weitere 50.000 Unterstützer.
FIM in Zwickmühle: MotoGP-Realität gegen Umwelt-Code
Brisant wird der Protest nun auch für den Motorradweltverband FIM, unter dessen Banner die MotoGP ausgetragen wird. Die FIM verpflichtet sich nämlich in ihrem 'Environmental Code' zu konkreten Verhaltensregeln, was Umweltthemen betrifft. "Beim Bau von Anlagen in der Nähe von oder in sensiblen Gebieten ist der Schutz und die Förderung der Biodiversität zu berücksichtigen. Veranstaltungen sind in Übereinstimmung mit den örtlichen Gesetzen und in Abstimmung mit den Umweltbehörden zu organisieren, um die bestgeeigneten Orte zu finden, an denen die Biodiversität nicht beeinträchtigt wird", ist da etwa zu lesen.
Weiter: "Als Unterzeichner des Sports for Nature Framework sind die der FIM angeschlossenen Mitglieder, Promoter und Veranstalter sowie die Mitglieder der FIM-Familie dazu aufgerufen, einen Beitrag zum Schutz der Natur zu leisten und auf vier Grundsätze hinzuarbeiten." Der erste aufgeführte Grundsatz lautet: "Die Natur schützen und Schäden an natürlichen Lebensräumen und Arten vermeiden." Darauf folgt die Erklärung: "Unsere Organisation verpflichtet sich, natürliche Lebensräume und Arten zu schützen und Schäden an ihnen zu vermeiden. Dazu gehört auch die Achtung geschützter Gebiete."
Initiative fordert Prüfung durch FIM
Die 'South East City Residents Association', ein Zusammenschluss von Anwohnern, Akademikern und Ökologen, sieht diese Richtlinien missachtet und richtet sich in einem Brief an FIM-Präsident Jorge Viegas: "Wir fordern die FIM auf, vor weiteren Gesprächen mit der Regierung von South Australia über den Bau eine unabhängige und öffentlich zugängliche Umweltverträglichkeitsprüfung für die geplante Rennstrecke und die damit verbundene Infrastruktur einzufordern."
Die FIM ist nun gefordert, auf die Vorwürfe zu reagieren. Gleichzeitig muss sich die Politik in South Australia dem Fall annehmen. Premierminister Peter Malinauskas ist fest entschlossen, am ursprünglichen Plan festzuhalten. Er sieht durch die Veranstaltung großen Werbewert und beträchtliche Einnahmen für Adelaide und die gesamte Region.

Doch was passiert, wenn das Rennen in der fünftgrößten Stadt Australiens tatsächlich scheitert? Viele MotoGP-Enthusiasten würden wohl auf eine Rückkehr beziehungsweise einen Verbleib am legendären Phillip Island Grand Prix Circuit hoffen. Doch daraus wird voraussichtlich nichts werden. Der im Februar unterschriebene Vertrag wurde zwischen der MotoGP Sports Entertainment Group und dem Bundesstaat von South Australia abgeschlossen, der sich somit zur Organisation eines Grands Prix verpflichtet. Dieser könnte bei einem Aus für Adelaide theoretisch natürlich auch auf Phillip Island stattfinden, doch das gilt als ausgeschlossen: Denn das kleine Eiland liegt im Bundesstaat Victoria - und der gilt als Erzrivale von South Australia. Immerhin war es ausgerechnet Victoria, das 1996 die Formel 1 von Adelaide in seine Hauptstadt Melbourne lockte. Der MotoGP-Coup von South Australia gilt als späte Rache dafür.
Phillip Island als Adelaide-Ersatz? MotoGP hat andere Pläne
Könnte man keinen Grand Prix in Adelaide austragen, würde man demnach auf eine andere Alternative innerhalb des eigenen Bundesstaats zurückgreifen. Diese heißt 'The Bend' und liegt gut eine Autostunde von Adelaide entfernt im Landesinneren. Dort wird ab 2028 bereits die Superbike-WM Gas geben, die sich wie die MotoGP von Phillip Island verabschiedet.
Für eine Rückkehr der Kultstrecke in den Rennkalender der Motorrad-Weltmeisterschaft gibt es also wohl keine Hoffnung mehr. Einziger Trost: Der Kurs soll zumindest in seiner bekannten Form bestehen bleiben. Streckenarchitekt Bob Barnard hatte vor einigen Wochen gemahnt, dass das Gelände verkauft und in einen Golfplatz umgewandelt werden könnte. Das Eigentümerunternehmen Linfox Property Group widerspricht diesen Befürchtungen in Person von Managing Director Andrew Fox aber entschieden: "Die Strecke steht definitiv nicht zum Verkauf. Wir haben kein Interesse, auf unserem Land auf Phillip Island einen Golfplatz zu errichten."
Die Ungewissheit um den Australien-GP 2027 bleibt unterdessen. Dass die MotoGP im letzten Moment noch ein geplantes Rennen streichen muss, wäre kein Novum. Wir haben die Absagen der vergangenen Jahre in unserer Übersicht gesammelt:
MotoGP-Übersicht: Alle abgesagten Grand Prix


diese MotoGP Nachricht