Liebe Leser und Motorrad-Fans,

als Redakteur von Motorsport-Magazin.com versuche ich trotz aller Begeisterung für den Sport auch stets das erforderliche Maß an Sachlichkeit und eine angemessene Distanz zum Geschehen an den Tag zu legen. Das werde ich hier und heute einmal über den Haufen werfen. In diesem Kommentar spricht die reine Fan-Seele aus mir.

Was die MotoGP am Donnerstag verkündete, sollte eigentlich nicht einmal als verspäteter (und äußerst schlechter) Karnevalsscherz durchgehen. Das Aus von Phillip Island und der geplante Wechsel auf einen Straßenkurs in Adelaide ab 2027 bestätigt alle Befürchtungen der Fans vor der Übernahme durch Liberty Media auf alarmierende Weise.

Absoluter Fan-Liebling muss weichen: Adelaide statt Phillip Island

Alle Beteiligten waren von der Ankunft des amerikanischen Medienunternehmens begeistert. Der Formel 1 hatten sie zu einem unglaublichen Boom verholfen. Nun sollte in der MotoGP nach Gold gegraben werden. Der Tenor war stets derselbe: Wir haben bereits die beste Motorsport-Show der Welt, die jedoch besser verkauft werden muss.

Ob die MotoGP wirklich die beste Show liefert, ist natürlich stets subjektiv. Doch wenn dies an einem Ort fest behauptet werden darf, dann ist das auf Phillip Island. Die Natur-Achterbahn ist jedes Jahr ein Garant für fantastische Rennen und spektakuläre Bilder. Das flüssige Layout in Kombination mit den Höhenunterschieden ist einzigartig im MotoGP-Kalender. Würden wir unter Fahrern und Fans eine Umfrage nach der beliebtesten Strecke machen: Phillip Island wäre der Sieger. Mitten in der Nacht aufzustehen, ist auch als Hardcore-Fan nicht immer einfach. Doch wenn der Australien Grand Prix bevorstand, war das kein Thema. Vielmehr stellte es ein Muss dar.

Phillip Island ist im Rennkalender einzigartig, Foto: Pramac Racing
Phillip Island ist im Rennkalender einzigartig, Foto: Pramac Racing

Event statt Rennsport: Beginn des Stadtkurs-Wahns auch in der MotoGP?

Genau dieses Highlight wird uns nun geraubt. Phillip Island hat Tradition und Spektakel zu bieten. Aber es fehlt an jenem, was Liberty Media in einem MotoGP-Rennen sehen will: Kommerzielles Potential. Die Infrastruktur des Kurses ist beschränkt, was dementsprechend auch für die Hospitalities und VIP-Bereiche gilt. Dazu lässt sich auch schlecht Champagner schlürfen, wenn es regelmäßig zu Wetterkapriolen kommt. Den hartgesottenen Bikern ist das völlig egal, aber Liberty Media möchte ja ein neues Publikum erreichen.

Im Paddock Club der F1 liegt das große Geld, Foto: Motorsport-Magazin.com
Im Paddock Club der F1 liegt das große Geld, Foto: Motorsport-Magazin.com

Dazu wird nun scheinbar die F1-Methode einfach auf zwei Räder umgemünzt. Dabei kommt dann ein Stadtkurs heraus. Was auch sonst? Hotels, Partys und Konzerte können wir gleich mitbuchen in unseren exklusiven - und natürlich vor allem teuren - Event-Urlaub. Und dass da nebenbei in Adelaide noch ein Rennen gefahren wird, ist doch irgendwie auch ganz nett. Da stellt sich aber die Frage: Wie soll das überhaupt stattfinden? Also nicht die Partys, sondern der Grand Prix.

Viel zu gefährlich! Die Idee eines MotoGP-Stadtkurses ist und bleibt purer Wahnsinn

Der Gedanke eines Stadtkurses bei einem Motorrad-Rennen galt bisher als verrückte Träumerei. Völlig zurecht: Für die Sicherheit braucht es unabdingbar großflächige Auslaufzonen und Kiesbetten. Selbst bei den engeren permanenten Rennstrecken wie Jerez wird es mit den modernen MotoGP-Raketen langsam eng. Wie soll das im beengten urbanen Raum möglich sein? Wir alle erinnern uns noch an die Mauer, in der Michael Schumacher 1994 nach Berührung mit Damon Hill landete. Überzeugende Konzepte zur massiven Änderung des Adelaide Street Circuit wurden nicht vorgestellt. Die zuversichtlichen Aussagen von MotoGP-Sportdirektor Carlos Ezpeleta haben wir auch schon für viele andere - letztlich gescheiterte - Grand Prix Projekte gehört.

MotoGP-Show auf dem Norisring 2025
In der Stadt sollte es höchstens Demofahrten wie zuletzt am Norisring geben, Foto: IMAGO/Alexander Trienitz

Selbst bei noch so aufwändigen Sondermaßnahmen würde ein Stadtkurs für Motorrad-Rennfahrer ein lächerlich hohes Risiko bedeuteten. Das ist die Natur des Sports und lässt sich auch nicht ändern. Mit großen Dollarzeichen in den Augen lässt es sich aber offenbar ignorieren. Bleibt nur zu wünschen, dass die Fahrer dann den Mut zum Streik finden, falls sie wirklich auf ein solches Minenfeld losgelassen werden sollten. Mit keinem Geld der Welt könnte dieser Preis bezahlt werden.

Ein BMW auf der Rennstrecke The Bend in Australien
Die MotoGP könnte auf 'The Bend' fahren, Foto: IMAGO / Action Plus

Statt dem kompletten Wahnsinn scheint es auch möglich, dass wir doch auf einer permanenten Strecke landen. Etwa 100 Kilometer südöstlich von Adelaide liegt der 2016 eröffnete Kurs 'The Bend'. Die flache Anlage ist moderner ausgestattet als Phillip Island, liegt aber ebenfalls in der Provinz. In dem Fall könnte man nur noch sagen: Glückwunsch MotoGP! Ihr habt eure geilste Strecke für ein paar mehr VIP-Tickets eingetauscht.

Das Aus für Phillip Island ist nur der Anfang der MotoGP unter Liberty Media

Den eingefleischten Fans des Sports wird also schon nach wenigen Monaten Liberty-Herrschaft klargemacht, wer und was nun Vorrang hat. Vielleicht findet die Königsklasse tatsächlich neue Anhänger, aber dem Stammpublikum so ins Gesicht zu spucken wird sich rächen. Jeglicher Kredit für weitere Veränderungen ist schon jetzt aufgebraucht. Das Online-Echo auf den Australien-Wechsel erscheint fast noch vernichtender als bei der unsinnigen Reifendruckregel von Michelin. Dies hielt ich eigentlich für unmöglich, aber die MotoGP hat es geschafft. Auch auf unserem neuen WhatsApp-News-Kanal waren die Reaktionen eindeutig. Wie ihr diesen findet, erfahrt ihr hier:

Doch wenn wir den Gedanken konsequent weiterführen, so wird alles nur noch schlimmer. Die Logik lässt nur einen Schluss zu: Beim Australien-Deal handelt es sich nicht um den Tiefpunkt, sondern um den Startschuss der Liberty-Ära. Was da noch auf alle Motorrad-Fans zukommt, wissen wir leider nur zu gut. Die Formel 1 fungiert als unser Spiegel in die Zukunft. Das mag dem Publikum der Marke 'Netflix' gefallen, mir tut es nicht. Mir gefällt Phillip Island.

Was meint ihr? Wie fühlt ihr euch angesichts des Aus für Phillip Island? Sagt es uns in den Kommentaren.