Eigentlich erwartete am Sonntag in der MotoGP jeder einen Reifenkrimi. Schließlich hatte Michelin am Samstagabend kurzfristig die Nutzung des Softs untersagt. Zu groß die Angst, anderenfalls nicht über die Distanz von 24 Rennrunden zu kommen. Tatsächlich war im Japan-GP dann aber nichts von Problemen mit den Reifen zu sehen, die MotoGP-Stars fuhren sogar Rundenrekord um Rundenrekord - weil die Notfalloption von Michelin deutlich besser funktionierte als prognostiziert.
MotoGP-Piloten feiern Notfalloption von Michelin: Fantastischer Reifen!
"Fantastisch, unglaublich. Er hat richtig gut funktioniert", schwärmte Luca Marini nach dem Großen Preis von Japan regelrecht vom harten Hinterreifen mit der speziellen, hitzebeständigeren Karkasse. "Sehr gut. Ich hatte das nicht erwartet, aber er sogar besser als der Medium", stimmte auch Diogo Moreira ein und Raul Fernandez kommentierte: "Er war heute eine richtig gute Wahl. Die Performance war fantastisch. Wir waren damit selbst am Ende noch richtig schnell, jeder ist seine besten Rundenzeiten zum Ende gefahren. Er war eindeutig die beste Wahl."
Sämtliche Sorgen vom Vortag wirken rückblickend also völlig unbegründet. Doch das offenbart die Frage: Wieso versuchte sich eigentlich niemand früher am harten Hinterreifen? In den Trainings am Freitag und Samstagfrüh wäre schließlich genügend Zeit gewesen, aber alle 22 Piloten fokussierten sich ausschließlich auf die 'normalen' Soft- und Medium-Gummis ohne verstärkte Karkasse. "Rückblickend war es ehrlich gesagt etwas dumm, diesen Reifen nicht schon vorher [vor dem verlängerten Warm Up am Sonntag, Anm.] zu testen", schmunzelte auch Fabio Quartararo.
Warum testeten die MotoGP-Piloten den Hard nicht schon vor dem Warm Up?
"Wir haben heute Morgen in der Garage sogar Witze darüber gemacht, ob wir eigentlich irgendwas von Motorrädern verstehen", lachte auch Alex Marquez und versuchte sich anschließend an einer Erklärung. "Wir wurden alle etwas überrascht, aber Michelin hat an diesem Wochenende auch ihre Strategie etwas verändert. Normalerweise bringen sie diese Karkasse immer als härteste Mischung, die an diesem Wochenende zur Verfügung steht, wenn sie zum Einsatz kommt. Diesmal war das aber etwas anders, denn der Reifen war eigentlich ein Soft."
Tatsächlich hatte es hier womöglich ein kleines Missverständnis zwischen Reifenhersteller und den MotoGP-Teams gegeben. Obwohl die Notfalloption Michelins während des gesamten Wochenendes als "Hard" deklariert wurde, handelte es sich dabei in Wirklichkeit um eine identische Mischung zum Soft, der in Motegi gefahren wurde, nur eben mit verstärkter Karkasse. Das bestätigte Motorsportchef Pierro Taramasso am Sonntagfrüh während des Warm Ups im Gespräch mit MotoGP-Boxengassenreporter Jack Appleyard: "Die Karkasse ist etwas härter, aber die Mischung gleicht der weichen Variante, die wir gestern gestrichen haben."

"Das müssen wir künftig im Hinterkopf behalten, falls wir diese Auswahl nochmal bekommen", hielt Alex Marquez daher abschließend fest und auch Marini rügte Michelin deshalb etwas: "Wenn sie uns früher dazu angehalten hätten, diesen Reifen zu fahren, hätten wir ihn auch in Qualifying und Sprint genutzt. Das müssen sie sich ansehen, denn meiner Meinung nach haben sie da einen fantastischen Reifen für diese Strecke produziert. Ich habe mich das ganze Wochenende über fehlenden Grip beschwert und als ich heute morgen diesen Reifen eingesteckt habe, waren alle Probleme verschwunden."
Die Fahrer sehen die Schuld also beim Konstrukteur aus Frankreich, hätten sich rückblickend mehr Feedback gewünscht. Warum aber nicht einer von ihnen dem Hard einfach mal einen Versuch während der Trainings gab, bleibt ihr Geheimnis. Klar ist nur, dass anderenfalls viel Ärger erspart geblieben wäre. "Er hat sehr viel Grip geboten, ich habe deutlich mehr Stabilität gespürt. Ich weiß nicht, ob ich ihn im Sprint verwendet hätte, aber es war definitiv ein richtig guter Reifen", stimmte auch Jorge Martin seinen Vorrednern zu und Marc Marquez bestätigte: "Selbst für die 'Timeattack' wäre das eine gute Option gewesen."
Nur Pedro Acosta leidet mit dem Hard: Ursache aber eine andere?
Der einzige Fahrer, der am Sonntag überhaupt nicht in Fahrt kam, war Pedro Acosta. Statt im prognostizierten Kampf um den Sieg fand er sich im Dreikampf mit Raul Fernandez und Ai Ogura um Platz fünf wieder, fast 15 Sekunden hinter Markenkollege Enea Bastianini. Eine herbe Enttäuschung, die er allerdings nicht allein dem Hard zuschreiben wollte. "Ich glaube nicht, dass ich nur durch den Reifenwechsel so langsam wurde und Enea so schnell", vermutete er anderweitige Probleme. "Da muss noch etwas anderes sein. Nur was, das wissen wir nicht."



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