Schon am Freitag war Mercedes auf den Sprint-Qualifying-Runden auffällig geworden, am Samstag war es nicht anders: Kimi Antonelli und George Russell gehen in bizarr anmutenden Szenen wenige Meter vor der Ziellinie im Qualifying-Trimm vom Gas. Der Hintergrund ist ein absurder Kniff, um das aktuelle Formel-1-Reglement in Silverstone optimal auszunutzen.
Einige erinnern sich vielleicht daran, dass ein ähnliches Thema schon viel früher in der Saison aufgekommen war. Damals hatten Mercedes und Red Bull einen Notfall-Modus missbraucht, um damit eine vor der Ziellinie störende Vorschreibung bei der Elektro-Einspeisung zu umschiffen. Dieser Kniff ist zwar inzwischen verboten, doch in Silverstone erzeugt Mercedes den gleichen Effekt nun auf noch absurdere Weise.
Prinzipiell geht es hier um eine Vorschreibung des Technischen Reglements mit der Sicherheit im Hinterkopf. Weil der Elektro-Anteil mit bis zu 350 kW so groß ist, verbietet das Reglement, dass bei Vollgas die Elektro-Einspeisung von einer Sekunde auf die andere von 350 kW auf 0 zurückgefahren wird. So etwas könnte im Rennen potenziell den Hintermann überraschen und zu Auffahrunfällen führen.
Mercedes-Fahrer zum Rausnehmen verdonnert: So viel bringt der Kniff
Das Zurücknehmen der Elektro-Leistung muss daher in 50-kW-Schritten pro Sekunde erfolgen. Was ist nun das Problem im Qualifying? Man muss sich raus aus der letzten Kurve bis zur Ziellinie genügend Elektro-Energie aufsparen, um diese Regel erfüllen zu können. Der Weg in Silverstone ist hier gerade knapp. Die Autos kommen kurz vor der Ziellinie in den Rücknahme-Modus und beginnen Leistung zu verlieren.
Nun gibt es im Reglement ein "Aber": Wenn die vom Fahrer verlangte Leistung negativ ist - einfach gesagt wenn er komplett vom Gas geht -, dann darf die vorhandene Leistung natürlich sofort auf 0 gestellt werden. Schließlich will der Fahrer offensichtlich nicht beschleunigen, er ging ja vom Gas. Das ist es, was Mercedes in Silverstone ausnutzt.
Der Mercedes speist raus aus der letzten Kurve so lange wie möglich die vollen 350 kW ein. Dann gehen Russell und Antonelli vom Gas, ehe die Batterie leer ist, und umschiffen so den Rücknahme-Modus. Natürlich rollen sie dann die letzten Meter bis zur Ziellinie ohne Vortrieb und werden langsamer. Aber davor sind sie aus der letzten Kurve bis zum Höhepunkt kontinuierlich schneller als alle anderen.
Kimi Antonelli zu Mercedes-Kniff: Warum muss ich überhaupt vom Gas?
Prinzipiell sollte dieser Trick nur auf Strecken mit kurzem Weg zur Ziellinie funktionieren. Da man es am Samstag erneut betrieb, scheint es offensichtlich, dass es in den Augen der Mercedes-Ingenieure zumindest hier Zeit bringt. Die Konkurrenz hat die Spielchen am Freitag zwar beobachtet, ist aber auch im Qualifying nicht darauf eingestiegen. Hier vertraute man weiter darauf, die Fahrer einfach Vollgas geben zu lassen.
Die Mercedes-Piloten würden das wohl eigentlich nur zu gerne auch tun. Natürliches Qualifying-Fahren sieht anders aus. "Manchmal musst du mit dieser Power Unit auf eine gewisse unnatürliche Art fahren", resigniert Kimi Antonelli, als er nach seiner Pole darauf angesprochen wird. "Da fragst du auch erst einmal: Warum muss ich überhaupt vom Gas?"
"Es ist manchmal einfach schwierig", so Antonelli. "Mit dem Team haben wir uns gut vorbereitet. Zum Glück gewöhnst du dich irgendwann an diese Dinge." Letztendlich funktionierte alles, und Antonelli holte sich am Samstag seine nächste Pole für einen Grand Prix. Diesmal mit 0,175 Sekunden Vorsprung auf den besten Ferrari von Charles Leclerc.
Wie das ganze Qualifying am Samstag in Silverstone lief, gibt es hier im Qualifying-Bericht nachzulesen:



diese Formel 1 Nachricht