Wer erinnert sich nicht an den fast schon legendären "Plan B"-Scherz von Christian Horner, als er während der FIA-Pressekonferenz in Silverstone 2025 auf seinen Back-up-Plan angesprochen wurde, sollte Max Verstappen Red Bull vor 2028 verlassen? Direkt neben McLaren-CEO Zak Brown sitzend, erklärte Horner mit einem breiten Schmunzeln "Oscar Piastri" – in Anspielung an eine Drive to Survive-Folge, als er gefragt wurde, welchen der beiden McLaren-Fahrer er wählen würde.

Ohne zu zögern, entschied sich Horner für Piastri und begründete dies mit dessen hohem Potenzial und seiner stoischen Ruhe. Doch beides lässt der Australier in der Formel-1-Saison 2026 vermissen. Dieses Wochenende kehrt Piastri an jenen Ort zurück, an dem er vor einem Jahr seinen bis dato letzten GP-Sieg feierte. Warum er sich vor dem diesjährigen Rennen in Zandvoort mit 92 Punkten nur auf dem siebten WM-Rang wiederfindet – fünf Plätze und 192 Punkte schlechter als vor 12 Monaten bei drei absolvierten Rennen weniger? Motorsport-Magazin.com begab sich auf die Suche nach Antworten.

Zandvoort 2025: Piastris letzter F1-Erfolg

Für eine vollständige Analyse bedarf es auch einen Rückblick auf die zweite Saisonhälfte 2025. Während Lando Norris zu Höchstform auflief, mit dominanten Siegen in Mexiko und Brasilien glänzte, und der Verstappen-Express immer mehr an Fahrt gewann, befand sich Piastri ab dem Aserbaidschan GP in einem Formtief. In sechs Rennen holte er einen vierten sowie drei fünfte Plätze und blieb zweimal punktelos. Jedoch muss an dieser Stelle betont werden, dass die Disqualifikation in Las Vegas auf die Kappe des Teams und nicht des Fahrers ging.

In Katar und Abu Dhabi meldete sich Piastri zwar mit zwei Podestplätzen in Serie zurück, doch der WM-Zug war längst abgefahren: Aus dem 34-Punkte-Vorsprung auf Norris nach dem Niederlande-GP wurde ein 13-Punkte-Rückstand nach dem Saisonfinale. Die psychologische Wirkung, den Titel 2025 auf diese Weise verloren zu haben, hängt Piastri sicherlich noch nach – sie ist aber weit davon entfernt, der Hauptgrund für sein siegloses F1-Jahr zu sein.

Problemfaktor Team: MCL40 nicht auf Anhieb ein Siegerauto

Vom Maßstab des Feldes ist McLaren in der ersten Saisonhälfte 2026 weit entfernt gewesen. Phasenweise bildete der amtierende Konstrukteursweltmeister das Schlusslicht unter den Top-Teams. Zum einen bekam das Team die Folgen davon zu spüren, dass es sein 2025er-Auto bis weit in die vergangene Saison hinein weiterentwickelte. Zum anderen unterliefen McLaren bei der Konstruktion des 2026er-Boliden einige Fehlentscheidungen, die man mit neuen Teilen zu korrigieren versuchte.

Doch die an die Strecke gebrachten Updates – in der Vergangenheit McLarens Ass im Ärmel – lieferten nicht auf Anhieb den gewünschten Erfolg. "Die Teams um uns herum haben beim Entwicklungstempo eindeutig einen großen Schritt nach vorne gemacht. Ich hoffe, dass wir mit den nächsten Updates den Rückstand verkleinern können, aber sie werden uns ganz sicher nicht komfortabel nach vorne bringen", erklärte Piastri in Belgien. Der MCL40 weist einen hohen Luftwiderstand auf, gleichzeitig fehlt es ihm an Abtrieb. Wie Andrea Stella in Ungarn klarstellte, sind auch Piastris schwankende Leistungen auf eben diesen Mangel an Abtrieb zurückzuführen.

Danner-Klartext: Lando Norris ist schneller als Oscar Piastri! (05:15 Min.)

Problemfaktor Fahrstil: Aggressivität statt Perfektion

Durch ihre bloße Natur bietet die aktuelle Fahrzeuggeneration spürbar weniger mechanischen Grip. Auch die komplette Aerodynamik-Philosophie wurde überarbeitet: Der größte Teil des Anpressdrucks wird in dieser Saison durch die Flügel und den aerodynamischen Anstellwinkel erzeugt. Für eine schnelle Runde müssen die 2026er-Autos über die Runde nahezu "geprügelt" werden, was Piastris geschmeidigen und präzisen Fahrstil nicht entgegenkommt.

Schon 2025 stand Piastri im Schatten von Norris, wenn es auf Strecken ging, auf denen das Auto nervös reagierte und ständige Mikrokorrekturen erforderte. Bestes Beispiel hierfür waren die Rennen in Austin, Sao Paulo und Mexiko-Stadt, als sich Piastri dreimal in Folge mit Mühe auf Platz fünf rettete.

Problemfaktor 2026: Umstellung auf neue Fahrzeuggeneration

Dass Piastri in seiner mittlerweile vierten McLaren-Saison mehr denn je wie Norris’ Edelhelfer wirkt, liegt auch daran, dass er in seiner bisherigen F1-Karriere nur Ground-Effect-Boliden gefahren ist. Die Umstellung auf die neue Fahrzeuggeneration fällt für ihn bedeutend größer aus als für Lando Norris, der 2019 debütierte und unterschiedliche Aerodynamik-Konzepte kennt.

In seinen ersten F1-Jahren hat sich Piastri einen Fahrstil antrainiert, der nahezu perfekt an die Ground-Effect-Autos angepasst war. Jetzt muss er alles Gelernte - sein komplettes Muskelgedächtnis – neu programmieren. Wie schwer sich ein Fahrer tut, wenn das Auto seinem natürlichen Stil widerspricht, zeigt das Beispiel von Lewis Hamilton in den vergangenen Jahren mehr als deutlich.

Droht Piastri das Webber-Schicksal?

Auch wenn die interne Statistik des McLaren-Duos bei Siegen (0:1), Poles (0:1), Podestplätze (2:3), Qualifying-Duell (4:11, durchschnittlicher Rückstand 0,09%) gegen Piastri spricht, sind aktuell in den Medien auftauchende Vergleiche mit seinem Manager Mark Webber, der in seiner Red-Bull-Zeit von Sebastian Vettel dominiert wurde, voreilig.

Immerhin bewies Piastri in Japan sein Potenzial und hätte ohne das glücklich getimte Safety-Car für Kimi Antonelli um den Sieg gekämpft. Auch auf dem Red Bull Ring zeigte er eine starke Pace. Auch wenn der Australier als Vierter das Podium knapp verpasste, konnte er seinen McLaren-Teamkollegen immerhin auf dessen Paradestrecke abhängen.

Die Formel 1 ist zurück aus der Sommerpause. Wann findet das Freie Training statt? Wann beginnt das Qualifying? Wann startet das Rennen? Findet ein Sprint statt? Hier gibt es den Zeitplan zum Niederlande GP