Die Formel 1 wurde in Japan um ihren ersten großen Underdog-Showdown des Jahres betrogen. Denn ein Safety Car machte eine davor 21 Runden lange souveräne Defensivfahrt von Oscar Piastri irrelevant und schenkte Kimi Antonelli einen einfachen zweiten Saisonsieg. Die sich zwingend stellende Frage, auch in der Renn-Analyse von Motorsport-Magazin.com, muss da sein: Hätte Piastri sonst Mercedes düpiert?
Antonelli und George Russell schienen sich auf den ersten Metern des Rennens in Suzuka schon nicht mit fahrerischem Ruhm zu bekleckern. Für diese schlechten Starts - Antonelli von Pole auf P6, Russell von P2 auf P4 - zieht die Ausrede der Mercedes-Power-Unit nicht mehr. Die McLaren kamen schließlich ohne Probleme weg. So kehrte der von P3 losgefahrene Piastri eben auch als Führender aus der ersten Runde zurück.
Die auf den Plätzen zwei und drei folgenden Charles Leclerc und Lando Norris konnten Russell nur nicht lange hinter sich halten, und so schien alle Welt auf den Mercedes-Sieg durch George Russell setzen zu wollen, als der schon in Runde vier zurück auf den zweiten Platz geklettert war und Piastri ins Visier nahm. Doch das war eine grobe Fehleinschätzung.
Piastri - und Leclerc - für George Russell in Japan eine Nummer zu groß
Basierend auf dem, was Piastri und Russell im Rennen zeigten, lässt sich ein Mercedes schon einmal aus der Gleichung nehmen. Nichts in Japan deutet darauf hin, dass Russell dieses Rennen aus eigener Kraft gewonnen hätte. Klar, Russell stellt nach dem Rennen fest: "Eine Runde Unterschied beim Safety Car und ich hätte gewonnen." Aber nur, weil ein Safety Car in Runde 21 statt 22 ihm einen Billig-Stopp und damit kampflos P1 geschenkt hätte.
Auf der Strecke war Russell mit Piastri überfordert. Der McLaren machte basierend auf den Sektorzeiten und Topspeed-Werten dabei nie irgendetwas Besonderes, um sich zu verteidigen. Piastris Plan war offensichtlich: Von Anfang an konstant fahren, keine Fehler machen, die freie Fahrt als Führender optimal auszunutzen. Seine Rundenzeiten im ersten Stint blieben stabil. Einzige Ausschläge: Als Russell ernsthaft angriff.
Doch Russell bekam trotz vermeintlich überlegenem Mercedes das Energie-Management nicht auf die Reihe. Als er in Runde 8 zwischen 130R und der letzten Schikane an Piastri vorbeifuhr, machte der nicht einmal Anstalten, sich irgendwie anders zu verhalten als sonst. Russell hingegen verfeuerte beim Angriff massiv Batterie-Power. Vor 130R wurde er mit 24,6 km/h Überschuss gemessen.
Entsprechend hatte der Mercedes raus aus der letzten Schikane keine Elektro-Leistung mehr. Piastri schien sich dabei auch nicht in einen unbedachten Konter drängen zu lassen, bei dem er wiederum nun mehr Energie verbriet als Russell. Er vertraute auf das bei Russell entstandene Defizit. Am Zielstrich war der Mercedes 6 km/h langsamer. Obendrauf hatte ihm Russell am Messpunkt nach der Schikane auch noch den Overtake-Modus geschenkt. Also konnte Piastri in der nächsten Runde sowohl mehr laden als auch mehr abgeben.
Russell in Japan zu langsam & zweikampfschwach
Nun fuhr der McLaren sich frei. Zu einem weiteren Angriff kam es nicht mehr. Dass Russell abgesehen vom Energie-Trubel in der Startphase das Überholen schwerfiel, demonstrierte er auch nach dem Safety Car, als er sich nicht zurück durch die Ferraris kämpfen konnte, die ihn beim Restart ausmanövriert hatten. Charles Leclerc verhinderte in Runde 50 die letzte Attacke genau wie Piastri davor. Wieder war Russells Überschuss massiv, hier sogar 29 km/h vor 130R. Unbeeindruckt griff Leclerc hinter ihm den Overtake-Modus ab und konterte hin zur ersten Kurve.
Auch in Sachen Pace hatte Russell, der mit einem schlechten Setup und einer zu instabilen Hinterachse ins Rennen gegangen war, nicht ausreichend Munition. Nach der gescheiterten Attacke hatte er von Piastri ablassen müssen. Er stoppte schon in Runde 21, weil er sonst hinter Leclerc zurückzufallen drohte. Der Ferrari hatte dank frühem Reifenwechsel in Runde 17 per Undercut die Lücke schon fast zugefahren.
Konnte Kimi Antonelli schaffen, woran Russell in Japan verzweifelte?
Russell schien von Piastri also schon gebrochen. Die wahre Gefahr für McLaren ging aber von Kimi Antonelli aus. Der schien zuerst einmal anders als Russell sehr wohl noch genug Performance zu haben, um seinen Start-Stint zu verlängern, während die ihn davor aufhaltenden McLaren und Ferrari um ihm herum an die Box kamen. Waren die erst einmal weg, drehte Antonelli in freier Luft auf.
Auf alten Medium war er vor dem Safety Car ähnlich schnell wie Piastri, Leclerc und Lando Norris auf neuen Hard. So hätte Mercedes ihn ohne Probleme länger draußen lassen können, um einen Reifen-Vorteil aufzubauen. Das hätte Antonellis Chancen natürlich verbessert, aber hätte er wirklich das geschafft, was Russell nicht schaffte - nämlich Überholen? Das stellte sich in Japan als ein ziemliches Problem heraus.
Antonelli mochte zwar schneller sein als Russell, und trotzdem steckte er zu Rennbeginn nach seinem schlechten Start erst bis Runde 11 hinter Lando Norris. Hier zeigte er immerhin, dass er einen McLaren überholen konnte. Norris versuchte sich den ganzen Start-Stint permanent hinter Leclerc im Overtake-Fenster zu halten, um so Antonelli abzuwehren. In Runde 11 schaffte es Antonelli trotzdem.
Kuriose Überhol-Taktiken in Japan sorgen für Verwirrung
Auch Antonelli überholte hierbei wie Russell schon zwischen 130R und der letzten Schikane. Warum hielt sein Manöver? Antonelli war sogar noch schneller als Russell bei seinen gescheiterten Versuchen. Da Norris vor ihm aber immer noch Overtake in Verwendung hatte, war der Überschuss nicht so groß.
Doch raus aus der Schikane verzeichnete Antonelli bis zur Ziellinie anders als Russell keinen auffälligen Topspeed-Einbruch. Hatte er also mehr Elektro-Leistung übrig? War es gar nicht die Batterie, sondern besseres Handling raus aus der Schikane? Piastri gegen Russell war der optimale McLaren gegen den suboptimalen Mercedes. Antonelli gegen Norris war der optimale Mercedes gegen den suboptimalen McLaren, Norris war in Japan im Training wegen Defekten keinen Longrun gefahren. Die Gründe sind von außen nicht offensichtlich. Ein weiteres unglückliches Beiprodukt des neuen Reglements.
Fahrer berichteten nach dem Rennen von äußerst kuriosem Batterie-Verhalten zwischen 130R und Schikane. Da man mit Overtake schneller ist, muss man hier eher vom Gas, wenn man dem Konkurrenten im Heck klebt. Wenn man dann wieder aufs Gas steigt, speist die Batterie wieder ein, obwohl die Fahrer das eigentlich nicht wollen. So ist sie nämlich für den nächsten Beschleunigungs-Vorgang auf der Zielgeraden leer.
Antonelli schaffte es auf der Strecke dann auch nicht an Charles Leclerc vorbei. In Runde 15 versuchte er das hier bereits mehrfach diskutierte Manöver am Ferrari, aber mit einem Quersteher raus aus der Schikane war der Konter für Leclerc einfach. Zwei Runden später stoppte Leclerc, das Duell war nur bedingt aussagekräftig.
So lässt sich tatsächlich nur schwer sagen, was in diesem Rennen passiert wäre, wenn Antonelli ohne Safety Car sich per späterem Stopp zehn Runden an Reifen-Vorteil aufgebaut hätte. Der Abbau war auf robusten Hard-Reifen in Japan gering, und er hätte sich wohl trotzdem an Leclerc und vor allem auch an Russell vorbeiarbeiten müssen, ehe er überhaupt an Piastri hätte denken können. "Wir werden nicht wissen, ob Oscar gewonnen hätte", lautet daher auch das unvermeidliche Fazit von McLaren-Teamchef Andrea Stella.



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