Mercedes war bei den Trainings der Formel 1 in Ungarn am Freitag nur die vierte Kraft. Ferrari fuhr in einer eigenen Liga, auch McLaren und Red Bull waren schneller als die Titelfavoriten. Doch der eklatante Rückstand von einer Sekunde auf die Bestzeit von Lewis Hamilton hat einen Haken. Die Rundenzeit von George Russell allein reicht nicht für eine finale Standorbestimmung. Das Feedback der Fahrer lässt allerdings auch bei Kimi Antonelli den Optimismus eines Pole-Setters in Spe missen.

"Solange wir keine kompetitive Runde gefahren sind und die beiden Autos miteinander vergleichen können, was heute leider nicht möglich war, werden wir keine endgültige, definitive Antwort haben", so der stellvertretende Mercedes-Teamchef Bradley Lord angesichts des eklatanten Rückstands von George Russell auf die Bestzeit von Ferrari-Fahrer Lewis Hamilton. Dem Briten fehlte heute auf P5 eine Sekunde auf seinen ehemaligen Teamkollegen. Kimi Antonelli wiederum brachte auf dem Soft-Reifen keine verwertbare Rundenzeit zustande und landete mit 1,9 Sekunden Rückstand auf P13. So weit waren die Silberpfeile dieses Jahr am Freitag noch nie von der Spitze entfernt. In Monaco fehlten im Training knapp vier Zehntelsekunden.

"Unsere Pace auf eine Runde sah nicht besonders gut aus, der Longrun wirkte dagegen konkurrenzfähiger,. Aber was wir bei Ferrari im Grunde befürchtet hatten, scheint nun tatsächlich der Fall zu sein. Sie sehen nämlich sehr, sehr stark aus", erklärt Russell, der an beiden Trainings teilnahm. Kimi Antonelli hatte sein Auto im FP1 an Entwicklungsfahrer Frederik Vesti übergeben. Im zweiten Training kam der WM-Leader dann gar nicht auf Touren. Von Beginn an klagte er über eine blockierende Hinterachse, seinen Soft-Run musste er auch aus diesem Grund abbrechen. Bei der Einfahrt in die Schikane im Mittelsektor kam das Heck, er musste aufmachen und geradeaus fahren.

George Russell klagt über schlechten Grip auf Formel-1-Strecke in Ungarn

In der Qualifying-Simulation nahmen laut Team beide Fahrer Frontflügel raus, um eine stabilere Vorderachse zu haben. Der Grip fehlte trotzdem in jeder Lebenslage. "Sie haben etwa ein Drittel der Rennstrecke neu asphaltiert und dabei einen wirklich schlechten Job gemacht", moniert Russell. "Es ist sehr holprig, ich habe in Kurve eins viele neben der Strecke gesehen. Die Strecke bricht in der letzten Kurve auch auf, und einige fahren mittig durch die Kurve und treffen gar nicht den Scheitelpunkt. Das ist etwas seltsam."

Ein weiterer Faktor war am Freitag der Wind. "Der Wind scheint sich zu drehen, und bei Böen von 25, 30 km/h weiß man, dass ein Wechsel um 180 Grad oder 90 Grad erhebliche Auswirkungen auf die Fahrzeugbalance hat - das Dreiradfahren und so weiter. Hoffentlich wird es morgen besser", so Russell.

Mercedes kann Software für Power Unit in Budapest nicht verfizieren

Wenig bis gar keine Aufmerksamkeit schenkte George Russell am Freitag seinem Kryptonit der vergangenen Wochen - der Mercedes-Power-Unit. Nach dem Drama von Belgien setzte das Team alle Hebel in Bewegung, um die Software auszusortieren. Damit auseinandersetzen konnte sich die Mannschaft damit aber nicht. "Wir haben tatsächlich gar nicht darauf geschaut. Ich habe meinem Team einfach vertraut, dass alles gelöst ist", erklärt Russell, der diese Lösung auf dem Hungaroring aber nicht verifizieren konnte.

"Wir wussten schon vorher, dass wir, wenn wir hier exakt dasselbe Problem wie vor einer Woche haben, das nur einen Unterschied von zehn Prozent machen würde", sagt er. "Die Natur dieser Rennstrecke ist eine ganz andere und die Power Units sind auf diesem kurzen Kurs ziemlich beeindruckend. Du hast die 350 Kilowatt aus jeder Kurve heraus und die Hinterreifen werden auf der Runde einfach ruiniert."

Mit diesen Herausforderungen der anderen Art ist der Kopf wengistens für den Moment wieder frei. "Ich bin froh, dass wir uns jetzt rein auf die Performance fokussieren können und nicht auf Problemlösung", so Russell, der noch alle Chancen sieht, den Anschluss an Ferrari herzustellen: "Die Pace des Autos scheint an diesem Wochenende nicht ganz so konkurrenzfähig zu sein wie in Silverstone und Spa, aber ich bin zuversichtlich. Es gibt noch viel Raum für Verbesserungen."