Mehr als deutlich und äußerst zufrieden kann Ferrari nach den ersten Trainings in Ungarn am Freitagabend zusammenpacken. Lewis Hamilton und Charles Leclerc haben die Formel 1 nämlich viel deutlicher als erwartet abgehängt. Nur darf man Mercedes nach einem problematischen Freitag auf keinen Fall abschreiben, das mahnt auch die Trainings-Analyse.
Der Freitag in Ungarn gestaltete sich für alle schon fast überraschend schwierig, denn der Grip war extrem niedrig. Eine Reihe an Faktoren spielte da hinein. Nervös sind die Autos sowieso, weil diese Strecke hier energiereich ist. Das heißt, dass die Autos raus aus vielen Kurven die maximale Leistung haben. Dadurch bauen die weichen Hinterreifen auf Qualifying-Runden gegen Ende hin bereits ab. Dort wird es dann richtig schwierig.
Zum einen blies starker böiger Wind aus Nordwesten am Freitag über die Strecke. Zum anderen begann sich der Asphalt ausgerechnet in den letzten beiden Kurven auch noch aufzulösen. Dadurch rutschten dort alle Fahrer extrem herum. Manche aber mehr als andere.
Ferrari spielt im Ungarn-Training seine ganze Kurven-Stärke aus
Richtig gut sah es bei Lewis Hamilton aus. Nach dem achtfachen Ungarn-Sieger wurde am Freitagvormittag offiziell eine Kurve des Hungarorings benannt, am Nachmittag zeigte er warum. Bestzeit in der Qualifying-Simulation, mit eineinhalb Zehntel Vorsprung auf die bereits sehr gute Runde von Charles Leclerc, fünf Zehntel auf Lando Norris und sieben Zehntel auf Max Verstappen.
Dabei war Hamiltons Runde nicht einmal optimal. Es war erst sein dritter Anlauf. Den ersten hatte er abbrechen müssen, mit dem zweiten war er nicht zufrieden. Kein anderer Fahrer aus der Spitzengruppe legte nach drei Runden noch nach. Und obendrauf ging wohl noch mehr. Im ersten Sektor hatte er Verkehr und verlor eine Zehntel Vorsprung, die er da bereits auf Leclerc gehabt hatte. Vor Kurve 12 verschaltete er sich und verlor eine halbe Zehntel.
Die Kombination Hamilton und Ferrari sah am Freitag eigentlich schon fast unschlagbar aus. Die Stärke des SF-26 ist bekanntlich eine stabile Balance durch langgezogene Kurven und Kombinationen. Genau das sieht man auf den Daten. Der Ferrari setzt sich in Kurve 1 an die Spitze, verliert etwas durch die Vollgas-Passagen, aber im kurvigen Mittelsektor beginnt die Lücke wieder zu wachsen. Und als es im letzten Sektor mit schwindendem Grip in den ewig langen langsamen letzten zwei Kurven ans Eingemachte geht, hängt er die Verfolger völlig ab.
Mercedes-Freitag auf eine Runde in Ungarn nicht repräsentativ?
Dabei wächst die Lücke bei Red Bull und McLaren überraschend weniger stark als bei Mercedes. George Russell lag am Ende seiner besten Runde starke 0,933 Sekunden zurück. So schlecht hatten sich die WM-Führenden 2026 noch an keinem Freitag präsentiert. "Was wir mit Ferrari befürchtet haben, ist effektiv der Fall", unkt Russell am Abend. Sein Team will am Abend aber noch nicht daraus folgern, dass es ein fundamentales Problem mit der Strecke ist.
Von den vier Top-Teams zeigte der Mercedes am Freitag klar die schlechteste Balance. Er neigte zu einer unangenehmen und unberechenbaren Kombination aus Unter- und Übersteuern. Russell ist besonders in den letzten langsamen Kurven am Scheitelpunkt teils bis zu 10 km/h langsamer als Hamilton. Als Ursache meint das Team aber vor allem ein Problem mit der Reifen-Vorbereitung ausgemacht zu haben. Tatsächlich zeigt sich in den Longruns im 2. Training bereits ein deutlich stabilerer Mercedes.
Wird der W17 mit vollen Tanks nicht mehr am absoluten Haftungslimit bewegt, sortiert sich die Balance, und tatsächlich führt Kimi Antonelli auf dem Soft-Reifen die Longrun-Tabelle mit zwei Zehnteln vor Leclerc an. Russell ist Zweiter in der Medium-Tabelle hinter Max Verstappen, aber er fuhr doppelt so lang als Verstappen und Hamilton. Reduziert man Russells Stint auf eine vergleichbare Distanz, würde er deutlich an der Spitze liegen.
Rennpace kann sich an diesem Wochenende durchaus als Schlüsselfaktor herausstellen. Das Herumgerutsche am Freitag trieb den Reifenabbau generell in die Höhe, aktuell halten sich Ein- und Zweistopp-Strategie die Waage. Manche Teams zeigten laut Pirelli im Longrun Anzeichen von Graining auf der Vorderachse, bedingt wohl durch die intensivierten Bemühungen beim Schützen der Hinterreifen per Setup.
Zumindest im Renntrimm scheint das auf Mercedes nicht zuzutreffen. "Wir machten beim ersten Versuch des Neubalancierens einen falschen Schritt, aber im Longrun fanden wir eine Richtung", ließ Chefingenieur Andrew Shovlin wissen. Außerdem ist offen, was Kimi Antonelli überhaupt auf eine Runde kann. FP1 hatte er zugunsten von Ersatzfahrer Fred Vesti ausgesessen. Seine erste Qualifying-Simulation in FP2 musste er wegen einer roten Flagge abbrechen, die zweite nach einem massiven Quersteher eingangs der ersten Schikane im Mittelsektor.
Wenn Mercedes seine Reifenvorbereitung und sein Setup im Qualifying-Trimm über Nacht auf die Reihe bekommt, ist potenziell ein großer Sprung möglich. Unabhängig davon, dass der Wind für morgen drehen soll, was bei den teils starken Böen einen großen Einfluss auf das Kräfteverhältnis haben kann.
´Freitags-McLaren erster Ferrari-Jäger - mit viel zu großem Rückstand
"Oh, es wird morgen eng werden, wie immer, die Lücke von heute erwarte ich nicht", ist sich Charles Leclerc nach dem Training auch sicher. Trotzdem ist Ferraris Favoritenrolle besonders im Qualifying bei der Performance im letzten Sektor aktuell schwer von der Hand zu weisen, selbst für ihn: "Normalerweise sind wir freitags oft im Hintertreffen. Gut, einen guten Freitag zu haben. Aber wir müssen weiter hart arbeiten."
Das Gegenteil von Ferrari ist freitags bekanntlich McLaren. Lando Norris' 0,499 Sekunden Rückstand auf P1 ist tatsächlich die schlechteste Freitags-Performance von McLaren seit Monaco. Entsprechend vorsichtig sind dort alle, nachdem sich schon die guten Freitage zuletzt üblicherweise als Trugschlüsse herausstellten. Auch wenn Norris im Renntrimm solide auf Hamilton-Niveau agierte.
Nur Norris fuhr am Freitag das komplette Update-Paket mit neuem Unterboden und neuer Bremskühlung. "Die Lücke nach vorn war in den letzten Rennen signifikant, und wir wussten immer, dass wir das nicht an einem Wochenende schließen", mahnt Renndirektor Randy Singh. Oscar Piastri musste FP1 sowieso aussitzen und FP2 dann das alte Equipment für Vergleichswerte fahren, erst morgen bekommt auch er die neuen Teile.
Red Bull hadert mit Balance, Audi drängt im Mittelfeld
Bei Red Bull war der berüchtigte Macarena-Flügel nach mechanischem Nachrüsten am Freitag in Ungarn wieder im Einsatz - ohne Probleme. Viel mehr Probleme scheint zu machen, dass Red Bull das Auto gerne sehr steif fahren würde. Das klappte bei Max Verstappen in FP1 gar nicht, in FP2 mäßig: "Eine gute Balance zu finden war heute schwierig." Das bewies Isack Hadjar, der in FP1 zufriedener war als in FP2.
Am Ende waren beide Fahrer nicht glücklich. Das Bild bleibt so nach dem Freitag in Ungarn an der Spitze noch unklar. Nur Ferrari hatte die schwierigen Bedingungen wirklich im Griff, der Rest muss Hausaufgaben machen. Dahinter mühen sich die Racing Bulls und Audi ab, Anschluss zu halten. Das starke Audi-Chassis scheint hier ähnlich wie der Ferrari auftrumpfen zu können. Im Kampf um die letzten Punkte haben sich diese zwei Teams von sehr stark hadernden Alpines abgesetzt, scheinen aber nach weiter vorn wie üblich keine nennenswerten Chancen zu haben.



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