Ist Gegenteilstag in der Formel 1? Normalerweise ist Red Bull dafür bekannt, mit einem schlechten Freitag ins Wochenende zu starten und das Ruder über Nacht herumzureißen. Doch in Monaco liefen beide Trainings ziemlich gut für Max Verstappen: zweimal Platz drei hinter den mächtigen Ferraris. Die halbe Sekunde Abstand vom FP1 verkleinerte der vierfache Weltmeister am späten Nachmittag sogar auf unter zwei Zehntel. Wieso ist der RB22 in Monte Carlo plötzlich so stark?
Isack Hadjar hat eine Vermutung. "Die Strecke kommt unserer Speed-Spannweite zugute. Die Lowspeed-Kurse waren bisher sehr gut zu uns, die Highspeed-Kurse nicht so. Das ist definitiv gut. Man kann sehen, dass Max ganz vorne ist. Wir haben eine große Chance", freute er sich. Der RB22 zeigt in diesem Jahr eine gewisse Stärke in langsamen Kurven. Auf den engen Straßen von Monaco kommt das genau richtig. Dazu schwächeln, wie erwartet, die Mercedes-betriebenen Fahrzeuge.
Max Verstappen zufrieden nach Monaco-Freitag: Erste Startreihe das Ideal!
"Normalerweise hält sich Max nicht zurück, wenn es um Probleme am Auto geht", weiß Red Bulls Chefingenieur Paul Monaghan. Die Schimpftiraden des Niederländers sind bekannt. Im ersten Freien Training beschwerte er sich lautstark und mit nicht familienfreundlichen Begriffen über den "Release", wohl die Freisetzung der elektrischen Energie. In FP2 absolvierte er seine Runden hingegen ganz still. "Sein Feedback ist sehr präzise. Wir haben keine Liste an Problemen, die sich auftürmen. Es gibt ein paar Sachen, die wir ändern und die das Auto hoffentlich besser machen. Aber er ist ermutigt", beschrieb Monaghan.
"Es war ein positiver Tag", sagte Verstappen selbst. "Das Auto hat sich gut angefühlt und das ist wichtig, besonders hier in Monaco. Wir sind glücklich, wo wir im Moment sind. Bis Samstag werden wir etwas finetunen. Ferrari sieht sehr stark aus, wir werden versuchen, an ihnen dranzubleiben." Was Teamchef Fred Vasseur vom Schrumpfen des Vorsprungs zwischen FP1 und FP2 hält, erfahrt ihr hier:
Trotz der guten Leistung von Verstappen ist man bei Red Bull eher vorsichtig mit großen Ankündigungen. "Es ist etwas Erleichterung, Ermutigung, aber nur weil wir in FP2 dort waren, wo wir waren, heißt das nicht, dass wir auf Platz eins über die Ziellinie kommen. Es ist noch keine fixe Sache", mahnte der Chefingenieur. "Es wird verdammt eng werden. Jeder wird schnell sein. Wir werden unser Bestes geben, um vorne zu sein, idealerweise in der ersten Startreihe."
Isack Hadjar nach FP1-Crash in Monaco auch an der Spitze dabei?
Wen Monaghan auch im Kampf um die Spitzenpositionen sieht, ist der zweite Red-Bull-Fahrer, Isack Hadjar. "Er will auch einen Teil der Action abbekommen. Er wird dabei sein, keine Sorge", ist sich der Chefingenieur sicher. Dabei hatte Hadjar den wohl schlechtesten Start ins Wochenende.
Im FP1 verlor er nach 35 Minuten in der zweiten Schwimmbad-Schikane das Heck seines RB22. Er drehte sich über die Strecke, schlug zuerst frontal mit der Tecpro-Barriere ein, dann seitlich links und abschließend noch mit dem Heck. "Die erste Session war in Ordnung. Ich habe mit jeder Runde mehr Selbstvertrauen bekommen, darum hat mich der Unfall überrascht", beschrieb Hadjar am Freitagabend.
Sein RB22 musste umfangreich repariert werden, den Mechanikern blieben bis zum zweiten Freien Training nur drei Stunden Zeit. Sie schafften die Herkulesaufgabe und Hadjar kam mit zehn Minuten Verspätung aus der Garage. Als erstes bedankte er sich am Funk bei seinem Team. "Sie haben einen echt guten Job gemacht. Ich wusste, dass es nach dem Crash schwer sein würde, wieder rauszufahren. Es war beeindruckend", lobte Hadjar auch nach dem FP2 weiter.
Auch Monaghan hatte Lob für seine Crew: "Sie haben hart gearbeitet. Es war gut, dass an Auto drei [Verstappen] nicht viel zu tun war, deswegen konnten wir die Ressourcen etwas aufteilen." Danach fuhr Hadjar dem Feld vorerst hinterher. Zehn Minuten vor Schluss schaffte er es unter die Top-6, fast neun Zehntel hinter Verstappen. "Ich wollte keinen Fehler wiederholen und mein Vertrauen wieder aufbauen. Ich hatte ein besseres Gefühl im Auto, aber ich war noch nicht am Limit", so der junge Franzose, der selbst sein größter Kritiker ist.
"Isack war viel glücklicher nach FP2. Ich war sehr beeindruckt. Er hat sich wieder zusammengerissen und hochgezogen. Sein Selbstbewusstsein hat einen Schlag abbekommen, aber er wird am Samstag wieder gut drauf sein", so Monaghan.
Nach dem Crash, bei dem Hadjar viel Karbon auf der Strecke ließ, stellt sich aber die Frage: Gab es genug Ersatzteile, sodass Hadjar und Verstappen noch mit der gleichen Spezifikation fahren? "Es sind beides Red-Bull-Autos", bestätigte der Chefingenieur. Ein Scherz, natürlich. "Wir haben ein paar Teile verbraucht und mussten ein bisschen abkürzen. Aber nichts mit Konsequenzen, das wir nicht über Nacht selbst zusammenflicken können."



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