Es war eine der entscheidenden Szenen beim Großen Preis von Belgien: In der Startphase kamen sich Lewis Hamilton und sein ehemaliger Mercedes-Teamkollege George Russell in Turn 5 nahe - zu nahe. Hamilton stach innen hinein, Russell hielt außen dagegen - es folgte ein Rad-an-Rad-Kontakt und ein Mercedes im Kiesbett.

Hamilton kassierte für den Vorfall eine 5-Sekunden-Strafe. "Meiner Ansicht nach ist die Strafe gerechtfertigt", erklärte Christian Danner. "Zu entscheiden, was ein normaler Rennunfall oder eine verursachte Kollision ist, ist natürlich schwierig. Aber Hamilton ist da am Start einfach ein bisschen zu aggressiv und zu unsauber gewesen."

Danner überzeugt: Stewards waren nachsichtig mit Hamilton

Die Startphase ist seit dem neuen Reglement ohnehin eine brenzlige Phase im Rennen. So schlimm wie in Spa-Francorchamps war es jedoch noch auf keiner Strecke. Durch die Kombination aus einem Vollgasstart mit zwei aufeinanderfolgenden Geraden ging den Piloten unweigerlich die Batterie aus - manchen sogar früher als geplant. "Russell wäre längst über alle Berge gewesen, wenn die Elektronik nicht gesponnen hätte und die Leistung dagewesen wäre", erklärt Danner den Grund, wieso es überhaupt zur Berührung zwischen Russell und Hamilton kam.

Unter Berücksichtigung aller Faktoren, die in die Entscheidungsfindung der Stewards einfließen, ist der Formel 1-Experte sogar der Meinung, dass Hamilton noch glimpflich davongekommen ist. Üblicherweise werden für Vergehen dieser Art nicht fünf, sondern zehn Sekunden ausgesprochen. "Natürlich ist es bitter, denn fünf Sekunden können schon mal über ein Podium oder kein Podium entscheiden. Aber die Strafe war durchaus sanft genug, um das Rennen normal fortzusetzen", ist sich der F1-Experte sicher.

In der neuesten Folge des AvD-Motorsport-Magazins erläutert Christian Danner ausführlich, welche Auswirkungen das neue Reglement auf die Formel 1 hat. Einfach hier das Video anschauen.

Software statt Gasfuß? Energie-Chaos! Danner: Widerspricht dem Motorsport! (29:31 Min.)

Hamilton hielt Sieg für möglich - Danner: "Keine Chance!"

Auch gegen Hamiltons Teamkollegen Charles Leclerc lag bei den Stewards eine Untersuchung vor. In Runde 8 setzte sich Oscar Piastri außen vor Les Combes neben Leclerc. Der Ferrari-Pilot zog in der Bremszone nach links, es kam zum Kontakt mit Piastri, der sich dabei eine Beschädigung am MCL40 zuzog. Im Fall von Leclerc wurde jedoch keine Strafe ausgesprochen.

Piastri zeigte zwar Verständnis für die Entscheidung, hätte eine schwarz-weiße Flagge als Verwarnung aber für angemessen gehalten. Danner sieht den Vorfall gelassener. "Klar, Leclerc hat sich in ein oder zwei Kurven schon so positioniert, dass er Piastri auflaufen lassen hat", meint er. Laut ihm gehe die Berührung aber als Rennunfall durch, auch wenn sich Leclercs Situation nicht grundlegend von Hamiltons unterscheide. Der Grund? "Die Lenkradbewegung und was sich die Stewards noch so anschauen, war bei Leclerc einfach ein bisschen anders. Deshalb kann man das durchgehen lassen", erklärt der Experte.

Leclerc kämpfte im weiteren Rennverlauf sogar noch mit Kimi Antonelli um den Sieg. Hamilton hingegen trauerte der verpassten Chance nach: Der Ferrari-Pilot meinte nach dem Grand Prix, dass er ohne den Zusammenstoß und die Strafe hätte gewinnen können. Danner sieht das jedoch anders.

"Aus seiner Sicht [Hamilton, Anm. d. Red.] sagt man das natürlich gerne. Aber gegen einen Antonelli ohne Probleme hätte er keine Chance gehabt. Vielleicht wäre ein Resultat auf Leclerc-Niveau möglich gewesen", meint Danner, wirft aber noch ein: "Was ich ihm hoch anrechne, ist, dass er auch wirklich erwähnt, dass es sein Fehler war - auch der Crash in FP3 - und darauf aufbauend nicht das Beste aus seinem Paket herausholen konnte."