"Es sah identisch aus wie der Unfall, den er in Österreich hatte", lautete Christian Danners erste Einschätzung zu Max Verstappens Abflug in Silverstone. In Runde 48 von 52 verlor der Red-Bull-Pilot in der schnellen Stowe-Kurve plötzlich die Haftung an der Hinterachse, ruckelte durch den Kies und blieb direkt vor der Lando-Norris-Tribüne stecken. Was ein in dieser Saison ohnehin rarer Podiumsplatz hätte werden können, wurde zu einem weiteren, bitteren Ausfall für den vierfachen Formel-1-Weltmeister.
Laut dem Team und Verstappen selbst hat sich der Heckflügel am Ende der Straight-Mode-Zone nicht vollständig geschlossen, dadurch fehlte die gerade in den schnellen Kurven so wichtige Downforce am Heck. Eine fast gleiche Situation erlebte Verstappen auch eine Woche zuvor, als er im Qualifying zum Österreich GP in der Highspeed-Kurve neun plötzlich abflog. "Es war dasselbe Ergebnis, nur ein anderer Auslöser", bestätigte der Niederländer, dass es in Silverstone wieder ein Schließungsproblem gab.
"Es dauert ein paar Millisekunden, bis der Abtrieb wieder da ist", erklärt Danner im AvD Motorsport-Magazin. Seit Miami verwenden die Bullen eine von Ferrari inspirierte Art des sogenannten 'Macarena'-Flügels, der sich nicht einfach nur aufklappt, sondern um 225 Grad dreht, um die Öffnung für den Straight-Mode zu kreieren. Dadurch sinkt der Abtrieb drastisch, gleichzeitig kann sogar etwas Auftrieb erzeugt werden. Beim Schließen ist das Einsetzen der Downforce ebenso drastisch, ein kleines Problem - wie etwa ein winziger Spalt oder ein nicht perfekter Abschluss - kann die Balance komplett aus dem Gleichgewicht bringen und in einer schnellen Kurve zum Abflug führen.
Max Verstappens Fahrstil der wahre Grund für Crash?
Ob der Heckflügel sich wirklich nicht zur Gänze schloss, war mit dem freien Auge auf den TV-Bildern nicht zu erkennen. Der Experte äußert berechtigte Zweifel, ob die volle Verantwortung für Verstappens Crash dem drehenden Teil zugeschoben werden darf. "Es ist fast naheliegend, schließlich haben die ja doch ein relativ großes Loch da hinten. Aber warum ist das bei [Isack] Hadjar nicht der Fall?", wundert sich Danner.
Verstappens Teamkollege Isack Hadjar erlebte in diesem Jahr noch keine vergleichbaren Abflüge. Sein Unfall in Miami war ein simpler Fahrfehler und sein Ausfall in Australien war auf einen Motorschaden zurückzuführen. Danner hat eine Vermutung, wo der entscheidende Unterschied sein könnte: "Ich habe ein bisschen den Fahrstil von Max im Verdacht."
"Nicht, dass ich ihm Vorwürfe mache. Der fährt perfekt", verteidigt sich der Experte. "Aber wenn jemand ein Auto komplett auf die Vorderachse stellt und direkt nach dem Bremsen schon ans Einlenken geht, dann ist er früher dabei, Seitenführungskräfte und auch Abtrieb an der Hinterachse zu benötigen." Verstappen ist bekannt dafür, eine extrem spitze Front und aggressive Kurveneingänge zu bevorzugen. Sein ehemaliger Teamkollege Alex Albon verglich sein Setup mit einer Computermaus, die auf 100 Prozent Sensibilität eingestellt ist. Damit geht er das Risiko einer instabilen Hinterachse ein, doch Verstappen war immer ein Meister darin, das Übersteuern abzufangen.
Danner drängt zur Problemlösung: Vertrauen verlieren ist das Schlimmste!
Mit der leichten Verzögerung beim Schließen des Heckflügels wird Verstappens Fahrstil aber zur Achillesferse. "Hadjar macht es mit Sicherheit ein bisschen sanfter und deswegen hat er da die paar Millisekunden mehr Zeit, bis der Abtrieb wieder da ist", erklärt Danner seine Interpretation der Situation.
Für den Experten muss Red Bull das Problem aber schleunigst in den Griff bekommen: "Das Schlimmste, was du haben kannst, ist das Vertrauen ins Auto zu verlieren. Gerade in dem Moment, in dem man die Eingangsgeschwindigkeit in der Kurve definiert. Das ist das Allerblödeste, denn das ist der großartigste Moment, wenn man das Auto in die Kurve haut, als gäbe es kein Morgen mehr. Dazu muss das Ding auf der Strecke bleiben, sonst verliert man das Vertrauen."
Verstappen selbst sprach am Sonntag davon, wie supergefährlich diese Abflüge sein können. Bisher hatte er Glück, dass es in den zwei Kurven weite Auslaufzonen mit Kiesbett gab. In Österreich musste er zum Röntgen, weil seine Knie beim Crash in den Reifenstapel zusammenschlugen. Nach dem Rennen berichtete er von Schmerzen, etwas Ernstes tat er sich aber nicht. Dass der Heckflügel ein langfristiges Problem sein könnte, bezweifelt Danner: "Ich habe Hoffnung, dass Red Bull das hinkriegt."



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