Der große Monaco-Favorit Ferrari? Nach dem Freitag erhärtet sich der Verdacht, den der Rest der Formel 1 schon vor dem Wochenende hatte, auch wenn die Scuderia sich stets bemühte, den Ball flach zu halten. Zwei Trainings, zweimal Doppelführung. Allerdings mit einigen Überraschungen. Zuerst ist die Konkurrenz nicht die erwartete. Und dann ist die Ferrari-Hackordnung auch nicht die erwartete.

In den letzten Jahren war schließlich Charles Leclerc hier schon fast unschlagbar, zumindest auf eine Runde. Drei der letzten vier Poles gehörten ihm, letztes Jahr unterlag er Lando Norris nur knapp. Doch in den Qualifying-Simulationen im 2. Training musste er sich 2026 dann doch plötzlich dem hochmotivierten Lewis Hamilton um 0,111 Sekunden geschlagen geben.

Lewis Hamilton zieht souveräne Vorstellung im 2. Monaco-Training ab

Hamilton unterstrich mit seiner Tagesbestzeit die Stärken des SF-26 maximal. Seit Jahren baut Ferrari generell Autos mit gutem mechanischem Grip, der auch über Bodenwellen und Unebenheiten nicht abreißt. Ein Schlüssel zum Erfolg hier in Monaco, wo viele Kurven uneben sind und diese Unebenheiten auch im langen langsamen Kurvenverlauf wechseln.

Das zeigten die Ferraris dem Rest vor allem im Mittelsektor. Niemand schien dort den ganzen Tag in der Lage, dem SF-26 bis auf eineinhalb Zehntel nahe zu kommen. Hamilton entschied dort auf seinem ersten Versuch mit Soft-Reifen am Nachmittag das Training direkt für sich. Genauer gesagt in der Bergab-Passage von Mirabeau durch die Haarnadel hinunter bis Portier.

P.FahrerSektor 1Sektor 2Sektor 3Zeit
1Hamilton19,29534,36519,3661:13,026
2Leclerc19,32334,47919,3351:13,137
3Verstappen19,25434,55019,3901:13,194
4Russell19,18534,59619,6241:13,405
5Antonelli19,28334,72119,5251:13,529

Praktisch jedem außer Leclerc nahm er dort eben diese eineinhalb Zehntel ab. Es hätte sogar noch etwas besser sein können, hätte Hamilton aus Portier raus nicht noch einen kleinen Quersteher eingestreut und das durch den Tunnel mitgeschleppt. Doch diese Runde lässt insgesamt erst einmal nur einen Schluss zu: Ferrari ist aktuell erster Pole-Anwärter, und damit auf dem überholfeindlichen Kurs erster Sieg-Anwärter.

Charles Leclerc nimmt Brems-Probleme mit nach Monaco

Aber warum ist es Hamilton, und nicht Leclerc? Nun, tatsächlich war Leclercs theoretisch beste Runde die schnellste Runde am Freitag. In den Sektoren 1 und 3 war er schnellster Mann. Schlüsselwort theoretisch. Denn in einer einzigen, fließenden Runde bekam Leclerc diese theoretische 1:12,884 nicht auf die Reihe, während Hamiltons theoretische 1:13,026 auch seine reale Bestzeit ist.

Leclercs echte Bestmarke ist nur eine 1:13,137. "Leider habe ich seit zwei Wochenenden irgendwelche Probleme mit den Bremsen", ärgert er sich. "Deswegen mache ich seit zwei Wochenenden mehr Fehler mit Verbremsern." Gleich mehrmals landete er am Freitag im Notausgang von Mirabeau. Ihm fehlt das Vertrauen in sein Bremspedal, und darunter leidet seine Konstanz. Anders als Hamilton kann er die Zeit einfach nicht permanent abrufen.

Beste Sektorzeiten & theoretische Bestzeiten im 2. Training in Monaco

FahrerSektor 1Sektor 2Sektor 3Theoretische Bestzeit
Leclerc19,15934,39019,33501:12,884
Hamilton+ 0,136- 0,025+ 0,031+ 0,142
Verstappen+ 0,036+ 0,160+ 0,055+ 0,251
Russell+ 0,026+ 0,203+ 0,246+ 0,475
Antonelli+ 0,063+ 0,304+ 0,110+ 0,477
Piastri+ 0,363+ 0,518+ 0,213+ 1,094
Hadjar+ 0,243+ 0,607+ 0,353+ 1,203
Hülkenberg+ 0,347+ 0,646+ 0,217+ 1,210
Bortoleto+ 0,268+ 0,662+ 0,289+ 1,219

Max Verstappen überrascht die Formel 1 in Monaco als erster Ferrari-Jäger

Leclerc spürte so im 2. Training plötzlich den heißen Atem von Max Verstappen. Der war mit geringen Hoffnungen ins Fürstentum gereist, wo doch der Red Bull anders als der Ferrari in den letzten Jahren für seine schlechte Fahrqualität bekannt war. Doch seine diesjährige Stärke in langsamen Kurven scheint doch zu überwiegen.

"Wir müssen nur ein paar Dinge feintunen", gibt sich Verstappen am Abend schon fast ungewöhnlich optimistisch. Er kam als einziger Fahrer im Mittelsektor dem Ferrari bis auf unter zwei Zehntel nahe. Teamkollege Isack Hadjar fehlte zwar eine Sekunde, aber er suchte am Nachmittag wieder den Rhythmus, nachdem er sein Auto in FP1 im Schwimmbad geschrottet hatte.

Verstappen hat sich so aber erst einmal als bisweilen einziger Ferrari-Herausforderer platziert. Denn die Mercedes hat er um zwei (George Russell) respektive drei Zehntel (Kimi Antonelli) abgeschüttelt. "Wir wussten, das würde aus allen bisherigen Rennen die größte Herausforderung sein, und vielleicht ist es etwas härter als wir gehofft haben", bilanziert Russell nüchtern.

Im 1. Training hatten beide Fahrer unterschiedliche Setups versucht. Russell schwenkte in FP2 auf einen Weg um, der ihm deutlich besser gefiel. Trotzdem bereitet das Schwimmbad dem W17 Probleme. Früh schon in FP2 hatte Russell dort einen massiven Quersteher. Gut zwei seiner vier Zehntel gingen dort auf seiner schnellsten Runde auf Ferrari verloren. Antonelli bekam die Hafenschikane - wo er letztes Jahr im Qualifying übrigens crashte - nicht auf die Reihe.

McLaren überraschend abgeschlagen und schwer enttäuscht

"Wir können ein paar Chancen sehen, um es schneller zu machen", schreibt Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin die Angelegenheit noch nicht ab, auch wenn die Mercedes-Lücke bereits so groß ist, um sie zu einem Außenseiter gegen einen Dreikampf Hamilton-Leclerc-Verstappen zu machen. Aber wo ist eigentlich McLaren? Klar, Lando Norris rollte mit Elektrik-Defekt früh aus, aber Oscar Piastri war als Siebter im Nirgendwo.

"So weit hinterherzufahren haben wir nicht erwartet", meint Piastri zu einer Sekunde Rückstand. "Ein bisschen Fortschritt gab es von FP1 zu FP2 - von eineinhalb auf eine Sekunde Rückstand." Der McLaren eröffnet die Runde desaströs. Er lenkt nicht durch die erste Kurve, will nicht durch Mirabeau, durch die Haarnadel, durch Portier. 8 Zehntel in einer halben Runde weg.

"Vielleicht ist es die Reifentemperatur, vielleicht etwas anderes", wundert sich Chefdesigner Rob Marshall. Das Thema Reifenfenster wird die Formel 1 am Samstag noch stark beschäftigen. Monaco ist so reifenschonend und langsam, dass es schwierig ist, die Soft-Reifen im Qualifying-Modus sofort auf Betriebstemperatur zu bringen.

Das schränkt auch die Aussagekraft des Trainings etwas ein. Mit 22 Autos war der Verkehr zugleich dicht. Viele Fahrer verbesserten sich auch nach mehreren Anläufen noch, versuchten unterschiedliche Pläne. Verstappen fuhr etwa zwei aufeinanderfolgende Push-Runden zu Beginn, als sein Soft am besten war. Wer über Nacht richtig antizipiert, wie sich der Grip der Strecke im weiteren Verlauf des Wochenendes entwickelt, kann schnell gute Schritte vorwärts machen.

Audi beeindruckt im Formel-1-Mittelfeld

Trotzdem ist das Spitzentrio erst einmal etwas enteilt. Verstappen scheint gefährlich zu sein, aber Mercedes muss wirklich alles bei Setup und Reifentemperatur richtig machen, um noch im Rennen zu bleiben. Hinter McLaren drängelte im 2. Training dafür Audi. Nur 6 Tausendstel fehlten Nico Hülkenberg auf Piastri. Der R26 beweist in Monaco aktuell seine vom Team bereits mehrmals unterstrichenen Qualitäten als Top-Chassis.

Hülkenberg fuhr am Ende von FP2 auch einen hervorragenden Longrun, auf dem er im Durchschnitt nur zwei Zehntel pro Runde auf Verstappen verlor. Aber das spielt in Monaco, wo es kaum Reifenabbau gibt und das Rennen auf eine Einstopp-Prozession ohne Überholmöglichkeiten hinausläuft, eine zu vernachlässigende Rolle. Tatsächlich fuhr im 2. Training fast niemand Longruns. Zu wichtig ist das Qualifying.