Am Freitag in Barcelona hat der europäische Formel-1-Sommer begonnen. Strahlend blauer Himmel und Tages-Bestwerte von 30 Grad Luft- und 50,3 Grad Asphalttemperatur ließen alle in den Trainings ordentlich leiden. Am Ende setzten sich drei Fahrer ab - und nur einer davon war ein Mercedes. Ist die Hitze die große Chance für die Konkurrenz?
Jeder Fahrer klagte am Freitag nach dem Aussteigen in Barcelona grundsätzlich über die Balance. Für die Reifen ist so ein Tag ein Albtraum. Der Asphalt hier ist der zweithärteste im Kalender, die langgezogenen Rechtskurven erhöhen die Belastung zusätzlich, und wenn man dann noch Hitze draufaddiert, ist es schlicht unmöglich, die Temperaturen im Griff zu haben.
Also rutschten alle herum. Der beste Rutscher war Lando Norris. Um 9 Tausendstel schlug er in den Qualifying-Simulationen George Russell. Oscar Piastri lag mit 57 Tausendstel Rückstand nur unwesentlich weiter hinten. Mit den dreien konnte niemand mithalten, sie setzten sich um deutliche drei Zehntel vom Rest des Feldes ab.
Untereinander verglichen sind die Runden recht ähnlich. Die McLaren-Fahrer scheinen sich durch die lange Kurve 3 mit längeren Lupfern etwas weiter vom Limit wegzubewegen. Spannend wird es erst im zweiten Teil der Runde. Im ersten liegt Russell vorn. Doch ab der schnellen Kurve 9 beginnt die Kurven-Performance des Mercedes zu leiden.
Hitze-Meister McLaren: Wird Barcelona ein zweites Miami?
Generell sind Probleme hintenraus nicht weiter überraschend. Durch die langen Kurven beginnen die Reifen immer stärker zu überhitzen. Reifen-Fachmann Norris brachte seine Runde sichtlich am besten über die Linie und wurde mit der Bestzeit belohnt. Piastri hatte raus aus Kurve 12 den größten Quersteher und wurde mit dem größten Rückstand und P3 abgestraft.
Kimi Antonelli im zweiten Mercedes zeigte schon, wie delikat die Angelegenheit war. Der WM-Führende hatte FP1 ausgesessen. Womöglich war es das gepaart mit seiner generell geringeren Erfahrung, dass er das Temperatur-Management in der einzigen Qualifying-Simulation nicht auf die Reihe bekam: "Das Fenster ist so klein, die Reifen überhitzen massiv." 0,589 Sekunden fehlten ihm schon auf Norris. Eben wegen dieser Überhitzung fuhr auch jeder nur einen Schuss. Danach konnte man die Soft-Reifen wegwerfen.
Dass der Mercedes-Vorsprung bei diesen Zuständen sprichwörtlich wegschmilzt, überrascht rückblickend eigentlich nicht. Denn wir erinnern uns: Der MCL40 war zuletzt in Miami auch schon stark und forderte den W17. Also beim letzten großen Hitzerennen. Während sich das Team bei den letzten zwei Rennen bei Kälte und glattem sanftem Asphalt beklagte, keine Energie und Temperatur in den Reifen zu bekommen, und besonders in Monaco deswegen weit abgeschlagen war.
"Diese offenen, weit gefassten Kurven passen dem Auto besser als dieses enge Geschlängel", unterstreicht Lando Norris. Barcelona scheint dem MCL40 in seiner aktuellen Form als sehr sanft die Reifen anfassendes Auto auf den Leib geschneidert. Doch bei der Theorie zu einer Miami-Wiederholung werfen die Longruns ein paar neue Fragen auf.
Was bedeuten Mercedes' starke Longrun-Zeiten im Training?
In der Hitze bauten die Reifen wenig überraschend über die Distanz überhitzend rapide ab. Die ersten stellten am Abend schon ein 3-Stopp-Rennen in den Raum. Doch auf den ersten Blick rettet McLaren die Qualifying-Stärke nicht in den Renn-Trimm. Die kurzen Mercedes-Longruns an der Spitze der Tabelle sagen noch wenig aus, die kamen gegen Ende des Trainings. Aber auch die längeren von Antonelli auf Soft und Russell wirken stark.
Die McLarens waren unauffällig. Allerdings gibt es ein paar Details zu ergänzen. Erst einmal scheinen die Mercedes ihre Anfangspace nicht halten zu können. Der McLaren verlor mehr Zeit zu Beginn, dann flachte die Lücke ab. Das deutet daraufhin, dass entweder der MCL40 zu konservativ war und Reserven hat. Oder der W17 zu aggressiv startet. Tatsächlich stoppte Russell seinen Medium-Longrun auf der zehnten Runde, nachdem er eingebrochen war und dann auch noch ins Kiesbett rutschte.
Bei Norris lief der Soft-Longrun auch nicht ideal. Das Team hatte erst eine Frontflügel-Anpassung vergessen vorzunehmen, danach haderte er mit versetzten Bremsen. Interessant noch: Beide Autos fuhren im 2. Training mit dem erstmals in Kanada getesteten neuen Frontflügel-Design, welches aufgrund von Balance-Problemen noch nie eingesetzt wurde. In Barcelona hat man mit modifizierten Endplatten einen neuen Versuch unternommen. Das scheint sich ausgezahlt zu haben.
Was kann der Update-Ferrari in Barcelona?
Um einiges größer ist das Ferrari-Update in Barcelona. Ein neuer Frontflügel mit zusätzlichen Elementen, ein neuer Unterboden und Diffusor und eine neue Seitenkasten-Verkleidung wurde in den Freitags-Trainings von Charles Leclerc und Lewis Hamilton getestet. Beide Fahrer fuhren am Nachmittag die Update-Konfiguration. In der Ergebnisliste mit unspektakulären Auswirkungen.
Leclerc mag 0,373 Sekunden auf eine Runde zurückliegen, war aber nach zwei Trainings zufrieden. Sowohl die Updates als auch seine Änderungen an den Bremsen funktionieren: "Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht." Leclercs guter Medium-Longrun sticht hervor. Dort war er tatsächlich auf Augenhöhe mit Russell, obwohl der Ferrari in den ersten Rennen oft nicht durch gutes Reifenmanagement bestochen hatte.


Ferraris großer Rückstand auf eine Runde stammt von auffällig schwachem Topspeed. Wenn der nicht an einem schwächeren Motormodus lag, droht ein zähes Qualifying. Lewis Hamiltons noch größerer Rückstand aus einer Kombination an Faktoren. Ein Problem mit dem Frontflügel im 2. Training, und ohnehin war Hamilton nur FP2 gefahren, weil in FP1 Dino Beganovic das Auto bewegen durfte. Das warf Hamilton weit zurück.
Red Bull und Max Verstappen wieder im Niemandsland
Ähnlich weit zurück lag Max Verstappen mit 0,895 Sekunden Rückstand und nur mehr wenig bis gar keiner verbleibenden Hoffnung für den Rest des Wochenendes. Die mittelschnellen langen Kurven bereiten dem Red Bull große Probleme: "Hier nimmt man die Reifen sehr hart ran, es gibt nicht viel Grip, und das passt uns aktuell nicht."
Richtig schlimm war es auf der Qualifying-Simulation. Der Grip in den letzten Kurven war ein sichtliches Desaster für Verstappen. Seine Longrun-Pace war immerhin passabel im Vergleich mit der Konkurrenz. Interessanterweise spielte er dabei Versuchskaninchen für den Rest, da er seinen ersten Stint auf dem harten Reifen fuhr.
Bei Hitze würde man glauben, dass der sehr wertvoll sei. Aber tatsächlich rutschte man darauf nur noch mehr als auf Soft oder Medium. Das daraus resultierende Überhitzen der Oberfläche bedeutet, dass es zwischen Hard und Medium am Freitag keine nennenswerten Unterschiede gab. Dass Verstappen einen der zwei Hard-Sätze also schon verbraucht hat, muss für das Rennen kein Nachteil sein.
Gut für Red Bull ist außerdem, dass Alpine am Freitag bislang völlig verzagt. Das sichert nach hinten ab. Audi scheint dann das Mittelfeld anzuführen, hier kann das Auto seine gute Rennpace ausspielen. Arvid Lindblad war im Racing Bull zwar im Qualifying-Trimm schneller, konnte das Tempo über die Distanz dann aber nicht halten.



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