In den Rennen bot die neue Formel 1 bislang gute Unterhaltung, doch besonders beim Thema Qualifying mehrt sich der Frust unter den Fahrern. Wie sich herausstellt, erfordern die neuen Autos nicht nur einen neuen Fahrstil. Sie betrügen die besten Qualifier im Feld aktiv um Rundenzeit, wie es Charles Leclerc nach China erklärt.
Diesbezüglich gibt es im aktuellen Feld kaum Fahrer, deren Meinung zum Qualifying mehr Gewicht hat als Leclerc. Der 28-Jährige gilt seit Jahren als einer der besten, vielleicht sogar als der beste aktive Qualifying-Pilot der Formel 1.
Aktuell in seinem neunten Jahr hat Leclerc bereits 27 Poles eingefahren. Die drittmeisten im Feld, nur Max Verstappen und Lewis Hamilton haben mehr. Obwohl er oft in nicht gerade polefähigen Ferraris saß, liegt Leclercs Quote bei 15 Prozent. Nur 15 Fahrer haben in der Geschichte der Königsklasse eine bessere. 14 davon sind Weltmeister.
Solche Qualifying-Spezialisten, allen voran wahrscheinlich der berühmte Ayrton Senna, zeichneten sich üblicherweise dadurch aus, dass sie auf der entscheidenden Runde des Zeittrainings noch einmal mehr Risiko und näher ans Limit gehen können, und ein oder zwei Zehntel an Orten finden, an denen andere sich entweder gar nicht hinwagen oder das Auto dort nicht verlässlich unter Kontrolle halten können.
Formel-1-Qualiying 2026: Ganz anders als alles davor
Genauso erklärt es Leclerc auch nach dem China-Wochenende: "In der Vergangenheit war meine Stärke, dass ich in Q3 kam und dort massive Risiken eingegangen bin." Stichwort Vergangenheit. Denn die 2026er-Generation verlangt an den schwierigsten und riskantesten Stellen der Strecke nicht mehr nach dem Limit.
Entscheidend sind für diese Qualifying-Könner oft das Risiko in herausfordernden Highspeed-Kurven und das Setzen von extrem späten Bremspunkten. 2026 ist es nur im Sinne der Ingenieure, an genau diesen Stellen Dampf wegzunehmen. Es sind die perfekten Orte, um Energie zu sparen.
Man gewinnt viel mehr Zeit, indem man es vor oder in diesen Kurven langsamer angeht, und die dadurch gewonnene Energie dann auf langen Vollgas-Passagen effizienter einsetzt. Die neuen Hybrid-Motoren haben nämlich einfach nicht genügend Elektro-Energie, um alles abzudecken, was man gerne hätte. Sie sind dementsprechend von den Ingenieuren auf bestimmte Abgabe- und Auflade-Zonen optimiert und versuchen sich an die Fahrer anzupassen.
Charles Leclerc enttäuscht: Formel 1 hat verrückte Qualifying-Runden ruiniert
Wer nun an traditionellen Stellen wie früher das Limit sucht, wird sogar bestraft, verrät Leclerc: "Du beginnst den Motor zu verwirren, und du verlierst viel mehr, als du gewinnst. Konstanz macht sich bezahlt." Leclerc lernte dem wahren Umfang in China am Freitag im Sprint-Qualifying auf die harte Tour.
Im ersten SQ3-Versuch war er gewohnt aggressiv zu Werke gegangen. Sein aggressives Durchfahren der schwierigen Passage von Kurve 8 bis Kurve 10 schien jedoch seinem Batterie-Status überhaupt nicht gut zu tun. Hin zu Kurve 11 war er massiv langsamer als Teamkollege Lewis Hamilton. Auf dem zweiten Versuch wollte Leclerc es immer noch nicht wahrhaben. Dann fehlte ihm der Ladestatus auf der langen Geraden, was noch schlimmer war.
Am Samstag stellte er seine Methode um. "Da dachte ich, ich hätte in den Rhythmus gefunden." Doch das ist für ihn ein Trauerspiel: "Das ist für Q3 nicht mehr so aufregend, weil du nicht so pushen kannst, wie du willst. Es hat sich ausgezahlt, ich war näher an der Spitze dran, aber es war leider keine verrückte Runde. Das kannst du nicht mehr wirklich machen."
Werden Formel 1 und FIA im Qualifying gegensteuern?
Auch wenn Qualifying-Meister wie Leclerc von diesen Umstellungen am härtesten betroffen sind, so ist die Stimmung bei fast allen Fahrern deswegen schlecht. Denn Energiesparen statt Limit suchen betrifft alle, und deshalb wurde niemand Rennfahrer. "Der Intuition zuwider", nennt es McLaren-Teamchef Andrea Stella, der in China auch von Ingenieurs-Seite unschöne Einblicke geben kann.
"Manchmal merken unsere Fahrer an, dass sie einen Fehler machen, aber dadurch Energie sparen und dann in einem Sektor schneller sind", beschreibt Stella einen kuriosen Effekt. "Denn dadurch, dass du später am Gaspedal warst und Energie gespart hast, wirst du am Ende der Geraden belohnt."
"Willst du der traditionellen Motorsport-DNA treu bleiben?", stellt Stella in den Raum. "Akzeptieren wir eine der Intuition zuwiderlaufende Situation oder nicht? Das ist eher eine höhere philosophische Frage. Die Fans sind Teil der Antwort, auch die Fahrer. Formel 1 und FIA müssen da jetzt Feedback sammeln und sich ein Bild machen."
Für Leclerc ist die Lage klar: "Mir kommt vor, als fehlt uns da etwas. Aber ich weiß, die FIA arbeitet dran, hoffentlich finden wir dafür eine Lösung." Mit dem Racing im Rennen war Leclerc da deutlich glücklicher. Mehr über sein spektakuläres Duell mit Lewis Hamilton gibt es hier:



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