Marc Marquez hat am vergangenen Wochenende mal wieder MotoGP-Geschichte geschrieben. Im ersten Flag-to-Flag-Sprint überhaupt gewann er trotz Sturz - oder besser gesagt: Er gewann dank seines Sturzes am Ende von Runde acht. Dieser ermöglichte ihm nämlich, durch das Kreuzen der Schlusskurve und einer kleinen Grasfläche doch noch in die Boxengasse einzubiegen und so wertvolle Zeit einzusparen, obwohl er die eigentliche Boxeneinfahrt schon passiert hatte.

Im MotoGP-Paddock wurde daraufhin fleißig diskutiert: War das alles regelkonform oder hatte sich Marc Marquez mit dieser Aktion nicht einen unfairen Vorteil erarbeitet? Johann Zarco kritisierte bei den TV-Kollegen von 'Canal+' beispielsweise: "Für mich hätte er dieses Rennen nicht gewinnen dürfen, weil er in der letzten Kurve gestürzt ist und das bedeutet, dass er sich schon entschieden hatte, nicht in die Box fahren zu wollen. Wenn er das dann trotzdem macht, bedeutet das, dass er rückwärts fährt und das darfst du nicht." Eine Strafe blieb jedoch aus - weil Marquez gemäß Regelwerk der MotoGP auch nichts Verbotenes getan hatte. Mehr dazu in diesem Artikel:

MotoGP-Experte Tom Lüthi frohlockt: Marquez' Sprint-Leistung war unglaublich!

Weil der spanische Superstar also wieder einmal das Unmögliche möglich gemacht hatte, gibt es von unserem MotoGP-Experten Tom Lüthi großes Lob. "Grundsätzlich finde ich, dass das ein Masterpiece [zu deutsch: Meisterstück, Anm.] war, was er da abgeliefert hat", schwärmt der 125ccm-Weltmeister von 2005 in der neusten Ausgabe unseres Interwetten MotoGP-Magazins. "Das ist unglaublich, mit einem Sturz den Sprint noch zu gewinnen. Unglaublich! Ich bin da wirklich … ich war da fasziniert, wie er das geschafft hat."

"Als ich die Szene gesehen habe, dachte ich auch: 'Oh, oh. Das gibt noch Probleme'", gab Lüthi zu, "aber ich habe dann ein bisschen nachgelesen und verstanden, dass die Information schon vor dem Rennwochenende an die Teams und Fahrer rausgegangen war, dass nur die innere weiße Linie nicht überfahren werden darf. Der Marc ist über die äußere Linie drüber gefahren, zudem hat er auch abgewartet. Er hat den ganzen Verkehr vorbeigelassen und die Strecke erst gekreuzt, als es sicher war. Also hat er die ganzen Regeln eingehalten und es schlussendlich geschafft - mit einer unglaublichen Leistung."

Marc Marquez' Sprint in Jerez war eigentlich schon vorbei, Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS
Marc Marquez' Sprint in Jerez war eigentlich schon vorbei, Foto: IMAGO / PRESSE SPORTS

Tom Lüthi: Marc Marquez bleibt der MotoGP-Meister in Mischbedingungen

Besonders beeindruckt Lüthi, wie schnell Marquez nach dem Motorradwechsel mit den neuen Bedingungen zurechtkam. Die Boxengasse verließ er noch drei Sekunden nach Stallgefährte Francesco Bagnaia, hatte den Italiener aber nach neun Kurven schon wieder eingeholt und in Kurve zehn schließlich auch schon überholt. "Er ist auf das andere Motorrad, das Regen-Motorrad [gewechselt, Anm.], dann raus und ist sofort einen unglaublichen Speed gefahren", schwärmt der Schweizer. "Wirklich auch stark, wie er den 'Pecco' in Kurve zehn überholt hat."

Marc Marquez machte kurzen Prozess mit Francesco Bagnaia, Foto: IMAGO / NurPhoto
Marc Marquez machte kurzen Prozess mit Francesco Bagnaia, Foto: IMAGO / NurPhoto

An einem ansonsten eher schwierigen Wochenende für Marquez vielleicht auch die nötige Erinnerung an die MotoGP-Welt, welch großes fahrerisches Talent noch immer im neunmaligen Weltmeister schlummert. "Da ist er wirklich der Meister", streut Lüthi Rosen. "Das war extrem schwierig. Es war komplett nass, wirklich ein Platzregen. Dann klappt ihm das Vorderrad ein. Er stürzt, aber er lässt das Motorrad nicht los. Er greift direkt in die Kupplung und hält das Motorrad fest. Er denkt also schon während dem Stürzen daran, wieder aufzustehen und weiter zu fahren. Allein schon dieser Reflex und da so ready [bereit, Anm.] zu sein ... das ist eine unglaubliche Leistung. Dann kommt er direkt in die Box, springt auf das andere Motorrad. […] und dann kann er sich sofort anpassen, findet sofort das Gefühl für das Limit. Das ist wirklich unglaublich."

Wie bereits erwähnt konnte Marquez am Sonntag dann allerdings nicht mehr an diese "Meisterleistung" anknüpfen. Stattdessen hätte es im Grand Prix wohl auch ohne Sturz bestenfalls zu Platz drei gereicht, obwohl Bruder Alex zeigte, was an diesem Tag mit der Ducati GP26 möglich gewesen wäre. Tom Lüthi glaubt deshalb, dass mit Blick auf die schwere Schulterverletzung Marc Marquez' aus Indonesien bislang nicht die volle Wahrheit erzählt wurde:

Marquez bei voller MotoGP-Fitness? Lüthi: Nicht ganze Wahrheit! (27:53 Min.)