Marc Marquez schreibt im Sprint von Jerez einmal mehr MotoGP-Geschichte. Er kommt bei immer stärker werdendem Regen in der Zielkurve zu Sturz, kann aber mit seiner Ducati das Kiesbett wieder in Richtung Strecke verlassen, kreuzt anschließend diese sowie den folgenden Grünstreifen und biegt in die Boxengasse zum Wechsel auf sein Regenmotorrad ab. Da Marquez als einer der ersten Fahrer wechselt, kann er das Rennen schlussendlich noch gewinnen.

MotoGP-Konkurrenz protestiert: Marc Marquez soll bestraft werden

Seine Abkürzung in Richtung Boxengasse ruft aber die Konkurrenz auf den Plan: Ein Team protestiert und schwärzt Marquez bei den MotoGP-Stewards an. Diese prüfen den Fall und entscheiden nach Rücksprache mit der Rennleitung und einem Juristenteam des Motorradweltverbandes auf Freispruch für den amtierenden Weltmeister. Motorsport-Magazin.com erklärt, wie es dazu gekommen ist.

Hierfür gilt es, mehrere unterschiedliche Themen getrennt zu betrachten. Das erste ist die vor jedem Rennwochenende an Teams und auch Journalisten ausgesandte 'Race Direction Information'. In dieser werden streckenspezifische Besonderheiten und das dadurch nötige Verhalten erklärt. So auch das korrekte Befahren der Boxengasse. In Jerez relevant: Ein Überfahren der durchgehenden weißen Linie an der Innenseite der Einfahrt ist verboten. In diesem Bereich war Marquez aber nicht unterwegs. Er musste lediglich die Zeitnahmeschleife zwischen den 60-km/h-Schildern zu Beginn der Boxenmauer korrekt durchfahren. Das erledigte Marquez korrekt. Es liegt also kein Vergehen vor.

Marc Marquez: Korrekter Rejoin-Vorgang

Im Fall von Marquez' Sturz und der Weiterfahrt im Sprint von Jerez ist auch ein generell gültiger Teil des Sportlichen Reglements zu prüfen: In Paragraph 1.21.3 - Verhalten während Training und Rennen - heißt es: "Die Fahrer dürfen nur die Strecke und die Boxengasse nutzen. Wenn ein Fahrer jedoch versehentlich die Strecke verlässt, darf er an der von den Offiziellen angegebenen Stelle oder an einer Stelle, die ihm keinen Vorteil verschafft, wieder auf die Strecke zurückkehren."

Marc Marquez hat durch seinen Sturz die Strecke versehentlich verlassen. Es gab allerdings keine Anweisungen eines Offiziellen (hier sind Marshals am Streckenrand gemeint, Anm.), die Marquez missachtet hatte. Ihm stand es also frei, eine Stelle für die Rückkehr auf die Strecke zu wählen. Dieser 'Rejoin'-Vorgang ist streng genommen bereits in dem Zeitpunkt komplettiert, in dem Marquez wieder die eigentliche Fahrbahn erreicht. Das anschließende Befahren des Grünstreifens hat damit also nichts mehr zu tun. Doch auch hier ist Marquez im Recht.

Vorteil durch Boxenstopp: MotoGP-Reglement hat andere Intention

Die Konkurrenz argumentiert, dass er sich durch die Abkürzung über den Grünstreifen einen Vorteil verschafft hat. Hätte er diese nicht genommen, hätte Marquez schließlich eine weitere Runde mit Slicks auf nasser Fahrbahn überstehen müssen. Ein Graubereich also, den die Rennleitung zusammen mit den FIM-Anwälten allerdings aufklärte. In derartigen Fällen wird die Intention eines Paragraphen erörtert. Konkret bedeutet das: Wie war diese Regel gemeint. Und nicht: Wie könnte man sie auch auslegen?

Die Intention der Regel ist folgende: Ein Verschaffen eines Vorteils liegt etwa vor, wenn ein Fahrer eine Schikane abkürzt und so Zeit gewinnt. Oder im Falle eines Zurückkehrens auf die Strecke wäre es etwa nicht erlaubt, in Jerez in Kurve 6 zu stürzen und durch ein Befahren der Service Road und des Infields in Kurve 13 wieder auf die Fahrbahn zurückzukehren.

Es zeigt sich also: Ein eindeutiges Vergehen ist Marc Marquez nicht nachzuweisen. Mit dem Grundsatz "In dubio pro reo", also "Im Zweifel für den Angeklagten", lässt sich die Situation wohl am besten erklären.