Die Formel-1-WM scheint in diesem Jahr über Mercedes zu gehen. Die Silberpfeile erwischten einen Blitzstart in die neue Saison und wirken gegen die Konkurrenz in der Frühphase heillos überlegen. Doch in China war es nach einem defektbedingt suboptimalen Qualifying nicht Titelfavorit George Russell, der den Sieg davontrug, sondern dessen Teamkollege Kimi Antonelli.
Der erste Karriere-Erfolg des Italieners ist ein historischer. Es war nicht nur der erste Rennsieg eines Fahrers aus dem Ferrari-Land seit fast 20 Jahren, sondern er machte den 19-Jährigen auch zum zweitjüngsten F1-Sieger der Geschichte. In der Weltmeisterschaft liegt Antonelli damit nach zwei Wochenenden nur vier Zähler hinter Russell und - was noch wichtiger ist - er hat in Form des Mercedes W17 auch technisch dieselben Voraussetzungen wie der Brite. In Italien weckt das natürlich Hoffnungen. Wenn nicht schon Ferrari, kann dann vielleicht Antonelli das Motorsport-verrückte Mittelmeerland mit einem Titel erlösen?
Formel 1: Wie gefährlich ist der Antonelli-Hype?
Toto Wolff warnt vor einer zu hohen Erwartungshaltung an Antonelli. Wie schon vor einem Jahr, als das Supertalent im zarten Alter von nur 18 Jahren direkt in seiner Rookiesaison das Mercedes-Cockpit erhielt, will er seinen Piloten schützen.
"Man kann den Hype sehen, der jetzt startet. Vor allem in Italien. Ich sehe schon die Headlines, Weltmeister und so weiter. Und das ist wirklich nicht gut, denn es werden Fehler kommen", ist Wolff überzeugt. Die ersten kamen in diesem Jahr bereits: In Australien crashte Antonelli im 3. Training heftig, im Sprint von China verursachte er eine Kollision mit Isack Hadjar. In beiden Fällen hatte er auch einen schlechten Start zu verzeichnen.
"Er ist noch ein Kind. Es ist zu früh, um überhaupt über eine Weltmeisterschaft nachzudenken", will Wolff die Erwartungshaltungen nach unten spielen. Der zweite Satz gilt in seinen Augen übrigens nicht nur für Antonelli, sondern für das gesamte Team. Denn Wolff erwartet, dass die Konkurrenz auch politisch alles versuchen wird, um seine Mannschaft einzubremsen. Dazu kommt noch die zu erwartende rapide technische Entwicklung im ersten Jahr des Reglements.
Mit dem Verbot des Motorentricks von Mercedes gelang den Silberpfeil-Gegnern sogar schon ein erster Erfolg. Wobei aktuell noch fraglich ist, ob sich die Konkurrenz für 2026 nicht damit selbst ein Bein gestellt hat, denn komplett verpuffen wird der Mercedes-Vorteil wohl erst 2027. Mehr dazu hier:
Toto Wolff: Antonelli hat sich massiv gesteigert, aber ist er schon WM-reif?
Auch wenn er den WM-Hype um Antonelli im Zaum halten will, betont Wolff den "massiven Fortschritt", welchen der erst 26-fache Grand-Prix-Starter über den Winter hingelegt hat. Vor allem seinen mentalen Umgang mit Rückschlägen hebt der Österreicher hervor: "Ich denke, in seiner Persönlichkeit kann man schon sehen, dass er Fehler viel besser verdaut."
Als Beispiel nennt er den Unfall in Australien. "Er hat das nicht ins Briefing mitgenommen. Er kam und sagte: 'Das war nicht gut', aber er hat das dann ausgeblendet, ist weitergezogen und es war verschwunden", berichtet Wolff. "Ich denke das ist eine Eigenschaft vieler großartiger Sportler, dass sie, wenn sie einen Fehler machen, diesen analysieren, die Daten anschauen, ihre Antworten finden und es dann abhaken. Und das tut er."
"Auch die Interaktionen im Engineering-Raum, da hat er sich in den letzten zwölf Monaten so viel Reife angeeignet", ergänzt Wolff. Obwohl er diese Entwicklung festhält, fällt es dem Mercedes-Teamboss noch immer schwer, in Kimi nicht den 11-Jährigen zu sehen, der 2018 ins Juniorteam kam. "Als Person ist er immer noch einfach ein Kind, das sich nicht von dem Jungen unterscheidet, der erstmals in der Garage war, als er elf war. Das hat sich für mich nicht geändert, aber das ist vielleicht nur meine persönliche Perspektive."
Dass Andrea Kimi Antonelli für ihn alle Voraussetzungen mitbringt, um in der Formel 1 zu den ganz großen zu werden, daraus macht Wolff keinen Hehl. Aber ob er 2026 schon diese WM-Reife besitzt, davon scheint der dienstälteste Teamchef nicht auszugehen. "Beide haben die gleichen Möglichkeiten", meint Wolff mit Blick auf sein Fahrerduo, doch er lässt durchblicken, dass der Erfahrungsvorsprung für Russell und gegen Antonelli spricht: "Ich glaube, als junger Mensch muss er einfach noch an Reife gewinnen. Und er hat einen fantastischen Fahrer als Teamkollegen, der schon acht Jahre länger in dieser Position ist."
Mercedes-Duell: Wolff erwartet keine Neuauflage von Hamilton vs. Rosberg
Ein direktes internes Duell um den Formel-1-Titel, das kennt man bei Mercedes aus der Ära 2014 bis 2016 bereits zur Genüge. Damals hatte die deutsch-britische Mannschaft zwar einen Siegeslauf, musste mit Nico Rosberg und Lewis Hamilton aber auch einen wahren internen Krieg erdulden. Die einstigen Freunde aus Kart-Tagen wurden zu erbitterten Rivalen. Die Erwartung, dass eine ähnliche Entwicklung auch zwischen Antonelli und Russell einsetzen könnte, hat Wolff nicht.
"[Hamilton und Rosberg] waren zwei komplett andere Charaktere. Gleichzeitig sind Fahrer auch immer hier und sie sind so, wie sie sind, weil sie Rennen und Meisterschaften gewinnen wollen. Und in dem Moment, in dem man diese Möglichkeit riecht, kommen die Ellenbogen raus", gibt der Teamleiter zu bedenken. "[Antonelli und Russell] sind beide Mercedes-Junioren und wir waren für ihre Entwicklung verantwortlich seit sie Monoposto bzw. Kart fahren. Ich fühle im Moment - und vielleicht werde ich diese Worte eines Tages bereuen - dass wir uns in einer komplett anderen Position befinden", so Wolff.



diese Formel 1 Nachricht