Im Vorlauf dieser Formel-1-Revolution habe ich mich um Zurückhaltung bemüht und wollte es nicht schlechtmachen. Nach dem ersten Rennen in Australien kann ich mich aber nicht zurückhalten. Für mich als jemand, den man ziemlich sicher als "Motorsport-Puristen" bezeichnen kann, ist Melbourne ein desaströses Signal. Jetzt fürchte ich F1-Klassiker wie Spa-Francorchamps.
Um das Rennen selbst geht es mir hier gar nicht. Ich weiß, einige aus der Puristen-Ecke, und auch die Mehrzahl der aktiven F1-Fahrer, haben sich am Sonntag nach dem Rennen über das Racing und die Überholmanöver aufgeregt. 30 km/h oder mehr Überschuss, weil der Vordermann die Batterie auf- und der Hintermann sie entlädt, erzeugen viele Positionswechsel, aber haben nichts mit gutem, harten Racing zu tun.
Dem stimme ich in Grundzügen zu. Ich bevorzuge hart erarbeitete Überholmanöver. Ich bevorzuge auch Racing, in denen es möglich ist, sich realistisch zu verteidigen - nicht jeder Zweikampf muss in einem Überholmanöver enden. 2024 in Baku gab es zwischen Oscar Piastri und Charles Leclerc nur ein Überholmanöver, aber die Spannung, ob Leclerc den Konter schaffen konnte, fesselte mich die ganze zweite Rennhälfte.
Aber dieses "Chaos" muss in 2026 gar nicht einmal so gängig sein, nur weil wir es in den ersten Minuten nach dem ersten Start des Jahres sahen. Als sich Leclerc und George Russell erst einmal eingegroovt hatten und verstanden, wie sie ihre Elektro-Power im Zweikampf wirklich nutzen sollten, schien es ja gar nicht mehr so einfach zu sein. Mit der Elektro-Power habe ich nun aber ein viel größeres Problem.
Formel-1-Qualifying 2026 in Australien - kaum auszuhalten
Viel, viel schlimmer als diese Überholmanöver mit Überschuss fand ich es, am Samstag das erste Qualifying zu schauen. Ich mag nie in meinem Leben ein echtes Rennauto gefahren haben, doch ich hatte zumindest schon viel Spaß beim Simracing, und ich liebe es, Qualifying-Onboards anzuschauen und Rennfahrer am Limit zuzuschauen, besonders in Highspeed-Kurven.
Früher war da nichts so spektakulär wie die Formel 1. Fahrern zuzusehen, wie sie sich in Kurven wie Copse und den legendären Maggots-Becketts-Chapel-Komplex in Silverstone hineinwarfen. Oder in den letzten Jahren in die lange Bergab-Links Pouhon in Spa-Francorchamps. Oder auch in die Highspeed-Schikane mit den Kurven 9 und 10 in Australien. Tja...

Die Kurven 9 und 10 sahen mit den 2026er-Autos am Samstag im Qualifying schlicht ekelerregend aus. Aus einem simplen Grund: Die Autos haben zu wenig Leistung, weil die Batterie an diesen Stellen jetzt aufgeladen wird. Es macht nämlich technisch gesehen keinen Sinn, seine beschränkte Elektro-Leistung am Eingang von solchen Kurven zu verschwenden.
Also wurden die Autos selbst bei Vollgas hin zum Kurveneingang immer langsamer, weil die Ingenieure sich entschlossen, dass man dort die Batterie besser aufladen sollte. Als sie dann einlenkten, hatte das, was man dann sah, nichts mehr mit dem Spektakel zu tun, das wir aus Jahrzehnten Melbourne kennen. Es war genau das, was Fernando Alonso nach dem Bahrain-Test angekündigt hatte, als er durch die beste Bahrain-Passage - die Kurven 10 bis 12 - gefahren war: "Unser Koch könnte dieses Auto dort fahren."
Die Formel 1 hat das Spektakel Qualifying für Puristen ruiniert
Das waren leider jene Kurven, wegen denen ich Qualifying-Runden schaue. Jetzt sehe ich, wie alle 50 km/h unter dem Limit diese Kurven als billige Ladestationen verwenden. Und wir können uns drauf einstellen, dass das an vielen dieser Stellen passieren wird. Spa ist wie Melbourne etwa eine Strecke, wo es fast unmöglich ist, die Batterie ausreichend aufzuladen. Dann auf Wiedersehen, Pouhon.
Im Qualifying sah das in Melbourne teils absurd aus, wenn die Regie einmal auf eine Onboard eines Fahrers mitten in seiner Runde schnitt. Und kurz dachte man: Der hat doch die Runde abgebrochen, oder? Nur um zu realisieren, dass er sich gerade in einer Kurve befand, die aus Batterie-Gründen nicht mehr am Limit durchfahren wird.
Insgesamt ist die Formel 1, nur um das klarzustellen, sicher noch sehr schwierig zu fahren. Und ich kann es mir auch noch anschauen, um unterhalten zu werden. Aber das, was mich als Motorsport-Puristen am meisten angezogen hat, ist kaputt. Wäre schön, wenn man das reparieren würde. Zum Glück kann ich aber das tun, was mit Max Verstappen auch ein vierfacher Weltmeister tut. Einfach auf Dinge wie GT3, NLS und die 24 Stunden Nürburgring umschwenken.



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