Das erste Formel-1-Wochenende der neuen Saison und damit auch das erste Rennen der neuen Regelära ist geschlagen. Nachdem in den Wochen und den Tagen zuvor bereits viel über das Racing und den Fahrspaß bzw. (je nach Ansicht) den Mangel dessen geredet wurde, gab es am Sonntag in Australien den großen Lackmustest. Wie gut war das Racing tatsächlich?

Positionswechsel gab es in Melbourne vor allem in den ersten Runden sehr viele. Manche mit mehr, manche mit weniger Gegenwehr. Dadurch bekam das Rennen im ersten Viertel eine gehörige Portion Action, ehe es ziemlich rapide abebbte. Bei den Fahrern lässt dieser Zweiklang aus Trubel und Langeweile ein breites Spektrum an Interpretationsspielraum zu. Nach wie vor allerdings mit einer klaren Schlagrichtung zugunsten der Kritiker.

Mercedes-Fahrer feiern Erfolg und Reglement: "Unglaubliches Racing"

Wirklich ausgiebig positiv äußern sich aber nach wie vor nur die Minderheit der Piloten. Darunter natürlich Regelwerk-Hauptfan und Titelfavorit George Russell, der rekapitulierte: "Es gibt definitiv mehr Möglichkeiten und man muss viel strategischer sein." Der Mercedes-Fahrer war in den ersten elf Runden in einen direkten Zweikampf mit Charles Leclerc involviert, wobei die beiden mehrmals Plätze tauschten.

Auch Russells Teamkollege Kimi Antonelli, der sich nach einem schlechten Start von Platz 7 wieder auf die zweite Position vorkämpfte, freute sich über diese Art des Rennfahrens: "Das Racing war unglaublich. Der Overtake-Modus ist so stark, er kann viel Action auslösen. Es hat sehr viel Spaß gemacht."

Max Verstappen und Lando Norris genervt: Mario Kart; reines Chaos

Doch das sind die Ausnahmen. Wobei es wohl kein vollkommener Zufall ist, dass die dominanten Mercedes-Piloten dem Reglement mehr abgewinnen können als der Rest des Feldes. Max Verstappen bleibt seiner Linie treu. Er ließ auch nach seiner Aufholjagd von Platz 20 bis auf P6 kein gutes Haar an den Regeln und verglich das Racing gegenüber dem TV-Sender Viaplay mit Mario Kart: "Chaos! Ich finde nicht die richtigen Worte dafür."

Wie viele andere Fahrer stört er sich am 'JoJo'-Effekt der neuen Autos, bei dem ein Pilot nach einem erfolgreichen Überholvorgang die Energiereserven wieder laden muss und dieser dadurch wieder leicht ausgekontert wird, auch wenn in seinem Fall bei der Fahrt durchs Mittelfeld gegen kaum einen Gegner davon die Rede sein konnte. Spaß hatte er dabei keinen. "Wir wollen echte Formel 1. Heute war das nicht der Fall", betonte er. "Kleine Anpassungen reichen sicher nicht."

Lando Norris meinte, dass das Racing "schlimmer als erwartet" gewesen sei. Er schlug in dieselbe Kerbe wie Verstappen: "Es ist viel zu viel. Reines Chaos." Er führte den Sicherheitsaspekt ins Feld, wonach diese Regelgeneration mit starken Tempounterschieden auf der Geraden einen schweren Unfall förmlich provoziere. Seine genauen Aussagen könnt ihr hier nachlesen:

Scharfe Kritik: Es ist kein Racing, wenn jemand 30 km/h schneller fährt

"Je nachdem, wie sich die Power Unit manchmal zufällig entscheidet, kann man plötzlich von fünf Autos überholt werden und man kann nichts dagegen machen", ärgerte sich Norris auch abseits des Sicherheitsarguments. Die Beliebigkeit von Racing-technisch kaum anspruchsvollen Überholvorgängen nervt auch Isack Hadjar: "Es ist schwierig mit jemandem zu kämpfen, der 30 km/h auf der Geraden schneller fährt als du selbst."

Ihm war es in einem länger andauernden Zweikampf mit Racing-Bull-Pilot Arvid Lindblad so ergangen. "Ich sehe nicht, was an diesem Racing gut sein soll. Man sieht einfach nur Autos, die überall herumfahren", fasste er seinen Missmut über die neuen Regeln zusammen. In China erwartet der Franzose, dass dieser 'Chaos'-Effekt noch schlimmer werden könnte, da alle Teams aufgrund des Sprint-Formats nur ein Training haben, um sich darauf vorzubereiten.

Auf der anderen Seite lassen die aktuellen Autos ohne Batterie-Delta dann auch wiederum keine Überholvorgänge zu. Denn der Windschatten-Effekt ist minimal und der Überschuss, der durch die höhere Rekuperationsmenge erzielt wird, relativ gering. Das erkannte Oliver Bearman, der von Runde 20 bis Runde 40 hinter Arvid Lindblad feststeckte. "Es ist ein bisschen lächerlich, nur diese Menge an Delta auf Knopfdruck aktivieren zu können und dann so viel auf der nächsten Gerade zu verlieren."

An klassische Überholvorgänge auf der Bremse sei dabei nur selten zu denken. "Wenn man ein Manöver nicht zu Beginn der Gerade vollbracht hat, dann muss man auf der nächsten Gerade wieder aufladen und man wird zurücküberholt", berichtete er. Was der Haas-Fahrer davon hält: "Das ist nicht Racing. Das ist Formel E." F1-Rückkehrer Sergio Perez, der nach einem Jahr Pause wieder in der Königsklasse unterwegs ist, kam ebenfalls zu einem negativen Fazit: "Es macht viel weniger Spaß als früher. Das Racing ist viel zu künstlich." Ein Argument, dem auch Pierre Gasly zustimmte: "Es ist nicht natürlich."

Neue Unterstützer: Lewis Hamilton ist Fan des neuen Formel-1-Racings

Aber die Gegenseite, der das neue Racing zusagt, besteht nicht nur aus den Mercedes-Fahrern. Auch bei Ferrari zeigte man sich vermehrt positiv, wobei sich Charles Leclerc in der Formel-1-Pressekonferenz nach dem Rennen nur zurückhaltend äußerte. Lewis Hamilton dagegen überraschte mit positiven Worten gegenüber den neuen Regeln. Denn während der Testfahrten hatte er das damit verbundene facettenreiche Batteriemanagement noch scharf kritisiert.

Das Racing scheint ihm aber besser zu gefallen. "Ich persönlich liebe es", gab er sich euphorisch. "Ich denke, das Rennen hat sehr viel Spaß gemacht zum Fahren und das Auto hat viel Spaß gemacht. Ich habe den Autos vor mir zugesehen [Leclerc & Russell, d. Red], wie sich abwechselnd bekämpft haben. So weit so gut", freute sich der Rekord-Weltmeister.

Auch Audi-Fahrer Gabriel Bortoleto stellte dem neuen Formel-1-Racing ein gutes Zeugnis aus, wobei er interessanterweise dabei Argumente als positiv herausstrich, die von anderen Piloten negativ ausgelegt wurden. "Es war gut, würde ich sagen. Aber ich muss noch viele Dinge lernen. Ich habe unabsichtlich Überholmanöver gemacht, die ich nicht machen wollte, weil ich zu viel Energie hatte und andere verrücktes Clipping hatten."

"Man muss viel mehr denken und drei Geraden vorauskalkulieren, falls man wieder zurücküberholt wird und dann wiederum kontert, bis beide wieder auf demselben Energielevel sind", führte der Audi-Pilot aus. Soweit das grobe Stimmenbarometer nach Australien, an dem sich nicht alle Fahrer beteiligen wollten. Manchen ist die Messgröße eines einzelnen Grands Prix, der noch dazu auf einer etwas speziellen Strecke mit wenigen langsamen Ecken, ausgetragen wurde, noch nicht groß genug. Es gibt also ein drittes Lager, nämlich jenes der – jedenfalls öffentlich – Unentschlossenen.