Der Miami GP wird mit Spannung erwartet – nicht nur, weil die Formel 1 nach fünf Wochen Zwangspause endlich wieder Fahrt aufnimmt, sondern weil dort erstmals die neuen technischen Anpassungen greifen. Während Skeptiker nur ein "Pflaster auf einer klaffenden Wunde" sehen, wertet McLaren-Pilot Oscar Piastri die Änderungen als Schritt in die richtige Richtung getan.

"Die Anpassungen am Boost-Button und an der Art der Leistungsabgabe sollten die Dinge erstens wieder stärker unter unsere Kontrolle bringen und zweitens logischer beziehungsweise weniger extrem machen", erklärt Oscar Piastri. Er räumt jedoch ein: "Mit diesen Power Units gibt es keinen einfachen Weg. Es bleibt ein Kompromiss - das ist die Realität, mit der wir leben."

F1-Regelanpassungen: Fahrer wurden ernst genommen

Im aktuellen Regel-Kompromiss waren die Piloten einbezogen. Der GPDA-Gruppenchat quoll laut Alex Wurz in den letzten Wochen vor Ideen und Vorschlägen über. "Die FIA hat gut erkannt, was unsere Bedenken sind, und entsprechend gehandelt", so Piastri. Viele Vorschläge der Piloten seien jedoch eher Themen für die Zukunft. "Das sind keine Sachen, die man von einem Wochenende auf das nächste umsetzen kann. Das sind eher Themen von Jahr zu Jahr oder sogar mit noch längerem Horizont."

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Die aktuellen Änderungen zielen primär auf das Qualifying ab, das zuletzt durch extremes Energiemanagement an Faszination einbüßte. Bisher durfte bei Vollgas nur mit 250 kW rekuperiert werden. Das Paradoxon: Die Piloten gingen teilweise schon vor dem Bremspunkt vom Gas. Durch das Lupfen durfte mit 350 kW rekuperiert werden – und weil dadurch mehr Energie rekuperiert wird, die dann am Anfang einer Geraden eingesetzt werden kann, ist man über die Runde gesehen schneller.

Durch die Anhebung des Superclipping-Limits von 250 auf 350 kW soll die Lift-and-Coast-Seuche ab Miami immerhin eingedämmt werden. Der Fahrer wird so beim Energiemanagement entlastet. Das Ergebnis beim Geschwindigkeitsprofil bleibt ähnlich. "Wir fahren das Auto immer noch am Limit", stellte Piastri klar. "Aber eben jetzt am Limit innerhalb viel stärkerer Einschränkungen."

Ein Vergleich der Qualifying-Runden von Japan 2026 mit jenen aus 2025 verdeutlicht die neue Herangehensweise:

Beim Beschleunigen lässt die neue Fahrzeuggeneration ihren Vorgänger hingegen stehen wie die Grafik am Beispiel von Max Verstappen zeigt.

F1 2026: Wenn Gas geben, bestraft wird

Das hat zwei Gründe: Das sofort verfügbare Drehmoment des Elektromotors und die aktive Aerodynamik. Das größte Problem der aktuellen Formel 1 liegt zwischen Top-Speed und Bremspunkt. Die Leistung des Elektromotors wird bei Vollgas nicht nur zurückgefahren, der Motor wird zum Generator und bremst den Verbrennungsmotor ein. In Japan kamen die McLaren-Ingenieure zu dem Schluss, dass die schnellste Rundenzeit erzielt wird, wenn Piastri und Lando Norris zwischen den beiden Degner-Kurven gar kein Gas geben.

Christian Danner schlug eine radikale Kur vor, um die Formel 1 wieder spannend und sicher zu machen.

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"Dadurch musstest du in die Degner wahrscheinlich sogar noch mutiger sein als normalerweise. Du wusstest: Wenn du nicht hart genug in die Kurve hineinfährst und danach wieder ans Gas musst, ist das eine Strafe", erklärte Piastri und fügte hinzu: "Hoffentlich geht es mit diesen Anpassungen nun wieder etwas mehr in Richtung Normalität." Trotz der Regelanpassungen bleibt das Zusammenspiel der Systeme so komplex wie nie zuvor. Damit ist auch die Abhängigkeit von den Ingenieuren massiv.

"Wir [Fahrer, Renningenieur, Performance-Ingenieur; Anm. der Red.] versuchen herauszufinden, wann genau ich auf einer Qualifying-Runde optimal Vollgas gebe, wie ich in einer bestimmten Kurvenkombination wieder ans Gas gehe und wie sich je nach Kurvengeschwindigkeit die Batterie und die Power Unit an der einen Stelle anders verhalten als an einer anderen. Darüber musste ich mich vorher nie beschäftigen", erzählt der McLaren-Pilot.

Das Feedback ist entsprechend weniger physisch als früher: "Deshalb ist es so anstrengend, weil es nicht mehr nur darum geht, das Auto am Limit zu bewegen oder die Reifen zu spüren. Du musst per Versuch und Irrtum herausfinden, ob du beim Energiemanagement alles richtig machst", so Piastri. Da sich nach der Änderung des Reglements das Deployment des Elektro-Antriebs an mehreren Punkten von jenem vor der Aprilpause unterscheiden wird, gab die FIA eine Verlängerung des FP1 in Miami bekannt. Alle Details gibt's hier: