Red Bull schraubte nach dem Sprint-Qualifying am Freitag die Erwartungen für den China-GP bereits nach unten, doch der Samstag mit dem Sprint am Vormittag und dem Qualifying am Nachmittag bestätigte diesen Pessimismus nicht nur, sondern unterbot die geringen Erwartungen sogar noch.

Anstatt im Sprint wenigstens ein paar Punkte abzuknabbern ging es für Max Verstappen erst einmal mit einem Problem am Start ganz zurück. Das Auto des vierfachen Formel-1-Champions kam gar nicht in Gang. Offenbar ein Motorproblem. Ein ähnliches, das den ebenfalls mit Red-Bull-Antrieben ausgestatteten Racing Bull von Liam Lawson in Australien befallen war. Trotz eines actionreichen Rennverlaufes gab es also keine Punkte für Verstappen, sondern nur den neunten Platz.

Max Verstappen: "Es geht nur ums Überleben"

Dann kam am Nachmittag das Qualifying, in dem die schwache Freitags-Performance mit einem erneuten achten Platz mehr oder minder bestätigt wurde. Das Fazit von Verstappen fiel deutlich aus. "Das Auto ist komplett unfahrbar. Ich kann nicht einmal irgendwelche Referenzen setzen, denn jede Runde geht es nur ums Überleben", monierte er die Fahrbarkeit seines Formel-1-Boliden.

Dabei wurde am Setup des RB22 nach der Öffnung von Parc Ferme vor dem Qualifying großflächig Hand angelegt. "Wir haben das komplette Auto geändert, es hat null Unterschied gemacht", sagte er im Interview bei F1TV. Bereits in Australien hatten die Red-Bull-Fahrer über die Balance ihres Autos geklagt, aber diese sei noch kein Vergleich zu China: "Jetzt ist die Balance wirklich wirklich entkoppelt." Er berichtet davon, dass sein Bolide sowohl mit Übersteuern als auch Untersteuern zu kämpfen hat.

"Ich kann nicht pushen, weil mich das Auto nicht lässt", ärgerte er sich, "außerdem fühle ich mich nicht wirklich so als ob ich das Auto unter Kontrolle hätte." Aus dem Munde von Verstappen ein vielsagender Satz, denn kaum jemand im Formel-1-Fahrerfeld kann mit einer spitzen Abstimmung seines Auto so gut umgehen wie Verstappen. Mit dieser Fähigkeit wies er in den letzten Jahren einen Teamkollegen nach dem anderen in die Schranken.

Isack Hadjar widerspricht Verstappen: "Wir sind am Limit"

Gegen Isack Hadjar setzte er sich im China-Qualifying nur um eine Zehntelsekunde durch. Der Franzose, der bei seinem Red-Bull-Debüt in der vergangenen Woche noch glänzen konnte, wurde Neunter und hat ein anderes Bild von seinem Fahrzeug als Verstappen – auch wenn dieses kaum optimistischer wirkt.

Seiner Ansicht nach ist nicht die Balance das Problem, sondern der Grip. "Wir sind am Limit dessen, was wir als Paket haben", glaubt er. "Wir sind vom Grip limitiert. Wir benötigen überall mehr Last", sagte Hadjar. Den Kontrast zu seinem dritten Platz beim Formel-1-Auftakt in Australien sieht er nicht als solchen. "Wir waren in Melbourne acht Zehntel auf einer kleineren Strecke weg. Hier ist es größer, das enttarnt uns ein bisschen mehr. Ich denke wir haben dieselbe Performance", rechnet er vor. "[Die anderen] haben letztes Wochenende richtig verbockt", so seine Vermutung.

Red Bull: Auto ist das Problem, nicht der Motor

Die Erwartungen von Red Bull waren ohnehin vor dieser Saison mit leicht angezogener Handbremse formuliert worden, denn aufgrund des Einstiegs als neuer Motorhersteller ging man nie davon aus, gleich das Feld anzuführen. Doch der Motor ist derzeit nicht das Problem, sondern das Chassis, und das gibt dem Team aus Milton Keynes und seinem Topfahrer dann doch zu denken: "[Der Zeitverlust] kommt ein bisschen vom Motor, aber das ist nicht der überwiegende Anteil. Wir verlieren hier so viel am Auto", merkte Verstappen an.

Das spiegelt auch die Datenanalyse wider. Auf der Geraden verliert der Red Bull nur relativ wenig Zeit. Stattdessen werden Verstappen und Hadjar in den Kurven aus dem Kampf um die vorderen Positionen geworfen. In den schnellen Kurven im Mittelsektor gehen in Summe fünf bis sechs Zehntelsekunden verloren. In der modernen Formel 1 eine Welt, in einem einzelnen Sektor erst recht.

Die Hoffnung, dass es im Rennen besser läuft, hat Verstappen schon aufgegeben. "Realistisch kämpfen wir irgendwo rund um P7 oder P8", schätzte er. Wenn nicht schon wieder das Problem aus dem Sprint auftaucht. "Hoffentlich können wir es lösen, sonst bin ich wieder auf P20." Mit Fahrern wie Pierre Gasly oder Esteban Ocon hatte er schon im Sprint gekämpft und dabei festgestellt, dass sein Reifenverschleiß höher war als jener dieser direkten Gegner. Ob das nur eine Folge der Aufholjagd war, wird möglicherweise das Rennen zeigen. Eines ist in Verstappens Augen jedenfalls klar: "Es wird kein lustiges Rennen werden."

Lustig wird seiner Aussage nach in dieser Formel-1-Saison ohnehin nicht viel. Denn nicht nur mit dem Red Bull kann sich Verstappen nicht anfreunden, sondern mit dieser Regelgeneration an sich. Mehr dazu hier: