Über diese Szene spricht die Formel 1 auch eine Woche nach dem Saisonauftakt in Australien. Als die Lichter der Startampel im Albert Park ausgingen, wäre Franco Colapinto mit einem riesigen Geschwindigkeitsdelta um ein Haar ins Heck von Liam Lawson gekracht, der am Start fast stehenblieb. Colapinto wich erst Lawson und anschließend der Mauer haarscharf aus und verhinderte damit Schlimmeres.

"Ehrlich gesagt hatte ich mich im Auto in dem Moment schon auf den Einschlag vorbereitet. Ich war mir sicher, dass er mich rammen würde", gab Liam Lawson zu. Das Worst-Case-Szenario blieb zwar aus, dennoch fand F1-Weltmeister Lando Norris direkt nach dem Rennen deutliche Worte: "Wenn du jemandem auffährst, gehst du einfach nur fliegen und dann fliegst du über den Zaun. Du kannst dir selbst und auch anderen ziemlichen Schaden zufügen. Ich will gar nicht darüber nachdenken."

Sprintwochenende in China verschärft Situation

Mit Blick auf das bevorstehende Sprint-Wochenende in China wird das Thema noch heißer, denn die Fahrer haben vor dem Start in den Sprint nur zweimal die Möglichkeit, Probestarts zu absolvieren – am Ende des Trainings und vor dem Sprint selbst. Die üblichen Probestarts am Ende der Boxengasse sind am Shanghai International Circuit nicht erlaubt. Nicht wenige sind überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis etwas Schlimmeres passiert. Vor dem Saisonauftakt scherzte Pierre Gasly noch, die Fans sollten sich unbedingt den Start ansehen, "denn es könnte einer sein, an den sich alle erinnern."

Nach dem Vorfall in Australien mit seinem Alpine-Teamkollegen ist ihm nicht mehr zu Scherzen zumute. Stattdessen vergleicht er die Starts der Formel 1 mit einer Lotterie, bei der es darauf ankommt, ob die Power Unit ihre Aufgabe erfüllt oder nicht. "Macht das die Sache spannend? Ja, denn man kann auf der richtigen Seite landen und beim Start auf trockener Strecke eine unglaubliche Anzahl von Positionen gutmachen. Aber für uns als Team und besonders für Franco war es eindeutig eine beängstigende Situation, und ich bin froh, dass alle unverletzt geblieben sind."

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Max Verstappen, der in Australien von ganz hinten gestartet war, hatte ebenfalls mit der Batterieleistung seines RB22 zu kämpfen und fordert die FIA auf, schnell zu handeln. Schließlich sei das Problem einfach zu lösen. "Mit 0 % Batterieleistung zu starten, macht keinen Spaß und ist auch ziemlich gefährlich. Es gab in Australien große Geschwindigkeitsunterschiede – nicht nur ich, sondern auch andere hatten keine oder nur 20 % bis 30 % Batterieleistung. Das lässt sich meiner Meinung nach einfach beheben", meinte Verstappen. "Es gibt ein paar einfache Lösungen, aber sie müssen von der FIA genehmigt werden."

Was Verstappen damit meint? Das Reglement verbietet den Einsatz der MGU-K, wenn das Auto steht oder weniger als 50 km/h fährt. Die Folge davon ist, dass die Piloten am Start vollständig auf den Verbrennungsmotor angewiesen. Durch eine Regelanpassung könnte die MGU-K und die Batterieleistung jedoch dazu genutzt werden, um künftig das Turboloch am Start zu überbrücken. Esteban Ocon stellt klar: "Wir wollen nicht, dass es in der F1 zugeht, wie in der F2. Wir wollen nicht, dass jemand vor uns stehen bleibt und dann plötzlich wieder aus dem Nichts auftaucht. Es hätte [in Australien; Anm. der Red.] dramatisch enden können, daher müssen wir darüber sprechen, damit sich das nicht wiederholt."

Australien: Leclerc glänzt, Piastri patzt, Aston Martin floppt (41:49 Min.)

Formel-1-Lager zweigeteilt

Doch wie immer in solchen Fällen ist das F1-Lager zweigeteilt. Es verwundert nicht, dass vor allem Ferrari, die einen Startvorteil haben sollen, zu jenen gehören, die vor Schnellschüssen nach nur einem Rennen warnen. "Bevor wir eine wichtige Entscheidung treffen, sollten wir vielleicht noch ein paar Rennen abwarten, die eher dem Normalfall entsprechen, und dann urteilen", meinte Charles Leclerc. Lewis Hamilton betonte, dass er im Gruppenchat der Fahrer vor lauter Nachrichten gar nicht mehr beim Lesen nachkam.

"Ich bin nicht so wirklich an Gruppenchats interessiert, daher bin ich nicht so ganz sicher, was dort alles gesagt wird." Seiner Meinung nach handelt es sich beim Start um ein Problem wie viele andere, die zu Beginn einer neuen Saison auftauchen und sich mit der Zeit verbessern. Australien-Sieger George Russell ist überzeugt, dass einige Teams vom Rekuperations-Limit in der Formationsrunde überrascht worden sind. "Wenn man in der Formationsrunde den Start übt, verbraucht man Batterieenergie und lädt sie gleichzeitig wieder auf - und das zählt bereits zum Harvest-Limit dieser Runde."

George Russell weiter: "Die Fahrer weiter hinten im Feld haben dagegen bei ihrem Formationsstart beschleunigt, sind über die Start-Ziel-Linie gefahren, und dann setzt sich das Limit zurück, weil sie effektiv bereits auf der nächsten Runde sind." Seitens der FIA gab es Überlegungen, die Regel anzupassen, doch laut dem Mercedes-Pilot fehlte der Konsens unter den Teams. "Wie man sich vorstellen kann, wollten einige Teams, die gute Starts hatten, das nicht, was ich ehrlich gesagt etwas albern finde. Aber ich mache mir wegen der Starts keine großen Sorgen. Es ist letztlich nur eine zusätzliche Herausforderung", so Russell.

Der Formel 1 droht der nächste Motorenstreit. Diesmal geht es um die Kundenteams, die ähnlich wie 2014 benachteiligt sein könnten. McLaren wird schon überraschend deutlich.