Am Rande der ganz großen Dramen um das Energie-Management der neuen Formel 1 spielte sich in Australien ein lokalisierter, aber nicht minder wichtiger Streit unter Teams, Fahrern und FIA bezüglich Sicherheit ab. Nach dem Rennen warnt George Russell erneut vor den neuen Klappflügeln. Ein Thema, das am Samstag bereits für mächtig Ärger hinter den Kulissen gesorgt hatte.
Schon am Freitag hatten nämlich einige Fahrer begonnen, Besorgnis über das Flachstellen der Flügel in Kurven zu äußern. Kurz noch einmal zur Erinnerung: 2026 darf dieser sogenannte "Straight Mode" in allen vorab definierten Zonen immer aktiviert werden. In Australien waren das nicht nur Geraden, sondern eben auch der sehr lange Vollgas-Linksbogen am See entlang hin zu Kurve 9.

In der Theorie sollte sich durch das Flachstellen von Front- und Heckflügel die Aero-Balance des Autos - anders als in der Vergangenheit bei DRS, welches nur das Heck entlastete - nicht signifikant ändern. In der Praxis aber meldeten einige Fahrer besonders im Verkehr in der verwirbelten Luft des Vordermannes eine unverhältnismäßig stark abstumpfende Vorderachse.
Neue Formel-1-Flügel machen Klapp-Probleme - Änderungen gefordert?
"Wenn wir Straight Mode öffnen, bekommen wir starkes Untersteuern", erneuert George Russell diese Beschwerde am Sonntag nach seinem Sieg. Im Rennen hatte er sich in der Frühphase rundenlang im Heck von Charles Leclercs Ferrari befunden, und den Effekt erneut deutlich wahrgenommen: "Als ich versuchte, aus seinem Windschatten auszuscheren, war es, als ob mein Frontflügel nicht funktionieren würde."
Allein steht Russell nicht da. "Von Kurve 2 bis 3 und 6 bis 9 war mit dem Straight Mode am Start ziemlich fragwürdig", meint auch Pierre Gasly, der deutlich weiter hinten im Verkehr gestartet war. Je weiter hinten im Feld, desto haariger wird es: "Fragt mal Valtteri [Bottas] und Checo [Perez], die haben da sicher eine ganz andere Perspektive."
"Alles, was ich von der FIA erbitten würde, wäre, dass der Frontflügel nicht so aggressiv runterklappt", ist die Angelegenheit für Russell leicht zu beheben. "Aus einer Sicherheits-Perspektive würde es das Racing sichererer und besser machen. Ich sehe keinen Grund, es nicht zu tun."
Streit um Klapp-Flügel spitzte sich in Australien bereits zu
Ganz so einfach ist das Thema aber nicht. Das zeigte sich in Australien schon am Freitag, als - dem Vernehmen nach - mehrere Fahrer am Abend im Fahrer-Briefing den Regelhütern der FIA von dem Effekt berichteten. Plötzlich kam der Verband kurz darauf mit der Meldung um die Ecke, dass man die Zone in der langen Kurve kurzfristig ab dem 3. Freien Training entfernen und nur noch Corner Mode, also steilgestellte Flügel, erlauben würde.

Bei "sieben von elf Teams" sei laut dem FIA-Formelsport-Chef Nikolas Tombazis "der Abtrieb auf der Vorderachse weniger als wir erwartet hatten." Doch kaum erfuhren die Teams davon, liefen sie Sturm. Aus einfachem Grund. Straight Mode existiert primär, um das Energie-Management einfacher zu machen, indem man die Autos auf den Geraden windschlüpfriger und effizienter macht.
Entfernt man Straight-Mode-Zonen, wird das Aufladen - in Australien sowieso schon ein Krampf - noch schwieriger. Obendrauf hält McLaren-Teamchef Andrea Stella fest: "Du musst das Setup massiv ändern. Die Sturz-Limits wegen der Pirelli-Vorgaben neu anpassen. Die Reifen werden stärker belastet, und du brauchst ein viel höheres Auto, weil die Vorderachse nicht entlastet wird."
Audi wird Sündenbock für Australien-Schnellschuss - und ist sauer
Das wäre so kurzfristig in nur einem Training überhaupt nicht möglich gewesen anzupassen. Nach dem Team-Aufstand nahm die FIA die Änderung kurz vor FP3 daher wieder zurück. "Ein paar isolierte Kommentare wurden als allgemeingültiger Ruf eingestuft, die Strecke sichererer zu machen", analysiert Stella. "In der Realität hängt das an den Teams selbst."
Stella äußert am ganzen Prozedere höflich-verhüllte Kritik an den Klägern: "Wenn das Auto bei Richtungsänderungen nicht ausreichend kontrollierbar ist, weil du zu viel Abtrieb wegnimmst, dann liegt es am Team, den Flügel weniger stark zu öffnen. Anstatt das Strecken-Layout zu ändern, weil ein paar Autos vielleicht nicht genügend Front-Grip haben." Bei McLaren hat man ganz andere Sicherheits-Sorgen. Mehr von Lando Norris gibt es hier:
Wer war nun die treibende Kraft beim Straight Mode? Obwohl sich Russell am Sonntag beschwerte, war es nicht sein Name, der am Samstag im Fahrerlager kursierte. Da war es Audi, und dass Gabriel Bortoleto als erster Fahrer das Thema im Fahrer-Briefing aufgebracht hatte. Bortoleto stinkt das: "Da waren Leute, die fünf Mal so viel geredet haben als ich! Ich sagte nur, dass ich auf einer Runde mit dem Straight Mode etwas Untersteuern hatte und fast in einen Ferrari gefahren wäre."
"Die Leute sagen, ich hätte was über den Straight Mode gesagt, aber da waren andere Leute, ich will jetzt keine Namen nennen, die da viel mehr Druck gemacht haben als ich", klagt Bortoleto. Sein Teamchef Jonathan Wheatley springt ihm am Sonntagabend bei: "Mein Verständnis ist, dass weder Gabi noch Nico [Hülkenberg] etwas Auffälliges gesagt hätten. Nico hat tatsächlich gar nichts gesagt, und Gabi war nicht der erste."
Bei dem Thema ist jetzt erst einmal Durchatmen angesagt. Die FIA und Tombazis ließen schon am Samstag wissen, dass man sich jedenfalls Gedanken machen wolle, wie das Thema langfristig angegangen werden soll. Eigene FIA-Sensoren dafür einzuführen und darauf basierend Vorgaben zu setzen wäre möglich. Wobei Stellas Argument immer noch nachhallt: Letztendlich scheint es kaum unvernünftig, dieses Thema als Team-Verantwortung abzutun.



diese Formel 1 Nachricht