Der Sonntag in Australien ist für die Formel 1 eine einzige große Wundertüte. Die viel gescholtenen neuen Regeln und ihre Auswirkungen auf das Racing werden seit Monaten teils hitzig debattiert, und am Abend vor dem Rennen sind die Zweifler immer noch da. Motorsport-Magazin.com fasst die Überhol-Erwartungen der F1-Fahrer zusammen.
In den letzten Wochen seit den Testfahrten gehört Charles Leclerc sicher zu den lautesten Zweiflern. "Überholen ist etwas, das habe ich sofort bemerkt, sobald wir versucht haben, mit anderen Rennen zu fahren", hat er auch in Australien seine Meinung nicht geändert.
Schon während der Testfahrten in Barcelona und Bahrain versuchten Fahrer hin und wieder, sich an andere Autos ranzuhängen, um dort zuerst einmal die Auswirkungen der berüchtigten Dirty Air, der verwirbelten Luft, auf die Aerodynamik zu prüfen. Und dann versuchten natürlich viele, wie in einer echten Rennsituation aus dieser Position heraus anzugreifen.
Böse Fahrer-Vorahnungen in Australien: Overtake ist kein DRS mehr
Leclerc gehört zu einer Fraktion an Fahrern, die der Meinung sind, dass auch die 2026 schmaleren Autos mit weniger Aerodynamik immer noch stark von Dirty Air beeinflusst sind. Und dann beginnen die ernsten Probleme. Denn nicht vergessen: 2026 gibt es kein DRS mehr.
Die aerodynamische Überholhilfe wurde durch den sogenannten "Overtake"-Modus ersetzt. Der erlaubt es jedem, der bis auf eine Sekunde am Vordermann dran ist, etwas mehr Energie einzusetzen und etwas mehr aufzuladen. Doch dieser Effekt ist bei weitem nicht so groß wie es das Einsetzen von DRS war.
"Overtake macht ein bis zwei Zehntel aus, mit DRS waren es sieben bis acht", rechnet Carlos Sainz vor. In Summe ist dann schnell klar, warum viele Fahrer Panik schieben. Die Autos lassen es nicht zu, signifikant näher ranzufahren als in den letzten Jahren, und zugleich erzeugen sie trotzdem weniger Geschwindigkeitsüberschuss auf den Geraden.
Formel-1-Autos leeren in Australien die Batterie zu schnell - und dann?
"Auf dem Papier sieht es schwierig aus, aber wird das die Realität?", stellt Esteban Ocon indessen in den Raum. Für ihn ist die Lage weniger eindeutig, auch wenn er Sainz' Rechnung grundsätzlich zustimmt. Unsicher ist aber, wie sich das Energie-Management insgesamt im Rennen auswirken wird: "Wir können allein fahren und alles optimieren, aber wie das im Rennen laufen wird, mit Overtake-Nutzung ..."
Bei der 50-50-Aufteilung von Verbrenner und Elektro ist es mit den 2026er-Autos sehr schwierig, den Batterie-Ladestand zu halten, wenn man erst einmal in Zweikämpfen beginnt, aggressiv auf den Geraden die Batterie abzurufen. In der Theorie könnte man so beispielsweise ein Überholmanöver erzwingen - aber weil man so viel Leistung verfeuert hat, muss man dann mehrere Kurven lang aufladen.
Dann fährt der Gegner natürlich sofort wieder vorbei, und praktisch hat man nichts erreicht. Ein Szenario, vor dem Fernando Alonso schon vor Monaten nach Simulator-Sessions gewarnt hatte. Nichts der letzten Tage und Wochen scheint die Zweifler unter den Fahrern davon abgebracht zu haben.
In Australien ist die Angst erst recht groß, weil die Strecke mit Kursen wie Spa und Monza zu jenen gehört, die Aufladen sehr schwierig machen. "Das als erstes Rennen im Jahr zu haben wird denke ich für alle ein bisschen ein Schock", prognostiziert Alex Albon. "Für die Fans, für euch, wenn ihr seht, wie die Batterie eingesetzt wird, und wie viel Super-Clipping wir machen." Dieses "Super-Clipping" wird hier genau erklärt:
Mercedes-Piloten rügen Kritiker in Australien: Voreilig!
Nicht alle teilen die Panik. Das Mercedes-Werksteam hat sich seit Monaten auf der Gegenposition festgebissen. Auch bei ihnen hat nichts in den letzten Wochen eine Meinungsänderung herbeigeführt. "Diese Diskussionen zu führen, bevor die Saison überhaupt losgeht, ist voreilig", bemängelt George Russell.
"Strecken wie Melbourne oder Saudi-Arabien können sehr aufregend sein, schon allein darauf basierend, wie du die Energie verteilst", glaubt Russell. Das gilt auch für Überholen: "Momentan kannst du an Stellen überholen, an denen es Leute nicht erwarten. Das Racing wird verrückter als das, was wir bis jetzt kennen."
Die Logik der Mercedes-Fraktion: Eben weil man die Batterie-Power variabler einsetzen kann als DRS, kann man Leute überraschen. "Das Energie-Management ist der Schlüssel, und wird ein paar spektakuläre Manöver erzeugen, an denen man gar nicht denken würde", meint Kimi Antonelli. Dass einem dann die Leistung gleich ausgeht und man die Position gleich wieder verliert, ist kein Thema für Russell: "Ich denke überhaupt nicht, dass Überholen ein großes Problem sein wird."
Die Formel 1 wird in Australien hinten und vorne kritisiert. Nach dem Qualifying wurde erst recht auch wieder klar, wie dramatisch die Lage beim Energie-Management auf eine Runde ist. Fast alle Fahrer ließen daraufhin am Samstag scharfe Kritik vom Stapel.



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