Aston Martin geht nach miserablen Testfahrten mit stark gedämpften Erwartungen in den Formel-1-Saisonauftakt in Australien. Derzeit scheint es so, dass überhaupt eine Zielankunft schon ein fast unerreichbares Erfolgserlebnis für die Truppe aus Silverstone wäre, die in ihr erstes Jahr als exklusives Honda-Kundenteam geht.

Erst recht nach den Aussagen von Adrian Newey am Donnerstag in Melbourne. Der Aston-Teamchef betonte, dass die Power Unit die große Schwachstelle sei. Doch nicht einmal in erster Linie aufgrund von mangelnder Leistung, sondern aufgrund eines bestimmten Problems, das sogar direkt die Gesundheit der Fahrer in Gefahr bringt.

Adrian Newey: Alonso kann nur 25 Runden fahren, Stroll noch weniger

Eine vom Motor ausgehende Vibration treibt nicht nur das Auto über das Limit, sondern auch die Piloten. "Die Vibration verursacht einige Zuverlässigkeitsprobleme am Chassis. Spiegel, die abfallen, Hecklichter, die abfallen, all solche Dinge", so Newey. "Aber das signifikantere Problem damit ist, dass die Vibrationen sich letztendlich auf die Finger der Fahrer übertragen."

"Fernando hat das Gefühl, dass er nicht mehr als 25 Runden am Stück fahren kann, ohne dass er permanente Nervenschäden an seinen Händen befürchten muss. Lance ist der Ansicht, dass er nicht mehr als 15 Runden fahren kann, bevor er diese Grenze erreicht", vermeldet Newey. Longruns oder gar Rennsimulationen waren unter diesen Umständen bei den Formel-1-Testfahrten natürlich keine denkbar.

"Die Vibrationen, die aus dem Motor kommen, beschädigen ein bisschen die Autokomponenten und wir als Fahrer fühlen sie in unserem Körper. In dieser Frequenz der Vibrationen spürt man nach 20 oder 25 Minuten, dass man ein bisschen taub wird", beschrieb Fernando Alonso das Problem. Schwierigkeiten dabei, das Auto zu steuern, verursachen die Vibrationen nicht, aber die Langzeit-Folgen sind für ihn nicht absehbar: "Wir kennen die Konsequenzen nicht, wenn man so für Monate fährt."

Der letztendlich limitierende Faktor, der den AMR26 bei den Testfahrten am letzten Tag beinahe gänzlich zum Erliegen brachte, war die Batterie, die ebenfalls aufgrund der Vibrationen leidet. Diese hatte nach einem Defekt am vorletzten Tag sämtliche Ausfahrten zum Testfinale verhindert. Seitdem lief der Motor in Sakura auf dem Prüfstand und brachte dabei schon erste Lösungsansätze hervor.

"Basierend auf den umfangreichen Prüfstand-Tests, führen wir Gegenmaßnahmen ein, von denen wir glauben, dass sie die effektivste Lösung zu diesem Zeitpunkt bilden", versprach Koji Watanabe, der Präsident der Honda Racing Corporation. Er ließ durchklingen, dass man den Motor zunächst mit reduzierter Leistung fahren müsse: "Die Effektivität [der Gegenmaßnahmen] kann bei Streckenbedingungen noch nicht voll garantiert werden, deshalb müssen wir gewisse Bedingungen bei dem Betrieb der Power Unit in dieser Woche setzen."

Batterie-Problem gelöst: Muss Aston Martin in Australien trotzdem aufgeben?

Aber so viel zur Batterie. Ob dadurch auch das Chassis weniger Vibrationen abbekommt, erscheint noch zweifelhaft. Newey merkte an: "Es hat erfolgreich die Vibrationen, die in die Batterie gehen, reduziert. Aber es ist wichtig zu erinnern, dass effektiv die PU als Kombination aus dem Verbrennungsmotor und möglicherweise der MGU die Quelle dieser Vibration ist. Es ist der Vervielfacher."

"Das Chassis ist in diesem Szenario der Empfänger und ein Carbon-Chassis ist natürlicherweise eine sehr steife Struktur mit wenig Dämpfung. Beim Übergang dieser Vibrationen auf das Chassis haben wir keine Fortschritte gemacht, oder zumindest keine von denen wir wissen", so der Teamchef weiter.

Für das Rennwochenende könnte das bedeuten, dass das Horrorszenario für Aston Martin eintritt, bei dem man beide Autos schon alleine aus gesundheitlichen Überlegungen gegenüber den Fahrern nicht über die Renndistanz bringen könnte. Sofern die vorher genannten Probleme mit abfallenden Bauteilen nicht schon ohnehin terminale Schäden verursachen. "Wir werden sehr eingeschränkt darin sein, wie viele Runden wir im Rennen fahren können, bevor wir die Quelle der Vibrationen in den Griff bekommen", warnt er.

Alonso will noch keine Weltuntergangsstimmung verbreiten. Zunächst sei Abwarten angesagt. "Es ist wichtig, dass wir am morgigen Freitag das Auto testen und dann vielleicht am Freitagabend oder Samstagabend entscheiden, wie wir weitermachen", schätzt er den Zeitplan für das Wochenende ein.

Aston-Martin-Chassis konkurrenzfähig: Newey sieht die Schuld beim Motor

Wie genau die Honda-Performance aussieht, lässt sich aufgrund der Vibrationen noch nicht abschätzen. Newey erwartet erste Erfahrungswerte im Laufe des Australien-GPs. Er ist nach wie vor überzeugt davon, dass die Power Unit das Hauptproblem sei. Das von ihm entworfene Chassis sei hingegen konkurrenzfähig.

"Ich würde sagen, wir sind das fünftschnellste Team mit dem Potenzial auf der Chassis-Seite, sich für Q3 zu qualifizieren", so seine Einschätzung. Er geht von nur 0,75 bis einer Sekunde Rückstand aus. Doch nicht nur das: "Wir haben das Potenzial an einem gewissen Punkt in der Saison an der Spitze zu sein." Chassis-seitig versteht sich, was den Motor angeht erscheint dieses Ziel noch extrem weit entfernt.

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