Max Verstappen hat im Qualifying der Formel 1 in Abu Dhabi alles getan, was er konnte, um seine Chancen auf den WM-Titel zu wahren. Aber alles, was er nicht unter Kontrolle hat, entfaltete sich in seiner schlechtmöglichsten Form. Lando Norris steht direkt neben ihm, Oscar Piastri direkt hinter ihm, und keine Hilfe ist in Sicht. Wie kann sich Verstappen im Rennen heute also selbst helfen?
Irgendwas muss Verstappen tun, so viel ist klar. Norris reicht dank seiner 12 Punkte Vorsprung ein beliebiger Podiumsplatz, um Weltmeister zu werden, selbst wenn Verstappen oder Piastri siegen würden. Alle WM-Szenarien gibt es hier:
Max Verstappen und die empfohlene Hamilton-Taktik heute in Abu Dhabi
Damit steht eines vor dem Rennen fest: Es bringt Verstappen herzlich wenig, wenn er dem Rest der Formel 1 im Rennen davonfährt. Dann gewinnt er, aber er bräuchte wohl immenses Glück in Form von irgendeinem Chaos, welches McLaren dahinter völlig unerwartet erwischt. Aber Abu Dhabi öffnet Verstappen eine etwas untergriffige Alternative.
Dafür müssen wir kurz auf das WM-Finale 2016 zurückblicken. Nico Rosberg lag damals auf Kurs zum Titel, aber im Rennen auf Platz zwei hinter seinem WM-Gegner Lewis Hamilton. Im Wissen, dass man in Abu Dhabi schwer bis gar nicht überholen kann, nahm Hamilton im Rennverlauf daraufhin deutlich Tempo raus, um Rosberg aufzuhalten und in die Fänge des restlichen Feldes zu treiben. In der verzweifelten Hoffnung, dass dann irgendetwas, einfach irgendetwas passieren würde.
Viele im Fahrerlager gehen davon aus, dass sich die Geschichte heute wiederholen wird, wenn Verstappen als Führender vor Norris aus der ersten Runde zurückkommt. Etwa George Russell: "Er wird nicht einfach davonfahren und Lando das Podium überlassen." Russell und der hinter ihm startende Charles Leclerc haben heute Schlüsselrollen. Sie sind Fahrer, die Verstappen im Rennverlauf äußerst gerne vor Norris befördern würde.
Kann die Hamilton-Taktik 2025 in Abu Dhabi in der Formel 1 noch klappen?
Das erste Problem mit der Hamilton-Taktik ist: Es ist lange her. Die Strecke wurde seither umgebaut, zwei der horrenden Schikanen wurden entfernt. Überholfreundlich kann man sie nicht nennen, aber locker ein paar Zehntel pro Runde rausnehmen ist nicht mehr so einfach. Glaubt Verstappen: "Jetzt hast du mehr Windschatten. Die Autos sind auch komplett anders. Ich denke, damals war es viel einfacher, auch weil die Reifen überhitzten, wenn du nahe ranfuhrst."
Nächstes Problem ist, dass Verstappen sich in einem Zwei-gegen-Einen-Szenario befindet. "Das ist denke ich ein Vorteil", meint McLaren-Teamchef Andrea Stella. "Wenn du an einem Punkt zu stark rausnimmst, wirst du für Angriffe per Undercuts verwundbar." Zwar ist auch Oscar Piastri mathematisch im Titelrennen, aber das Team stellte zu Beginn des Wochenendes endlich klar: Kommt es hart auf hart, so wird man sehr wohl einen Fahrer bevorzugen, wenn man sonst Gefahr läuft, den Titel zu verlieren.
Treibt Red Bull McLaren heute in den nächsten Strategie-Bock?
Die strategischen Optionen sind für McLaren jedoch Fluch und Segen zugleich. Natürlich könnte man Norris oder Piastri früh stoppen, um einen bummelnden Verstappen mit einem Undercut unter Druck zu setzen. Aber ist das so ein guter Plan? Pirelli rechnet damit, dass die Teams ein Ein-Stopp-Rennen erzwingen wollen. Obwohl alle am Freitag von starkem Graining auf der Vorderachse überrascht wurden.
Nur ist Überholen eben doch noch ziemlich schwer. Wer also früh für eine aggressive alternative Zweistopp-Strategie an die Box kommt und dann in Mittelfeld-Verkehr steckenbleibt, für den kann das Rennen in ein absolutes Desaster ausarten, wenn die anderen vorne den Stopp ignorieren und mit einem Stopp durchfahren. Eine Hochdruck-Situation für die McLaren-Strategieabteilung, die nach einem Totalversagen durch das Verpassen einer offensichtlichen Entscheidung in Katar bereits heftiger Kritik ausgesetzt war.
Wieder gibt es Parallelen - diesmal zu 2010. Damals war Andrea Stella als Renningenieur direkt darin involviert, dass Fernando Alonso strategisch in eine Abseits-Position manövriert wurde, aus der er sich nicht befreien konnte. Sebastian Vettel holte stattdessen den Titel. Stella hat das nicht vergessen: "Damals war Graining auch ein Faktor. Mehrere Fahrer stoppten, weil ein Safety Car kam und sie auf das Graining geschaut haben."
Strategisch spielen hier die noch verfügbaren Reifen jedes Fahrers eine wichtige Rolle. Interessant ist hier, dass McLaren als einziges Team früh das erhöhte Graining antizipierte und sich zwei Sätze Hard-Reifen pro Fahrer aufsparte. Der Hard sollte auf dem Papier robuster sein. Red Bull setzt lieber auf zwei Medium, und nur einen Hard.
Bei einer problemlosen Medium-Hard-Einstopp spielt das natürlich keine Rolle. Aber was, wenn das Graining schlimmer ist als erwartet? Lässt sich McLaren im Glauben eines taktischen Vorteils womöglich in eine Zweistopp-Strategie treiben?
Wer kann Max Verstappen heute im Rennen noch helfen?
Unabhängig von alldem benötigt Verstappen Fahrer, die sich zwischen ihn und Norris schieben. Oscar Piastri kann eine Hilfe sein, muss es aber nicht. Wie gesagt, McLaren ist im Notfall bereit, eine Teamorder auszusprechen. Also braucht Verstappen im Idealfall Piasti hinter sich, und dann weitere Autos zwischen Piastri und Norris. Sprich: George Russell und Charles Leclerc.
Das bisherige Wochenende legt nur nahe, dass Red Bull und McLaren die Angelegenheit eher unter sich ausmachen. Russell betet selbst für den Verstappen-Zug, um zu einem besseren Ergebnis als einen vierten Platz zu kommen. Leclerc hat einen in Abu Dhabi erneut unterirdischen Ferrari über Nacht mit einem Extrem-Setup gerade noch auf den fünften Platz gebracht, weiß aber selbst nicht, ob das im Rennen gut sein wird oder nicht.
Russells und Leclercs Teamkollegen sind bereits zu weit weg, nicht einmal in den Top-10. Die werden von einem Mittelfeld aufgefüllt, das nichts mit dem WM-Kampf zu tun haben will. "Wenn er rausnimmt, ist das immer noch nicht langsam genug, dass wir ihn einholen", ahnt der von P6 startende Fernando Alonso. Er hätte lieber Ruhe, denn er kämpft mit den Autos um sich herum (Sauber, Haas, Racing Bulls) um die Plätze sechs, sieben, acht und neun in der Konstrukteurs-WM.
Braucht WM-Außenseiter Oscar Piastri heute den Crash am Start?
Letzter Faktor heute: Oscar Piastri. 16 Punkte hinten, nur hinter den beiden WM-Gegnern auf Startplatz drei, ein Titel erscheint äußerst unrealistisch. Man scheint es Piastri am Samstagabend in der Pressekonferenz schon anzumerken. Er weiß, das kann nur klappen, wenn richtig viel passiert. Aber aus seiner Motorsport-Karriere weiß er: "Ja, witzige Dinge können passieren. Das habe ich gelernt."
Norris startet auf P2 von der Innenbahn und hat knappe 180 Meter bis zur ersten Bremszone. "Ich denke, er wird recht vorsichtig sein", hofft Andrea Stella. Verstappen angreifen muss Norris schließlich nicht: "Das würde ich Lando jedenfalls raten. Er ist in einer sehr guten Position."
Das bringt nur den Verstappen-Faktor ins Spiel. Kann es sich Verstappen leisten, den ersten Platz in der ersten Kurve etwa nach einem schlechten Start an Norris zu verlieren? Wie weit ist er bereit zu gehen, um das zu verhindern? Wohl ist das ohne ein unberechenbares Safety-Car- oder Abbruch-Chaos realistisch gesehen die beste verbleibende Chance für Piastri: Der große Krach.



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