Ex-Teamkollege Carlos Sainz hatte die Formel 1 am Donnerstag schon vorgewarnt: "Abu Dhabi ist eine Lando-Strecke." Nach den ersten zwei Trainings scheint sich das beim Saisonfinale inklusive WM-Dreikampf zu bewahrheiten. Lando Norris enteilt seinen Kontrahenten Max Verstappen und Oscar Piastri zu weit. Die haben gleich zwei Probleme. Sie selbst sind zu langsam, und ihre nötigen Helfer lassen sich nicht blicken.
Der einfachste Weg zur WM für Norris ist bekanntlich, dass er einfach vor seinen beiden Rivalen ins Ziel kommt. Das tat er am Freitag in beiden Trainings mit Nachdruck. In FP1 lag er nur knapp vor Verstappen, aber auf diese erste Session kann man nicht viel Wert legen. In Abu Dhabi zählt nur FP2, wenn die Sonne untergeht, sprich das Wetter dem Rennen und dem Qualifying ähnelt. Und bei dem fuhr Norris dem Rest der Formel 1 dann sogar deutlich davon.
"Ich will immer noch etwas mehr vom Auto, ganz happy bin ich nicht, aber ich bin zuversichtlich, wir sind mittendrin im Ausprobieren", bilanziert Norris. Obwohl er Verstappen 0,363 Sekunden mitgegeben hatte. Piastri, der in FP1 noch von Pato O'Ward für ein verpflichtendes Rookie-Training vertreten worden war, hatte in seinen einzigen 60 Minuten auf der Strecke gleich gar nichts zu melden und scheiterte in der Qualifying-Simulation sogar an den Top-10. Wo also verlieren die beiden die Zeit auf Norris?
Die Probleme von Max Verstappen und Oscar Piastri in Abu Dhabi
Bei Max Verstappen war die Sachlage eindeutig. Nach einem unscheinbaren ersten Training hatte Red Bull nachjustiert und dabei sichtlich Untersteuern ins Auto gebracht. Oft eine Konsequenz im Kampf darum, in Abu Dhabi die im letzten Sektor leidenden Hinterreifen am Leben zu halten. Verstappen bekam den RB21 eigentlich in keine Kurve wirklich gut rein.
"Ich würde nicht sagen, dass es alarmierend ist, aber es ist keine komfortable Situation", räumt Red Bulls Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko ein. "Was wir verändert haben, bewirkte nicht das Erwartete. Aber wir haben schon schlechtere Freitage gehabt." Wenngleich auch Norris eben noch Luft hat. Wie bereits angesprochen verfeinert er sein Setup noch. Auf seiner besten Runde war ihm das Heck raus aus den Kurven 5 und 7 auf die langen Geraden eine Spur zu nervös.
Red Bull wähnt sich dennoch in Reichweite. Bei Oscar Piastri kommen Zweifel auf. "Auf dem Medium fand ich recht gut rein, aber auf dem Soft habe ich einfach nicht den Grip auf der ersten gezeiteten Runde maximiert", meint der WM-Dritte nach dem Training. Nur diese erste Runde zählt in Abu Dhabi, weil die weichen Reifen im letzten Sektor viel zu stark leiden. Einen zweiten Versuch kann man sich selbst mit Kühlrunden dazwischen abschminken.
Piastris Zeitverlust auf dem ersten Versuch ist allerdings besorgniserregend groß. In fast jeder Kurve verliert er deutlich Zeit, bis sich das zum Ende auf über sechs Zehntel aufsummiert hat. "Ich denke, es geht eher um die Details, das Auto fühlt sich eigentlich solide an", spielt er es dennoch herunter.
Norris auch im Renn-Trimm schnell - was macht Red Bull mit dem Topspeed?
Piastris Renn-Performance sah jedoch nicht wirklich besser aus. Im Longrun auf dem Medium führte Norris die Tabelle ebenfalls mit deutlichem Vorsprung an. Gute drei Zehntel auf Piastri, gute vier auf Verstappen. Der Red Bull hatte auch im Renn-Trimm mit dem Untersteuern zu kämpfen. Das sorgte tatsächlich erst schon für Probleme mit dem Reifen-Abbau auf der Vorderachse, erst danach kam die Hinterachse.
Hintenraus brach Verstappen in seinem Longrun dann komplett ein. Wichtig anzumerken ist hier jedoch, dass er viel länger fuhr als Norris und Piastri. Die stellten nach 8 respektive 7 Runden schon ab und fuhren noch kurz auf Soft raus. Den Punkt, ab dem Verstappens Pace einbrach, erreichten sie nicht.
Nennenswert ist hier dafür der Topspeed des Red Bull. Der RB21 ist zusammen mit dem Ferrari das schnellste Auto auf den Geraden. Das macht Verstappen im Rennen immerhin gefährlich, wenn er es an die Spitze schaffen sollte. Dann wird das Überholen für die an den Messpunkten am Ende beider Geraden langsameren McLaren eine Herkules-Aufgabe.
Generell ist der Eindruck im Fahrerlager nach den ersten Trainings der von mehr Reifen-Abbau als erwartet. Das könnte über Nacht das Kräfteverhältnis noch einmal deutlich durcheinanderwürfeln, wenn alle ihre Setups umstellen müssen. Erst recht, weil es überraschendes Graining ist. Eigentlich sind die 2025er-Pirellis dagegen sehr resistent. Pirelli revidierte am Freitagabend die Strategie-Prognose von "klarer Einstopper" zu "unsicher".
Verstappens besonders langer Longrun zeigte Red Bull hier die Grenzen auf, die McLaren womöglich nicht fand. Aber manövrierte sich Red Bull im Gegenzug mit der freitäglichen Reifenwahl ins Abseits? McLaren sparte zwei Sätze Hard pro Fahrer, Red Bull nur einen. Der Hard ist gegen das Graining robust und daher von Pirelli als Renn-Favorit ausgemacht. Allerdings geht der Reifenhersteller davon aus, dass die Teams trotzdem alles dran setzen werden, ihre Medium-Hard-Einstopp entgegen des Grainings durchzusetzen.
Was tun Mercedes & Ferrari für Verstappen & Piastri?
Strategische Ungewissheit ist etwas, das Verstappen und Piastri helfen könnte. Mit 12 beziehungsweise 16 Punkten Rückstand reicht es ihnen ja auch schließlich nicht, einfach nur vor Norris zu landen. Sie brauchen auch andere Autos, die zwischen ihnen und Norris landen. Sprich Ferrari und Mercedes. Von denen kommt am Freitag aber keine nennenswerte Rückendeckung.
George Russell landete knapp hinter Verstappen auf Rang 3, tut sich aber schwer, noch mehr zu finden. Seine Qualifying-Simulation war sauber und am Limit, der Longrun ebenso: "Die Rennpace war ehrlich gesagt nicht toll." Mercedes sieht als Maximum einen Kampf mit Verstappen und Ferrari, nicht einen mit Norris.
Ferrari aber schafft es nicht aus dem Performance-Loch. Das Auto ist wie bereits angemerkt schnell auf den Geraden, doch in den Kurven haben Lewis Hamilton und Charles Leclerc geradezu alarmierend wenig Grip. Leclerc ahnt bereits eine ausweglose Lage und hat keine Antworten parat, was er noch ändern könnte. Das 1. Training mit Bruder Arthur im zweiten Auto war für ihn "das einzig Positive heute". Im Longrun lag er sieben Zehntel hinter Norris, und brach auch früher ein als Verstappen.
Können eventuell überraschend starke Mittelfeldler also noch eine Rolle spielen? Immerhin landete Oliver Bearman auf dem vierten Platz, hinter ihm folgten die Sauber von Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto. Für Norris scheinen auch sie aber keine Gefahr. Und dass Bortoleto und Carlos Sainz' Williams in der Longrun-Tabelle so weit vorn auftauchen, liegt daran, dass sie ein zweigeteiltes Programm fuhren. Die Medium-Zeiten wurden spät mit leeren Tanks gefahren und sind relativ zu den Top-Teams nicht aussagekräftig.
Trotzdem ist Abu Dhabi immer wieder für eine Überraschung gut. Im Vorjahr schaffte Hülkenberg hier im Haas einen vierten Platz im Qualifying. Was Norris aber alles nicht interessieren wird, wenn sein Wochenende so weitergeht, seine Abu-Dhabi-Stärke bestätigt und er wie schon im Vorjahr von Pole zum Sieg fährt. Bislang sieht das durchaus realistisch aus. Aber wir erinnern an den letzten WM-Showdown 2021. Lewis Hamilton hatte damals das ganze Rennen über klar das schnellste Auto. Das muss eine WM nur nicht entscheiden.



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