McLaren-Teamchef Andrea Stella bezeichnete den 14. November 2010 vor ziemlich genau einem Jahr als den "schmerzhaftesten Tag meiner Karriere." Der heutige McLaren-Teamchef stand damals noch im Dienst von Ferrari und musste als Renningenieur für Fernando Alonso dabei zusehen, wie der sich beim Großen Preis von Abu Dhabi nach einem Strategie-Fehler hinter Renault-Fahrer Vitaly Petrov abmühte und dabei den WM-Titel verlor.

In einem spannenden Saisonfinale sicherte sich damals stattdessen Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel den Titel. Seinen ersten und den ersten in der Formel-1-Geschichte der Bullen. Nicht wenige erinnern sich in den Tagen rund um Abu Dhabi 2025 zurück, denn die Parallelen sind unübersehbar. Schon damals befanden sich drei Fahrer noch im Rennen um den Titel (theoretisch mit Lewis Hamilton sogar noch vier), auch damals lautete das Szenario 2 gegen 1. 2010: Zwei Red Bulls gegen Alonso. 2025: Zwei McLarens gegen Max Verstappen. Und auch damals lautete Stellas Gegner Red Bull.

"Interessante Parallelen" zum Formel-1-Finale 2010

"Es sind interessante Parallelen", gab auch Stella am Vorabend des Abu-Dhabi-Rennens zu. Vor allem, da die Reihe der Gemeinsamkeiten nicht einmal an diesem Punkt aufhört. "Es gibt Graining, was 2010 auch ein wichtiger Faktor war", fügt der McLaren-Teamleiter noch hinzu und erinnert sich: "Einige Autos, die stoppten, stoppten aufgrund eines Safety Cars, andere weil es Graining an den Reifen gab."

Dieses Problem mit den körnenden Reifen brachte 2010 erst das Schlamassel ins Rollen, wegen dem sich Ferrari genötigt sah, auf den Stopp von Mark Webber zu reagieren. Der Australier war von Team Maranello als Hauptgegner ausgemacht worden, Start-Ziel-Sieger Vettel entpuppte sich als großer Profiteur.

2025 schien Pirelli das Problem der Reifenkörnung eigentlich in Griff zu haben, doch ausgerechnet beim Saisonfinale, wo die Strecke schon seit Freitag weniger Grip bot als erwartet, kehrte es zurück, wie Reifeningenieur Simone Berra nach dem Trainingstag erklärte.

Das macht die Strategie komplizierter, denn obwohl nach wie vor eine 1-Stopp-Variante als schnellste Lösung gilt, erscheint eine 2-Stopp-Strategie als denkbar. Da sich das Graining-Problem aber am Samstag laut Pirellis F1-Boss Mario Isola zumindest vermindert zu haben scheint, deutet immer mehr auf eine 1-Stopp hin.

Dennoch droht nach der Pole Position von Max Verstappen, dass der Niederländer Lando Norris in ein kompliziertes Rennen verwickeln könnte. Etwa, indem er die McLaren-Fahrer absichtlich einbremst. Mehr dazu könnt ihr im Favoritencheck nachlesen:

Andrea Stella: 2010 war schmerzhaft, bin trotzdem stolz darauf

Trotz der genannten Parallelen betont Stella, dass man deswegen keineswegs aus sportlicher Perspektive Rückschlüsse von 2010 auf 2025 ziehen sollte. "Man kann nicht notwendigerweise technische Lehren übertragen, möglicherweise nicht einmal strategische", so Stella. Ein schlüssiger Punkt. Damals gab es etwa noch gar kein DRS, Überholen war deshalb extrem schwierig. Dass die Autos und die Technologie komplett anders waren, erklärt sich von selbst.

"Wenn man überhaupt etwas mitnehmen kann, dann, dass man diese Ereignisse mit dem richtigen Racing-Mindset angeht. Man sollte immer sicherstellen, dass man sich bei solchen Ereignissen im Klaren ist, dass es ein Privileg ist, ein Teil dessen zu sein. Ein Teil dieser Seite in der Geschichte der Formel 1 zu sein", sagte Stella leicht philosophisch angehaucht.

Diese Philosophie half ihm wohl dabei, den Schmerz der Niederlage 2010 zu überwinden. "Damals war es definitiv sehr schmerzhaft, aber ich denke, dass es einen großen Einfluss auf den Charakter hatte", erklärte der Italiener weiter und betonte: "Man wächst an Erfolgen und man wächst an den Zeiten, in denen man besiegt wurde. Wenn ich mich an 2010 erinnere, ist das ein Moment, auf den ich stolz bin."

An den Makel des verlorenen WM-Titels wurde Stella schon 2024 beim Formel-1-GP in Abu Dhabi häufig erinnert. Damals befand sich McLaren mit Ferrari im Titelkampf um die Konstrukteurs-Krone. Es war Stellas erste Chance auf eine Formel-1-Weltmeisterschaft seit dem sagenumwobenen Abu-Dhabi-GP 2010. Mit einem Sieg von Lando Norris wurde dieser Titel schließlich auch eingefahren. Ein Erfolg von Norris würde auch diesmal den Titel garantiert unter Dach und Fach bringen.